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Schöne und informative Wanderungen - Oberschwäbischer Pilgerweg (Teil 32)

WEINGARTEN – Wer seine Freude an barocker Kunst hat, ist auf dem Oberschwäbischen Pilgerweg bestens aufgehoben. Auf der Strecke von Weingarten nach Aulendorf gibt es zahlreiche Werke der Meister dieser Epoche zu bestaunen. Doch auch die Landschaft hat ihren Reiz.

Oberschwäbischer Pilgerweg. Die Wanderstrecke verläuft am Kloster Weingarten und am Egelsee im Baindter Wald vorbei. Foto: Wolfgang AlbersOberschwäbischer Pilgerweg. Die Wanderstrecke verläuft am Kloster Weingarten und am Egelsee im Baindter Wald vorbei. Foto: Wolfgang Albers

Na, wenn sogar der „Spiegel“, ein doch eher religionskritisches Magazin, den Oberschwäbischen Pilgerweg lobt! Als Alternative zum ausgetretenen Jakobsweg preist ihn ein merkbar von Pilger-Glücksgefühlen beseelter Autor.

Der Vergleich zum Jakobsweg ist nicht einmal so weit hergeholt. Über 1000 Kilometer erstreckt sich der Oberschwäbische Pilgerweg. Das geht nur, weil er in Schleifen und Windungen die ganze Region durchzieht. Denn seine Initiatoren, Rita und Egon Oehler, wollen so die ganze religiöse Landschaft Oberschwabens erlebbar machen – die dicht gewebt ist, von den Klöstern bis zu den Kruzifixen und Bildstöcken am Wegrand, wo die großen Gestalten des Glaubens ebenso ihren Platz haben wie die lokalen Volksheiligen.

Eine Etappe, auf der all das erlebbar wird, führt von Weingarten nach Aulendorf. Wir haben sie gewählt, weil sie Pilgern im eigentlichen Sinn ermöglicht: das Gehen auf ein Ziel hin – und eben nicht eine Wanderung im Kreis. Das ist hier organisatorisch gut möglich, weil der Nahverkehr uns schnell von Aulendorf nach Weingarten bringt.

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Auf einer Hangterrasse des Martinsberges ragt die ehemalige Benediktiner-Abtei auf. Wer in einen Innenhof schaut, fühlt sich nach Braunschweig versetzt: Steht da doch, als Replik, der Löwe, Wappentier der Welfen. Dieser heute noch existierende Hochadel (Ernst August von Hannover!) hatte einst weite Teile Bayerns und Oberschwabens in Besitz. Welfen gründeten auch das Kloster Weingarten als Hauskloster und Grablege.

In der Kirche erlebt man immerhin den längsten sakralen Barockraum Deutschlands. Und der wartet noch mit einem kunsthistorischen Höhepunkt auf: Die Fresken sind von Cosmas Damian Asam – und dessen Werke sind mit das Beste, was vom deutschen Barock zu sehen ist. Meistens wirkte er in seiner bayerischen Heimat, aber das Kloster Weingarten, schön für uns, leistete sich diesen innerdeutschen Kunstimport. Immerhin war es der größte Auftrag für Asam: sieben große Deckenbilder und 54 Seitenbilder, über 1000 Quadratmeter. Geschaffen zur höheren Ehre. Nicht nur Gottes, sondern auch seiner irdischen Auftraggeber und des Künstlers.

Asam lieferte: mit illusionistischer Säulenmalerei, mit Schlüsselszenen der Heilsgeschichte, etwa wenn zu Pfingsten die Zungen des Heiligen Geistes herabregnen, mit Szenen aus dem Leben des Ordensgründer Benedikt – mal wälzt er sich zur Kasteiung in den Dornen, mal zerschmettert er Götzenbilder. Bei aller Zwiespältigkeit des Barock: Man ahnt, auf welchen Fundamenten unsere bildermächtige Zeit auch ruht.

Freske in Weingarten: Benedikt unter den Dornen. Foto: Wolfgang Albers

Man kann sich lange in diesen Bilderwelten verlieren, Detail um Detail enträtseln – aber wir müssen ja weiter. Und brauchen die Karte, am besten noch den GPS-Track: Der Verein „Oberschwäbischer Pilgerweg“ hat die Mammutaufgabe der Beschilderung noch nicht geschafft.

Weil der heutige Pilger auf seinem Weg nach Baindt nur Wohn- und Gewerbegebiete der prosperierenden Region durchwandert, nimmt man am besten vom Charlottenplatz, ein kurzes Stück entfernt, den Stadtbus Nummer 1. Spart immerhin fünf doch langweilige Kilometer der insgesamt 22 Kilometer langen Wanderung.

