Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ohnmacht, Mut und Abstand - Seelsorge am Krankenbett

Corona hat die Seelsorge in Kliniken und Altenheimen in einem nie gekannten Maß herausgefordert. Einblicke in die Arbeit von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die das Sterben auf eine bittere Weise neu kennengelernt und sich dabei nie zurückgezogen haben.

Ein Seelsorger am Krankenbett in einer Klinik in Bonn. Foto: kna/Harald OppitzEin Seelsorger am Krankenbett in einer Klinik in Bonn. Foto: kna/Harald Oppitz

Vor einem Jahr hätte dieser Satz als Selbstverständlichkeit gegolten: „Die persönliche Begegnung ist durch nichts zu ersetzen und bleibt das Qualitätsmerkmal der kirchlichen Seelsorge.“ Jetzt ist diese Aussage von Thomas Dreher, dem Vorsitzenden des Konvents der Evangelischen Krankenhausseelsorge Württemberg, ein Fazit, ein Programm, eine Mahnung nach dem bislang eindeutig herausforderndsten Jahr für die Krankenhausseelsorge.

Susanne Vetter, Seelsorgerin. Foto: Privat

Wie wenig selbstverständlich persönliche Begegnung in Corona-Zeiten ist, hat Susanne Vetter erlebt. Sie ist Klinikseelsorgerin in Ulm und Altenheimseelsorgerin in Blaustein. Dort hat ihr ein Altenheim in der ersten Corona-Phase den Besuch verboten: „Das hat mich wild gemacht – diese Ohnmacht, da nicht mehr hinzukönnen zu den Leuten, die mir am Herzen liegen.“ 

Als das im Oktober wieder passierte, zog Susanne Vetter vor Gericht, um sich den Zugang einzuklagen. Durchsetzen musste das Gericht das nicht, der Altenheim-Träger hob das Besuchsverbot vorher auf. Susanne Vetter konnte wieder das tun, was sie theologisch so benennt: „Jedem den lieben Gott näherbringen.“

Von Angehörigen oder Bürgern habe sie immer wieder gehört: „Vielen Dank für Ihren Mut.“ So selbstverständlich war der nicht: „Natürlich habe ich Angst vor dem Gerichts-Verfahren gehabt, Angst vor dem Konflikt. Aber das war so ein status confessionis: Du tust es dann.“

Dabei ging es ihr nicht nur um ihr Heim: „Mir war wichtig, das für alle Kolleginnen und Kollegen in Württemberg zu machen.“ Sie möchte keine Einzelkämpferin bleiben: „Ich finde, Kirche muss viel mutiger werden, muss viel lauter sein.“

Es gibt auch Beispiele, wo es von Anfang an reibungslos lief. Wie am Heilbronner Klinikum am Gesundbrunnen, einem kommunalen Krankenhaus mit rund 1000 Betten. Dort sind Siegfried Fischer und Roland Opitz Seelsorger.

Die Klinik hat mit am meisten Covid-Patienten im Land. In der Spitze lagen an die 120 Infizierte im Haus. Zugang zu den Covid-Patienten hatten die Seelsorger immer. „Es war von Anfang an klar, dass wir mit auf Station gehen“, erinnert sich Siegfried Fischer. „Das war von der Klinikleitung sogar gewünscht.“

Seelsorge lebt von Nähe - Das eigene Risiko ist der Preis

Als Roland Opitz dann auf der Intensivstation erschienen ist, bekam er von den Schwestern zu hören: „Was, Sie trauen sich her?“ Roland Opitz sah keine Alternative: „Es ist wichtig, dass Seelsorger präsent sind und Patienten und Mitarbeiter im Blick haben.“ Aber ihm war immer klar: „Ich gehe ein persönliches Risiko ein und habe die Sorge: Bin ich selbst ein Risiko, schade ich jemanden?“

Dieses Risiko zu minimieren funktioniert nur bedingt: „Seelsorge lebt von der Nähe. Wenn man ans Bett geht, hält man erst etwas Abstand, aber dann merkt man: Ich muss näher ran, vielleicht auch die Hand halten. Dann ist die Sorge vor einer Infektion ausgeblendet.“

 

Siegfried Fischer (oben) und Roland Opitz (unten) in Zivil und in der Schutzmontur, in der sie auf der Covid-Station tätig sind. Fotos: Wolfgang Albers, PressebilderSiegfried Fischer (oben) und Roland Opitz (unten) in Zivil und in der Schutzmontur, in der sie auf der Covid-Station tätig sind. Fotos: Wolfgang Albers, Pressebilder

Aber nicht die Gefahr im Hinterkopf. „Angst direkt hatte ich nicht“, sagt Siegfried Fischer, „aber ich habe Respekt vor dem Virus entwickelt.“ Der Heilbronner Seelsorger hat sich mit seiner Familie zusammengesetzt, andere Menschen informiert, die Schwiegereltern nicht mehr besucht. Und Freunde: „Und es fällt mir schwer, darauf zu verzichten.“

