Christliche Themen für jede Altersgruppe

Pflicht, Verbot und Erotik - Liebe, Lust, Leidenschaft in der Bibel

Sexualität kommt im Alten Testament häufig vor. Vielfach wird die Pflicht zur Fortpflanzung benannt, es geht um Verbote, aber auch ums „Erkennen“. Außerdem gibt es im Alten Testament Erotik pur: im Hohelied der Liebe.

Liebe, Paar, Verbindung. Foto: adobe stock/ pict riderFoto: adobe stock/ pict rider

Es gibt im Hebräischen verschiedene Begriffe für den Geschlechtsverkehr. So wird der Kontext der Zeugung von Nachkommen meist mit bõ’’æl ausgedrückt und mit „eingehen zu“ übersetzt. Gemeint ist die zweckgebundene Ausübung der Pflicht eines heterosexuellen Paares zur Zeugung von Nachkommen. Vor allem im 1. Buch Mose wird bõ’’æl häufig gebraucht, speziell in den Erzelternerzählungen. Kindersegen war im alten Orient lebenswichtig: Es wurden helfende Hände in der Landwirtschaft gebraucht, zudem als Absicherung fürs Alter. Interessant ist eine Regelung, die für ein kinderloses beziehungsweise ein Paar ohne männlichen Nachkommen beim Tod des Ehemannes galt: In der Erzählung um Tamar geht es um die „Schwagerehe“ (1. Mose 38,8-9): Wenn ein verheirateter Mann ohne männlichen Nachkommen verstorben war, hatte dessen Bruder (oder nächster Verwandter) mit der verwitweten Schwägerin für Nachwuchs zu sorgen. Dies diente zur Namenserhaltung des Verstorbenen, zur Sicherung seines Erbteils und versorgte die Witwe wirtschaftlich (5. Mose 25,5-10).

bõ’’æl wird auch in den Büchern Rut und 2. Samuel verwendet, wo es um die Abstammungs- und Zeugungslinie des Königs David geht (Rut 4,13 und 2. Samuel 12,24). bõ’’æl wird stets aus der Sicht des Mannes benutzt. Der Mann geht zur Frau ein, nicht umgekehrt.

Aspekt des Nacktseins kommt dazu

Wird das Wort šãkab verwendet, ist davon auszugehen, dass der Beischlaf Anstoß erregte. Das „liegen bei“ beschreibt den Geschlechtsakt unter den Vorzeichen des Verbots. Zahlreiche Beispiele, welche sexuellen Beziehungen untersagt sind beziehungsweise wie bei Verstößen zu verfahren ist, finden sich vor allem in Gesetzestexten (wie in 3. Mose 19,20).

Im 1. Buch Mose wird beschrieben, wie die Töchter Lots sich um Nachkommen bemühen (bõ’’æl in 1. Mose 19,30), aber dafür ihren Vater betrunken machen, um von ihm schwanger zu werden, also bei ihm liegen (šãkab in 1. Mose 19,32-35). So zählt auch der Bericht über den Alraunen-Handel der beiden Schwestern Lea und Rahel um eine Nacht mit Jakob zur Kategorie des Anstoßes, obwohl es hier ebenfalls um die Zeugung von Nachkommen geht (1. Mose 30,15-16).

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

šãkab wird auch für gleichgeschlechtlichen sexuellen Umgang benutzt (3. Mose 19,18). Das Wort taucht auch im Kontext von Vergewaltigung auf (zum Beispiel 1. Mose 34,2) und bei Sodomie (2. Mose 22,18). Als David mit der verheirateten Bathseba schläft, wird auch dies mit šãkab bezeichnet (2. Samuel 11,4). šãkab ist weniger an den männlichen Akteur gebunden und kann auch als Aufforderung einer Frau an den Mann erfolgen. In der Josefsgeschichte ist es die Ehefrau des Potiphar, die Josef auffordert, „bei ihr zu liegen“ (1. Mose 39,7).
Paar. Bett. Foto: Sasin Tipclai, pixabayFoto: Sasin Tipclai, pixabay

Entsteht nun der Eindruck, als käme Sexualität vorwiegend im Kontext von pflichtbewusster Zeugung oder Verbot vor, wird mit dem Verb jãda‹ ein anderer Aspekt eingeführt. jãda‹ kommt über 990 Mal in der Hebräischen Bibel vor und wird hauptsächlich mit (er-)kennen, wissen übersetzt. Im Kontext der Sexualität bezeichnet jãda‹ den Geschlechtsverkehr unter dem Vorzeichen der Nacktheit.

Das Erkennen gegenseitiger Nacktheit findet sich zum ersten Mal, nachdem Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen haben. Ihre Nacktheit versuchen sie sogleich zu bedecken (1. Mose 3,7). Voreinander völlig entblößt zu sein, ist etwas, dem die beiden mit der Herstellung von Kleidung notdürftig entgegenwirken. Sie versuchen also, das gegenseitige Erkennen, die Nacktheit, voreinander zu verbergen. An anderen Stellen ist das Erkennen die Bezeichnung für Jungfrauen, die noch nicht von einem Mann erkannt wurden (1. Mose 19,8). Es wird damit auch die Enthaltsamkeit eines Mannes gegenüber einer Frau ausgedrückt (1. Mose 38,26).

