Christliche Themen für jede Altersgruppe

Pfarrer auf dem Traktor - Kirche kommt zu den Menschen

MERKLINGEN / MACHTOLSHEIM (Dekanat Blaubeuren) – „Wenn die Menschen nicht zu uns kommen dürfen, kommt die Kirche eben zu den Menschen“, sagen Cornelius Küttner und Florian Rochau. Mit einem Aktionsgottesdienst verwirklichten die Pfarrer während der Corona-Krise ihr Versprechen und brachten mehr Menschen auf die Straße als sonntags in die Kirche.

Merklingen. Wie beim Umzug sammeln sich Zuschauer am Rand der Straße. Die morgendliche Tour wird an einigen Stellen von Blechbläsern begleitet. Foto: Brigitte ScheiffeleWie beim Umzug sammeln sich Zuschauer am Rand der Straße. Die morgendliche Tour wird an einigen Stellen von Blechbläsern begleitet. Foto: Brigitte Scheiffele

„Ich brauche das: Menschen sehen. Mit ihnen das Leben feiern“, sagt Pfarrer Cornelius Küttner. Deshalb tauscht er mit seinem Kollegen Florian Rochau am Sonntag Jubilate den Altarraum gegen einen Traktor-Anhänger ein. Ausgerüstet sind die beiden mit einer Mikrofonanlage, zwei Stühlen und einer eigens für diesen Zweck zusammengefügten Nachbildung aus dem Merklinger Kirchturm und dem Machtolsheimer Wasserturm: beides Relikte aus dörflichen Theaterstücken und Wahrzeichen der jeweiligen Gemeinden. Zwar gerät die besondere Form dieser Attrappe bei der sonntäglichen Fahrt über die Alb gelegentlich ins Wanken, dennoch demonstriert sie die Einheit beider Kirchengemeinden, welche die Pfarrer gemeinsam betreuen.

Langsam startet Julian Wittlinger, ein 20-jähriger Student der Agrarwissenschaften, seinen Bulldog. Der Duft von Raps liegt über quietschgelben Feldern in der Luft, die in der Nacht vom Regen klar gewaschen wurde. Die Pfarrer sammeln ihre Gedanken, schauen noch einmal das Manuskript an, schalten die Musik ein und schon sind ein paar Menschen im Machtolsheimer Kirchgarten zu sehen, der ersten Station.

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Hier übernimmt Florian Rochau den ersten Impuls, überschrieben mit „Zurück auf Anfang“. Posaunenund Trompetenbläser haben sich positioniert, und die Menschen singen: „Danke für diesen guten Morgen“. Noch sind im Ort nur wenige Menschen vor den Haustüren zu sehen, die meisten winken hinter den Fenstern. „Glasscheiben transportieren aber keine Emotionen“, denkt sich Küttner. Doch ab jetzt erwartet die beiden Pfarrer eine Überraschung nach der anderen.

„Guten Morgen, Machtolsheim“ und „Guten Morgen, Merklingen“ – so begrüßen die beiden Seelsorger an sieben Stationen ihre Gemeindeglieder, die sich an einem äußerst ungewöhnlichen Bild erfreuen: Zwei Pfarrer stehen im Talar auf dem Anhänger eines Traktors, winken den Menschen am Straßenrand zu und die Menge applaudiert. Was für ein Bild, was für eine Aktion: „Das ist wie ein Fasnetsumzug!“, ruft jemand. Aber auch „Was für eine geniale Idee!“ oder „Das ist mal eine lebendige Form von Kirche!“.

Aus allen Ecken strömen jetzt die Menschen zu den angekündigten Haltepunkten: Heitere Gesichter sind zu sehen beim Laufen, auf dem Fahrrad, mit Kindern und Puppenwagen, mit Roller, im Sportdress oder sogar Pfeife rauchend – zum Beispiel an der Haltestelle am Wasserturm. Auch hier spielen bereits Blechbläser, während Menschen die Straße entlang eine lange Reihe bilden und auch Platz in den Vorgärten auf der anderen Seite finden. Dann biegt der Traktor um die Ecke, auf dessen Schlepper winken Küttner und Rochau, die Begrüßung ist freudig. Nun wird es still.

