Christliche Themen für jede Altersgruppe

Raum für Gemeinsamkeit - Familie

Blutsverwandte oder beste Freunde: Wer zählt heute zur Familie? Gibt es einen kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den verschiedenen Familienformen? Und was hat der Mythos der „heilen Familie“ mit der Wirklichkeit zu tun? Einblicke aus einer Beratungsstelle.

Die Weihnachtstage verbringen wir meist mit unseren Familien, und wenn alles gut läuft, sogar in Harmonie. Aber was darf man eigentlich Familie nennen? Eine Umfrage unter meinen Kolleginnen und Kollegen im Evangelischen Beratungszentrum in München brachte verschiedene Antworten.

Eine war: Familie besteht aus „mindestens zwei Generationen blutsverwandter Menschen“ – also mindestens ein Erwachsener mit leiblichem Kind. Reicht das? Gehören zur Familie nicht auch noch alle Großeltern und biologisch verwandten Menschen wie Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen? Das ist schon weiter gefasst – und trotzdem exklusiv. Denn diese Definition schließt Adoptiv-, Stief-, Patchwork- oder Regenbogenfamilien aus.

Die offenste Definition ist diese: „Alle, die sich selbst als Familie bezeichnen, sind eine Familie.“ Aber ist das nicht sehr beliebig?

 

Alt und Jung zusammen an einem Tisch: Oft entspricht dieses Bild von Familie nicht der Realität.
© Foto: Bialasiewicz, Photographee/Adobe Stock 

Damit wäre möglicherweise jede Wohngemeinschaft oder auch ein Team, das sehr eng zusammenarbeitet und daduch sehr vertraut miteinander ist, eine Familie. Die passende Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. In der Orientierungshilfe des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ aus dem Jahr 2013 wird Familie unter anderem beschrieben als „Raum der Gemeinsamkeit und des Füreinander-da-Seins, in dem Halt und Liebe erfahren werden können“. Hier steht die gelebte Beziehung in Form von Fürsorge, Verantwortung und Verlässlichkeit im Vordergrund. Die Blutsverwandtschaft ist nebensächlich.

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Die genetisch angelegten Eigenschaften bilden sich abhängig von der Qualität der erlebten Beziehungen aus. Familie ist „eine auf Dauer angelegte Verantwortungsgemeinschaft von mehreren Personen, die sich aus gegenseitiger Zuneigung oder aufgrund von Verwandtschaft einander zugewandt haben und füreinander einstehen.“

Sein dürfen, wie man ist - Familie

Damit kommen wir den Familienformen, die heutzutage in Deutschland existieren, schon näher. Da gibt es zum einen die „klassische“ Familie: verheiratete Eltern mit einem oder mehr leiblichen Kindern. Laut Statistischem Bundesamt lebten 2018 62 Prozent der Zwei-Kind-Familien mit leiblichen verheirateten Eltern zusammen, 24 Prozent der Zwei-Kind-Familien mit einem alleinerziehenden Elternteil und 14 Prozent dieser Familien mit Eltern in einer Lebensgemeinschaft. Weitere Differenzierungen nimmt die Statistik nicht vor.

Im Alltag begegnen uns jedoch weitere Familienformen: Nach Trennung oder Scheidung entstehen neue Familien neben den alleinerziehenden Eltern. In Stieffamilien leben Kinder mit einem leiblichen und einem sozialen Elternteil, möglicherweise auch mit Stiefgeschwistern. Von Patchworkfamilien sprechen wir, wenn es in Stieffamilien auch gemeinsame Kinder der beiden Eltern gibt. Adoptivfamilien sind solche mit nicht leiblichen Kindern. Pflegefamilien dagegen sorgen sich um Pflegekinder. Diese Familienformen können auch als Regenbogenfamilie vorkommen, also als Familie mit gleichgeschlechtlichen Eltern.

Verbindendes Kennzeichen von „Familie“ ist, dass die Mitglieder Verantwortung füreinander übernehmen und im Idealfall zueinander in liebevollen Beziehungen stehen. Sowohl die Trennungs- und Scheidungsforschung als auch die Untersuchungen von Regenbogenfamilien bestätigen immer wieder die Bedeutung der tragfähigen und liebevollen Beziehungen als entscheidenden Faktor für positive Entwicklungen bei Kindern. Gute und tragende Beziehungen sind aber in allen Familienformen harte Arbeit für alle Beteiligten, die immer neu notwendig und lohnenswert ist.

© Foto: Halfpoint / Adobe Stock

Woher kommt nun das Bild der „heilen Familie“ aus der Bausparkassenwerbung? Das Ideal der bürgerlichen Familie hat sich erst mit der Industrialisierung entwickelt. Davor hat es sehr unterschiedliche Familienformen gegeben, die auch mit den Lebensstilen und dem Broterwerb zusammenhingen. Erst mit der Industrialisierung wurde die Arbeit aus dem Lebensraum der Familien herausverlagert – und die Familienformen vereinheitlichten sich. Seit der Nachkriegszeit finden sich wieder mehr verschiedene Familienformen. Das hat auch mit Individualisierung in unserer Gesellschaft zu tun, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer stärker geworden ist.

Trotzdem oder gerade deshalb scheint es eine Sehnsucht nach der „heilen“, glücklichen Familie zu geben. Der Mythos „heile Familie“ hat seine Wurzeln in dem natürlichen Bindungswunsch sowie dem Wunsch nach Sicherheit und Urvertrauen des Menschen. Es ist der Wunsch nach einem Ort, an dem man sein darf, wie und wer man ist, ohne sich verstellen zu müssen.

Familie gibt im Idealfall die Sicherheit, geliebt und geschützt zu sein. Die klischeehafte Versinnbildlichung dieses Wunsches ist, noch immer, das klassische Bild der Familie mit Vater, Mutter, Kind – wie sie eben auch in der Werbung auftritt. Diese Idealisierung findet ihre Fortsetzung in den perfekten Familieninszenierungen in sozialen Medien. Und damit ist die „Heilige Familie“ vielleicht doch ein Symbol für die heile Welt: Eine der Botschaften, die in den Jesusgeschichten des Neuen Testaments vermittelt werden, ist die bedingungslose Liebe, die wir Christen durch unseren Gott erfahren. Wir sind angenommen, wie wir sind, mit all unseren Talenten und Fehlern.

© Foto: Robert Kneschke / Adobe Stock

Familie - Symbol für die heile Welt

Maria und Josef mit Jesus als Gottes Sohn sind ein Symbol für den möglichen Frieden und die bedingungslose Liebe, die wir durch den Glauben erfahren können, auch wenn diese Familie nicht in einer heilen Welt gelebt hat, und auch wenn diese Familie mit Bedrohungen zu kämpfen hatte und Jesus nicht einfach ein folgsamer Sohn war. Das Bedürfnis vieler Menschen nach einer heilen Welt hat viel zu tun mit dem Bedürfnis nach Gemeinschaft und Entwicklung. Verlässliche Beziehungen sind die Basis für ein gelingendes (Familien-)Leben.

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