Weingarten, Freske mit dem Titel: Pfingsten. Foto: Wolfgang AlbersIn Baindt gehen wir in den Klosterbezirk – genauer in seine Reste, die die Säkularisation übrig gelassen hat. Immerhin steht die Kirche noch. Weiß, schmal und schlicht ist sie, Zisterzienserinnen lebten hier. Ein bisschen streng wirkt sie auch im Inneren, die spätromanische Entstehung sieht man ihr noch an. Wenn man aber zum Chor vorgeht, schaut man wieder in prächtige Bilderwelten – hier hat sich die barocke Umgestaltung der Kirche im 18. Jahrhundert erhalten.

Weingarten, Freske mit dem Titel: Pfingsten. Foto: Wolfgang Albers

Obwohl der ganze Klosterkomplex unscheinbar wirkt, stoßen wir wieder auf einen der besten Künstler seiner Zeit: Franz Martin Kuen. Etwas weiter im Osten, im bayerischen Weißenhorn, hat er gewohnt und Klöster und Kapellen dort fast im Alleingang ausgemalt.

An der Bank wird Gott gedankt

Aber gelernt hat er in Venedig, beim besten Maler dort: Giovanni Battista Tiepolo. Das sieht man: In eine antike Scheinarchitektur stellt Franz Martin Kuen den Perserkönig Artaxerxes, der der Jüdin Esther die Krone einer Königin aufsetzt. Pastelliges Licht durchflutet die Szene, die Farben leuchten, goldgelb, ultramarinblau, in allen Schattierungen von Weiß. Adlige, Dienerinnen, Soldaten umringen in phantastischer Dynamik das Paar, Waffen blitzen, Muskeln schwellen, Blicke fallen von allen Seiten auf die beiden. Erzählfreude pur, Lust an der Exotik. Hinter dem Kloster, heute eine Außenstelle der Franziskanerinnen von Heiligenbronn, laufen wir auf der Marsweilerstraße hinaus aus Baindt. Wenn wir uns oberhalb des Ortes umdrehen, sehen wir im Süden die Kuppel, die Türme und die Trakte des Klosters Weingarten.

Dann nimmt uns der Baindter Wald auf. Wir passieren den Egelsee, und wenn wir den Wald hinter uns lassen, lädt eine Bank zur Rast, mit dem eingravierten Spruch: „In tolla Blick über Wiesa oder Fealder und Gott sei Dank/isch noch ama langa Spaziergang do hanna a Bank.“

Das dichtbesiedelte Schussental und die lärmige B 30 haben wir hinter uns, jetzt streifen wir durch das oberschwäbische Mosaik von Weilern, Wiesen und Waldstücken. Und kommen so nach Reute. Ein ganzer Klosterberg überragt den Ort, mit noch einer großen religiösen Wohngemeinschaft: Über 160 Schwestern der Franziskanerinnen von Reute leben hier.

Fünf Frauen haben im Jahr 1403 das Kloster gegründet. Eine wird als Volksheilige besonders verehrt: Elisabeth Achler, allgemein als Gute Beth bekannt. Die Tochter einer Weberfamilie war eine Mystikerin, lebte bewusst in großer Armut und soll sich sehr um die Armen gekümmert haben, was ihr Verehrung bis heute einträgt.

Sehen kann man sie in der Kirche. Ein ganzer Freskenzyklus ist ihr gewidmet. Eustachius Gabriel hat ihn gemalt, ein echter Oberschwabe, mit dem die Kunstkritik manchmal etwas ungnädig umgeht. Immerhin hat er so gut verdient, dass er in seinem Testament dem Kloster Reute ein Altarbild stiftete, eine Mariä Himmelfahrt des spätbarocken Kremser Schmidt – und damit sehen wir auf dieser Wanderung einen weiteren Vertreter aus der oberen Kunstliga. Das Bildprogramm der Kirche dominieren vor allem die Episoden aus dem Leben der Beth, ob sie nun Armen Brot gibt oder einer Seele aus dem Fegefeuer hilft.

Oberschwaebischer Pilgerweg. Foto: Wolfgang AlbersOberschwäbischer Pilgerweg. Foto: Wolfgang Albers

Auf dem weiteren Weg lohnt sich immer mal ein Rückblick – imposant erhebt sich der Klosterberg aus Wiesen und Feldern. Und am Wegrand steht hier ein Kruzifix oder mahnt uns da auf einem Stein ein Spruch, etwa der des Angelus Silesius: „Halt an, wo läufst du hin. Der Himmel ist in dir.“ Aber wir müssen ja weiter – bis wir hinter Tannhausen wieder ins Schussental hinab laufen, auf den Bahnhof von Aulendorf zu. □