Wie beim Umzug sammeln sich Zuschauer am Rand der Straße. Die morgendliche Tour wird an einigen Stellen von Blechbläsern begleitet. Foto: Brigitte ScheiffeleWie beim Umzug sammeln sich Zuschauer am Rand der Straße. Die morgendliche Tour wird an einigen Stellen von Blechbläsern begleitet. Foto: Brigitte Scheiffele

Kirche kommt zu den Menschen - Winken und danach predigen

Laut Küttner lagern im Wasserturm 800 Kubikmeter Wasser. Damit könne sich ein Mensch 730 Jahre ernähren, sofern er täglich drei Liter Wasser trinke. Eine unerschöpfliche Quelle also, die für mehr als ein Menschenleben reiche. Doch werde das Wasser ungenießbar, wenn es nicht fließe. Es werde immer „ungenutztes“ Wasser geben. Der Pfarrer zieht einen Vergleich zu den eigenen Kraftquellen eines Menschen, deren Chancen und Möglichkeiten nicht alle genutzt würden. Leben aus einer Quelle heraus bringe immer mit sich, dass man wiederkommen müsse, um zu schöpfen, denn man könne nicht alles horten.

Heiterkeit, stille Andacht und Applaus zeichnen die ungewöhnlichen Begegnungen zwischen Pfarrern und Dorfbewohnern in Machtolsheim aus: Kirche, Friedhof, Wasserturm und Ortsmitte, bis die Reise weitergeht – genau im Zeitplan – nach Merklingen, zur Haltestelle am Pflegeheim.

Auch hier bietet sich den Bewohnern, die den besonderen Aufmarsch von ihren Zimmern und Balkonen aus verfolgen können, ein fröhliches Bild: Traktor samt Anhänger haben vor der Seniorenanlage eine optimale Stellmöglichkeit gefunden, so dass jeder den Impuls zum „Denken und Danken“ nach Psalm 103 sehen und hören kann. „Früher war alles besser. Wenn wir jetzt diesen Satz aussprechen, mag das zum Teil stimmen, zumindest vor ein paar Monaten“, sagt Küttner. Wer aber das Datum um 75 Jahre zurückdrehe, denke schon nicht mehr so. Denn da habe Deutschland in Trümmern gelegen. Viele Kinder hätten keinen Vater mehr gehabt, das Zuhause war zerstört, Millionen von Menschen waren auf der Flucht. Das sei ungefähr ein Menschenleben lang her. Dass sich seither bis heute auch Gutes ereignet habe, daran erinnert Küttner. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, sagt der Pfarrer. Denn immer dann, wenn man sich an schöne Erlebnisse erinnere, könne das Gehirn das Gefühl abrufen und erlebtes Glück kehre zurück. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Mit fröhlicher Stimmung. Deswegen tue es gut, sich an Schönes zu erinnern.

Über die „geniale Idee“ freuen sich die vielen Besucher am Friedhof und in der mit vielen Menschen gefüllten Merklinger Ortsmitte. „Nach so vielen Wochen, in denen man kaum jemanden real sehen durfte, ist es sehr bewegend, in so viele dankbare Gesichter zu blicken“, sagt Florian Rochau. „Plötzlich war die Kommund-Geh-Struktur verändert. Die Kirche macht sich auf und nicht die Menschen zu ihr.“ Er denke an Jesus, der auch zu den Menschen ging, dahin, wo sie waren. „Das sollten wir öfters machen.“ So oft wie an diesem Tag habe er noch nie „einen gesegneten Sonntag“ gewünscht. Rochau und Küttner sind überwältigt und hätten nie mit einer solchen Resonanz gerechnet. □

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