Auch Roland Opitz hat seine Kontakte reduziert. „Ich habe seit Monaten kaum einen meiner Freunde getroffen, höchstens im Freien und mit Maske.“ Und er hat erlebt, dass ihn seine Arbeit stigmatisiert. „Ich wollte zwei Fortbildungen machen – da hieß es: Nein, Sie dürfen nicht kommen.“

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Beide Seelsorger sind bis jetzt nicht infiziert worden. Aber psychisch hat ihnen das Virus zugesetzt. „Ich habe in den vergangenen Jahren schon so viele Menschen beim Sterben begleitet und deshalb gedacht, ich hätte keine Angst vor dem Tod“, sagt Roland Opitz. „Aber Covid hat das geändert, weil es ein furchtbares Sterben ist.“

„Es sind diese schlimmen Verläufe, die uns zur Erschöpfung geführt haben“, berichtet Siegfried Fischer. „Spätestens bei der zweiten Welle. Das Sterben hat zugenommen. Ich mache das fast jeden Tag: Sterbegebete sprechen, den Sterbesegen geben. Teilweise war die Covid-Station eine Palliativ-Station. Da war man schon nach drei Zimmern niedergedrückt, weil man wusste: Diese Menschen dort werden das Haus nicht mehr verlassen.“

In der ersten Phase kam Siegfried Fischer einmal zu einem Sterbenden: „Im Bett daneben lag schon einer im Leichensack, und der war noch offen, weil der Totenschein noch nicht ausgestellt war.“ Es gab viele solch bedrückende Eindrücke: „Das lange apathische Liegen der alten Menschen, die mit offenen Augen an die Decke starren, fast keinen Kontakt mehr aufnehmen können, die sich teils zusammenkrümmen im Bett. Und daneben stehen die Ärzte, machtlos. Für sie ist das auch schlimm: Sie vertrauen den Werten, sehen einen Patienten auf dem Weg der Besserung – und am nächsten Tag ist er tot.“

Roland Opitz hat von vielen seiner Patienten gehört: „Covid ist das Schlimmste, was ich erlebt habe.“ Was sogar eine Frau sagte, die 13 Operationen wegen Brustkrebs hinter sich hatte und dann mit Covid auf der Intensivstation lag. Dazu kommt die Isolation. Ein alter Mann hat sich gegenüber Roland Opitz so geäußert: „Hier bist du vergessen, liegst wochenlang im Zimmer, darfst nicht raus, hast keinen Besuch.“

Einsam, kraftlos, apathisch - "Der einzige Besuch sind wir"

Was die besondere Rolle der Klinikseelsorge beschreibt: „Der einzige Besuch sind wir“, sagt Roland Opitz. Auch beim sedierten beatmeten Patienten auf der Intensivstation. „Ich spreche mit den Intubierten, halte ihre Hand, bin da. Ich habe schon erlebt, dass es Reaktionen gab von Menschen, die eigentlich nichts mitbekommen. Ich glaube, dass es eine atmosphärische Wahrnehmung gibt.“ Die verhindere auch der Vollschutz nicht, in dem der Seelsorger steckt: „Selbst durch den Gummihandschuh kann man menschliche Wärme spüren.“

Es geht nicht nur darum, die Einsamkeit zu lindern. Oft müssen die Seelsorger die Patienten psychisch stärken. Roland Opitz kommt zu Kranken, von denen die Ärzte sagen, sie seien überm Berg. Und der Kranke sagt nur: „Lasst mich sterben, ich habe keine Kraft mehr.“ In solchen Situationen versucht Opitz, die Kräfte zu wecken: „Sie haben schon so viel durchgemacht, nehmen Sie das als Kraftquelle für den weiteren Weg.“ Leicht ist das nicht: „Das verlangt auch mir viel Kraft ab, für den Menschen zu hoffen.“

Genauso wichtig ist der Kontakt zu den Angehörigen. Die Seelsorger sind in den Zeiten des Besuchsverbotes auch Boten. „Wir sagen den Angehörigen“, berichtet Siegfried Fischer, „wie wir mit den Patienten umgehen, was wir sagen, dass wir sie streicheln.“ Die Pfarrer begleiten Angehörige, wenn sie in Ausnahmefällen kommen dürfen. Eine Kraft kostende Aufgabe. Roland Opitz stand mit einer Frau am Bett eines 50-jährigen Mannes, dessen Beatmungsmaschine ausgeschaltet wurde. „Da stirbt ein Mensch in Minuten. Dort mit der Frau zu stehen – das ist nicht zu vergleichen mit einer anderen Krankheit.“

Siegfried Fischer erinnert sich an ein Ehepaar, beide auf der Covid-Station. Die Frau starb, der Vater lag daneben, die Söhne waren zum Abschiednehmen dabei. Und sie flehten die Ärzte an: „Tun Sie alles, dass unser Vater nicht auch noch stirbt.“

Aber er lag bald im Sterben. Am Tag des Begräbnisses der Mutter. Als Siegfried Fischer einen Sohn informierte, sagte dieser: „Wir können nicht kommen, das schaffen wir einfach nicht mehr.“ Siegfried Fischer ist langjährig im Dienst, aber „das sind Situationen des Sterbens, die ich so nicht kenne“.