Die Beispiele, in denen jãda‹ als Bezeichnung des sexuellen Verkehrs genutzt wird, beschränken sich auf die Paare Adam und Eva (1. Mose 4,1) sowie Hanna und Elkana (1. Samuel 1,19). Der erste Mensch, der außerhalb des Paradieses gezeugt wird, Kain, und der letzte Richter in Israel, Samuel, werden beide mit Gottes Hilfe empfangen. Sowohl Eva als auch Hanna werden zwar von ihren Ehemännern erkannt, aber Schwangerschaft beziehungsweise Geburt werden eindeutig Gott zugeschrieben (1. Mose 4,1 und 1. Samuel 1,19-20). Gottes entscheidende Beteiligung verleiht dem Wort jãda‹ in diesem Kontext besondere Bedeutung, die sich so in der Hebräischen Bibel nicht mehr wiederholt. Insofern kann es verstörend wirken, dass jãda‹ auch da gebraucht wird, wo es offensichtlich um versuchte (1. Mose 19,5) oder durchgeführte Gruppen-Vergewaltigung (Richter 19,22) geht. Das Erkennen der Nacktheit wird hier als Tatbestand dargestellt und hat nichts mit einer romantischen Interpretation des Erkennens als Bezeichnung für den Beischlaf zu tun.

Jemanden zu (er-)kennen bedeutet, mit dieser Person in Beziehung zu sein, Erfahrungen mit diesem Menschen gemacht zu haben. Somit denkt jãda‹ Erkennende und Erkannte eng zusammen und sensibilisiert für den Umgang miteinander sowie die Konsequenzen. Es ist gleichzeitig ein sehr weitgespannter Begriff, der sogar für die Beziehung zwischen Menschen und Gott benutzt wird (Psalm 36,11). Slum in Indien. Foto: billy cedeno, pixabaySlum in Indien. Foto: billy cedeno, pixabay

Gott zu kennen bedeutet, solidarisch mit den Armen und Schwachen zu sein (Sprüche 29,7). Gott zu kennen, erfordert Beziehungsarbeit, die stets mit Liebe, Treue und Ehrfurcht einhergeht und durch die Bewahrung der Erinnerung an gemeinsam gemachte Erfahrungen gekennzeichnet ist. Kein Wunder, dass die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk Israel häufig als Ehebund ins Bild gesetzt wird, besonders von den Propheten, allen voran Hosea. Andere Götter zu verehren, entspricht der Untreue gegenüber Gott. Die enge Beziehung zu Gott, die sich im Kennen Gottes begründet, wird so sprachlich in den Bedeutungskreis der intimsten Form zwischenmenschlicher Begegnung gesetzt.

Liebe, Treue und Ehrfurcht

Die intime Nähe zwischen Gott und Menschen wird auch in der allegorischen Auslegung des Hohelieds verwendet. Hierbei wird der Geliebte mit Gott identifiziert und die Geliebte mit Israel. Das Hohelied lässt sich aber auch gut als erotische Literatur lesen.

Das Wort jãda‹ kommt hier allerdings nur in intellektueller Variante vor, im Sinne von wissen und nicht wissen (Hohelied 1,8). Auch sonst zeichnet sich das Hohelied vor allem durch die Abwesenheit der bisher genannten Begriffe aus. Es wird in verhüllender oder andeutender Art über die sexuelle Begegnung der Liebenden geschrieben. Dabei werden alle sinnlichen Register gezogen: Düfte, Geschmäcker, Anblicke, Berührungen und akustische Eindrücke. Aber weder geht der Geliebte zu seiner Geliebten ein, noch liegt sie bei ihm. Die Beziehung der Liebenden scheint den Kontexten der Zeugung von Nachkommen und des verbotenen Beischlafs entzogen. Es geht auch an keiner Stelle um die Ehe. Denn im Hohelied wird die sexuelle Liebesbegegnung unter dem Vorzeichen des Verliebtseins beschrieben.

Aufrichtiges Begehren bestimmt die Suche der Liebenden nacheinander, nach Orten, an denen sie sich einander hingeben können.
Foto: Pexels, pexels

Der sexuelle Verkehr bleibt stets nur angedeutet; die metaphorische Sprache im Hohelied will gerade nicht eindeutig sein, sondern vielmehr die Fantasie ihrer Leser und Leserinnen anregen. Die Erotik entsteht im Kopf, wenn die Körper der Liebenden beschrieben werden, wenn von Küssen und Düften die Rede ist oder von einem Ort unter dem Apfelbaum, an dem die Geliebte dem Geliebten ihre Liebe schenken will.

Als nahezu meistkommentiertes Buch in Antike und Mittelalter hat sich das Hohelied besonders unter Mystikern stets großer Beliebtheit erfreut. Bedauerlich, dass es in der Perikopenordnung der evangelischen Kirche kaum vorkommt. Hingegen werden verschiedene Abschnitte des Hohelieds zum Pessach-Fest in der synagogalen Liturgie gelesen. Das Hohelied drückt offensichtlich eine Liebesqualität aus, die in der jüdischen Exegese bis heute auf die Beziehung zwischen JHWH und Israel hin gedeutet wird: Gottes Liebe ist befreiend – in jeglicher Hinsicht. Insofern ist das Hohelied mit seiner lebenslustvollen Art der Liebe sowohl erotische Literatur zwischenmenschlicher Intimität als auch Begleitlektüre bei der Entdeckung der sinnlich erfahr- und erkennbaren Gottesliebe.

THEMA Liebe, Lust, LeidenschaftMehr über Sexualität und Glaube lesen Sie im THEMA-Heft „Liebe, Lust, Leidenschaft. Sexualität in biblischer Perspektive“.

Nur 4,50 Euro (plus 2,90 Euro Versand).

 

Bestellung:
Evangelisches Gemeindeblatt, Augustenstraße 124, 70197 Stuttgart,
Telefon 0711-60100-61, Fax 0711-60100-76,

E-Mail: vertrieb@evanggemeindeblatt.de