Christliche Themen für jede Altersgruppe

Phänomene und Fantasien - Kirchenraum als Ort der Kunst

LAUFFEN AM NECKAR – Bei der einen sind es religiöse und weltliche Texte, bei der anderen Kreisbilder aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen, die sie inspirieren: Rea Siegel Ketros (77) und Bettina Roth-Engelhardt (56) sind bildende Künstlerinnen – und haben bei einem gemeinsamen Projekt den Kirchenraum als Ort für ihre Kunst entdeckt.

Beide Künstlerinnen leben in Lauffen am Neckar. Rea Siegel Ketros praktiziert bereits seit 27 Jahren die Zen-Schulung, eine strenge Bewusstseinsschule im Buddhismus, um sich selbst immer wieder zu überwinden und den Urgrund zu erfahren, wie sie es beschreibt. Gleichzeitig hat die praktizierende Buddhistin aber auch jahrelang im Chor der Regiswindiskirche in Lauffen gesungen. Das schließt sich für die vierfache Mutter und fünffache Oma nicht aus. „Es ist für mich immer interessanter geworden, wie nahe die Essenz religiöser Traditionen beieinander liegt.“

Der Urgrund sei derselbe, auch wenn er in kulturellen Zusammenhängen anders formuliert werde, das Innerste sei gleich, stellt sie fest. So sind es oft religiöse Texte oder Musik, die sie bewegen und die sie in ihren Bildern umsetzt. Lange waren es Hinterlichtbilder, dann ging sie zu Wortbildern über, und inzwischen hat sie ihre Arbeit auf Lichtfelder, monochrome Farbtafeln reduziert. „Durch die Reduzierung ist eine unheimliche Konzentration möglich, beim Malen aber auch beim Schauen, die Fläche reduziert alles auf den Augenblick.“

Kunstwerk von Rea Siegel Ketros und Bettina Roth-Engelhardt.Foto: Stefanie PfäffleDiese Selbstvergessenheit beim Arbeiten kennt auch Bettina Roth-Engelhardt. „Das Tun ist für mich, wie in einen anderen Raum einzutreten, ich arbeite an diesem einen Stich“, erläutert die Textilkünstlerin. Die vierfache Mutter und zweifache Großmutter beschäftigt sich seit 19 Jahren mit einem Thema, dem Bilderzyklus „Kreis-Metamorphosen in Weiß“, in dem sie Kreisbilder aus unterschiedlichen Kulturen zitiert. Diese Kreise können Labyrinthe sein, Steinrosetten, Grabmale oder auch naturwissenschaftliche Phänomene. „Angefangen habe ich mit christlichen Motiven und bin dann zu anderen Kulturen übergegangen.“

In einer Demokratie der Phänomene sollen alle gleichberechtigt sein, egal aus welchem Glauben sie stammen. Dazu werden alle Motive im oberen Bereich einer Leinwand mit farbigen Fäden gestickt und dann weiß übermalt. „Zu Beginn hatte ich diese Vision, aber irgendwann habe ich gemerkt, das schaffe ich gar nicht alles.“ Deswegen kam ihr vor zwei Jahren die Idee, einen Raum zu finden, in dem sie alle Bilder als eins präsentieren könnte – immerhin 36 Quadratmeter.

Auf den Augenblick reduziert

Über Pfingsten bot sich die zu renovierende und daher leere Regiswindiskirche an – ein Kunstprojekt ohne Publikum, das aber durch Fotos und eine eigens erstellte Homepage weiter bestehen soll, gefördert vom Land Baden-Württemberg.

Rea Siegel Ketros (links) und Bettina Roth-Engelhardt, bildende Künstlerinnen. Foto: Stefanie PfäffleRea Siegel Ketros (links) und Bettina Roth-Engelhardt würden gerne mit ihrer Kunst (unten) weitere große Kirchenräume gestalten. Foto: Stefanie Pfäffle, privat

Seit Jahren arbeiten Siegel Ketros und Roth-Engelhardt im selben Atelier. „Wir machen sehr unterschiedliche Kunstwerke, aber vom Wesen her sind sie verwandt“, stellt die Ältere fest. So gingen sie das Projekt gemeinsam, aber doch einzeln an, sollte sich doch jede damit um weitere Aufträge bewerben können.

Während Siegel Ketros ihre Farbtafeln mit ihren transparent bespannten Stahlskulpturen, ihren Helferengeln, kombinierte, legte Engelhardt-Roth 36 Bilder zu einer großen Fläche im Altarraum aus. „Da war auch ein ganz weißes dabei, als Projektionsfläche für alles, was ich nicht schaffen kann“, erzählt die 56-Jährige. Dass dabei der Geist von Pfingsten durch die Regiswindiskirche wehte, machte das Ganze noch einmal besonderer, ergänzt sie.

Im Januar werden die beiden Künstlerinnen zum Tag der Religionen die Bilder ihres Projekts in der Regiswindiskirche zeigen. Beide schließen nicht aus, dass sie noch einmal etwas gemeinsam machen. „In wilder Fantasie schwebt uns die Kilianskirche in Heilbronn vor, ohne dort jemanden gefragt zu haben“, sagt Engelhardt-Roth lächelnd. Doch generell würden sie gerne weitere große Kirchenräume gestalten – gemeinsam oder einzeln. □

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