2020 war ein Jahr, das alle mitgenommen hat, sagen beide Seelsorger. Das Personal: „Es ist am Anschlag.“ Die Patienten, selbst wenn sie entlassen werden: „Die haben so einen Aderlass an Kraft.“ Und die Seelsorger selbst. Roland Opitz hatte zwischen Weihnachten und Silvester frei. Zu seiner Frau hat er gesagt: „Mach das Radio aus. Ich will nichts von Covid hören.“

Klinik-Seelsorgerin Ingrid Wöhrle-Ziegler im Schutzanzug. Foto: Wolfgang Albers, PressebildKlinik-Seelsorgerin Ingrid Wöhrle-Ziegler im Schutzanzug. Foto: Wolfgang Albers, Pressebild

Auch für Ingrid Wöhrle-Ziegler sind der gelbe Plastik-Kittel, die blauen Kunststoff-Handschuhe und die FFP2-Maske zur täglichen Dienstkleidung geworden. Sie leitet das Seelsorge-Team des Diakonie-Klinikums Stuttgart. Und war am Anfang der Pandemie entsetzt, als es um ihre Arbeit ging: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden, als es hieß: keine aufsuchende Seelsorge.“

Stattdessen etwa den Sterbesegen von Pflegenden vorlesen lassen? „Da sind wir nach einer Woche von abgekommen. Die sind in einer ganz anderen Rolle, die wollen das auch nicht. Es ist was ganz anderes, wenn die Seelsorge kommt und die Aussegnung macht – das lässt sich nicht ersetzen.“

Es musste auch nicht ersetzt werden. Ingrid Wöhrle-Ziegler ist die Vorsitzende des Ethik-Komitees am Krankenhaus und durch dieses Amt ständig im Gespräch mit Ärzten, Pflegenden und den Seelsorgern. In der Tasche hatte sie auch die Diskussionen des Arbeitskreises Ethik in der Medizin: Dort haben Ärzte gesagt, dass eine Abschottung der Covid-Kranken unmenschlich sei. Damit war klar: „Die Seelsorge ist Teil des Behandlungsteams der Covid-Kranken. Das gehört zum Diakonie-Profil dazu.“

Ingrid Wöhrle-Ziegler ist Seelsorgerin und Vorsitzende des Ethik-Komitees am Diakonie-Klinikum. Foto: Wolfgang Albers

Die Gespräche mit den Kranken auf der Covid-Station reichen von Plaudereien über das Wetter und die Politik bis zu existenziellen Themen: „Manche sprechen über die Krankheit, manche über Biographisches.“ Sie bringt ein Stück Normalität in die Krankenzimmer. Wie ihr ein 75-Jähriger nach drei Wochen Beatmung gesagt hat: „Wenn ich Ihre Augen sehe, dann ist das Leben. Ich starre hier von einer Ecke in die andere – da wird man doch verrückt.“ Ingrid Wöhrle-Ziegler geht auch auf die Pflegenden zu: „Da sein, wo die Mitarbeiter arbeiten“, das ist ihr wichtig. „Es gibt viele kurze Gespräche, die gut tun.“

Normalität ans Bett bringen trotz Corona

Eine andere wichtige Aufgabe ist es, ein Auge auf die Kranken zu haben, denen es schlechter geht. Auch im Diakonie-Klinikum sterben Covid-Infizierte, 19 waren es bislang. „Wenn es jemandem gar nicht gut geht, stoßen wir an, dass die Angehörigen kommen dürfen.“ Diese Angehörigen begleitet Ingrid Wöhrle-Ziegler, anfangs sogar beim aufwändigen Umziehen. „Wenn die Angehörigen das wollten, haben wir sie auch am Sterbebett begleitet. Das können Pflegende zeitlich nicht leisten.“ Manche Verstorbene werden in den Aussegnungsraum gebracht: „Da können die Angehörigen noch einmal kommen. Das ist ein Zusatzaufwand – aber für die Menschen wichtig.“

Präsenz ist notwendig. Deshalb gibt es weiterhin Gottesdienste in der Klinikkapelle: „Da handeln wir in Übereinstimmung mit unserem Gewissen, unserer inneren Überzeugung: Es ist wichtig, dass etwas leibhaftig stattfindet.“ Aber die Seelsorger sorgen sich auch: „Wenn dabei etwas passiert wäre, hätten alle gesagt: Kein Wunder.“

Im Diakonie-Klinikum werden die Seelsorger zwei Mal in der Woche getestet. Möglich ist das durch ein Krankenhaus, das Geld und Ressourcen in die Seelsorge steckt. Was Ingrid Wöhrle-Ziegler auf grundsätzliche Gedanken bringt: „Ich bin sehr für Modelle, in denen die Krankenhausseelsorge refinanziert wird. Krankenhäuser und Krankenkassen sollten sehen, was sie an der Krankenhausseelsorge haben und Stellen mitbezahlen.“

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