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Seelsorge braucht Mut - Seminar für Seelsorge-Fortbildung

13 Jahre lang hat Gertraude Kühnle-Hahn das Seminar für Seelsorge-Fortbildung in Stuttgart-Birkach geleitet und die Entwicklung der landeskirchlichen Seelsorge in Württemberg mitgeprägt. Nach über 40 Dienstjahren geht sie jetzt in den Ruhestand. Im Gespräch mit dem Gemeindeblatt blickt sie auf intensive Erfahrungen zurück.

Gertraude Kühnle-Hahn im Haus Birkach. Foto: Julian RettigGertraude Kühnle-Hahn im Haus Birkach. Foto: Julian Rettig

An ihre erste Begegnung in einem Stationszimmer des Stuttgarter Katharinenhospitals kann Gertraude Kühnle-Hahn sich noch gut erinnern. Es war bei einer Hospitation im Anschluss an ihr Vikariat, als sie sich dort der Schwester vorstellte: „Ich bin Pfarrerin.“ Die Reaktion darauf fiel wenig enthusiastisch aus: „Na und?“

Mit einem leichten Schmunzeln erzählt die 65-Jährige heute von dieser Episode im Krankenhaus, die ihr einen Eindruck davon gab, was für eine herausfordernde Aufgabe auf sie wartete. „Ich habe gemerkt, dass ich als Pfarrerin dort keinen Vertrauensvorschuss habe, sondern mir den erst erarbeiten muss“, sagt sie. Später, nach ihrer Zeit als Gemeindepfarrerin in Plochingen, arbeitete Kühnle-Hahn 14 Jahre lang als evangelische Krankenhausseelsorgerin am Klinikum Esslingen, ehe sie 2009 die Leitung des Seminars für Seelsorgefortbildung der württembergischen Landeskirche übernahm.

Die Zeit im Krankenhaus hat ihr Verhältnis zur Seelsorge nachhaltig geprägt. Der Umgang mit Menschen, die sich in einer Grenzsituation befinden, war für sie beeindruckend. Dort habe sie nicht nur gelernt, „wie verletzlich das Leben ist“, sondern auch, auf was es in der Seelsorge ankommt. „Es braucht ein Stück Mut, dem Menschen entgegenzukommen. Man muss zuhören und Gefühle aushalten können, auch wenn es Dinge gibt, die man nicht wissen möchte.“ Außergewöhnlich viele Gespräche über den Glauben hat sie dabei geführt. „Und zwar auch und gerade mit Menschen, die nicht gläubig sind.“

Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war die Arbeit mit Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten hatten. Kühnle-Hahn setzte sich für ein Gräberfeld für die verstorbenen Kinder ein – was zu dieser Zeit noch nicht überalle eine Selbstverständlichkeit war. Seelsorge, das hat Gertraude Kühnle-Hahn dabei aber auch erfahren, „ist keine Einbahnstraße“. „Ich habe vieles von den Betroffenen gelernt.“ Das versuchte sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in ihren Fortbildungsseminaren immer wieder zu vermitteln.

Zuhören und Gefühle aushalten

Leiterin der Seelsorge Fortbildung Bildungszentrum Birkach. Gertraude Kühnle-Hahn. Foto: Julian RettigDer Theologin ist wichtig, dass der seelsorgerliche Bereich elementarer Bestandteil des Pfarrberufs bleibt. Auch wenn dies ihrer Ansicht nach heute weit mehr Kraftanstrengung erfordert als früher. „Seelsorge muss heute zu den Menschen gehen – man darf nicht warten, dass die Menschen zu uns kommen.“ Als besonders wertvolles Angebot sieht sie etwa die Vesperkirchen, die „ganzheitlich und lebenspraktisch“ für die Menschen da sind.

Egal ob Klinik-, Gefängnis- oder Notfallseelsorge: „Es ist wichtig, dass sich die Kirche nicht aus dem gesellschaftlichen Bereich zurückzieht, sondern sich dabei noch stärker einbringt.“ Zumal es heute viele alternative Angebote gebe, etwa in der Trauerbegleitung.

Ein starker Schwerpunkt ihrer seelsorgerlichen Ausbildung war daher immer, in den Kursen die Kommunikationsfähigkeit, aber auch die Wahrnehmung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu schulen, so dass sie auf andere Menschen zugehen können. „Es geht dabei nicht um bestimmte Methoden, sondern um Eigen- und Fremdwahrnehmung“, betont sie.

Erfreulicherweise sei die Nachfrage, was haupt- und ehrenamtliche Seelsorgeausbildung anbelangt, trotz Corona durchweg groß. Erst einmal hat es Gertraude Kühnle-Hahn erlebt, dass ein Kurs aufgrund von zu wenig Anmeldungen ausfallen musste.

Trotz Leitungsaufgaben und umfangreicher organisatorischer Tätigkeiten war die seelsorgerliche Arbeit für sie immer Herzstück ihres Berufs. Daher hat sie vor, ihre Erfahrungen auch im Ruhestand weiterzugeben und Menschen als Supervisorin zu begleiten. „Seelsorge“, ist sie überzeugt, „ist ein hohes Gut, das man bewahren und weiterentwickeln sollte.“ Und erinnert an das Zitat des protestantischen Theologen Paul Tillich: „Eine Religion ohne rettende und heilende Kräfte ist irrelevant.“ Für sie steht fest: „Eine Kirche ohne Seelsorge ist irrelevant.“

Das Seminar für Seelsorgefortbildung der württembergischen Landeskirche richtet sich an hauptund ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kirche, Diakonie und Schule sowie an Theologiestudierende. Die vielfältigen Kursformate bieten ganzheitliche, erfahrungs- und personenbezogenes Lernen, wer teilnimmt, kann dabei Kompetenzen im Bereich Kommunikation, Seelsorge und Spiritualität erwerben.

Ev. Bildungszentrum Haus Birkach.Foto: Julian RettigFoto: Julian Rettig

Informationen unter seminar-seelsorge-fortbildung.de