Christliche Themen für jede Altersgruppe

Spaß mit Abstand

Fröhliches Gebrüll im Speisesaal, ausgelassenes Toben auf dem Gelände, verschlafene Gesichter nach der Übernachtung – all das wird es nicht geben. Doch viele der 52 Waldheime in Württemberg wollen trotzdem ein Programm für Kinder in den Sommerferien anbieten. 


Hand anlegen, Gemeinschaft erleben - so sehen Waldheimferien aus. Nur in diesem Sommer nicht.
(Fotos: Himmelreich, AG Ev. Ferien und Waldheime in Württemberg)


Disziplin ist derzeit fester Bestandteil im Leben von Kindern und ­Jugendlichen: Bloß die Maske nicht vergessen in der Schule, immer schön Abstand halten im Klassenzimmer. Jetzt wird Disziplin auch noch im Waldheim verlangt – dem Ort, an dem es eigentlich laut, wild und lustig ist, wo der Geist der Freiheit weht und die Kinder mit sehr vielen anderen hautnah Gemeinschaft erleben. Nicht in diesem Sommer. „Ein Waldheim im landläufigen Sinn wird es nicht ­geben“, sagt Ulrich Seeger von der Arbeitsgemeinschaft der 52 Ferien- und Waldheime in Württemberg.

Dazu sind die Auflagen zu streng, die das Sozialministerium in Absprache mit dem Gemeinde- und Städtetag und vielen Landesverbänden der Jugendarbeit beschlossen hat. Die Hygienevorschriften sind am leichtesten umzusetzen, sagt Seeger. Das Essen kann auch als Lunchpaket verteilt oder portionsweise ausgegeben werden. Schwerer wiegt die Obergrenze bei der Teilnehmerzahl: Nur 100 Personen inklusive Betreuer sind gleichzeitig auf dem Waldheimgelände erlaubt. Dazu kommen Distanzregeln: „Die Abstandsregelung von 1,5 Meter zwischen Betreuenden und Teilnehmenden ist durchgängig einzuhalten. Bei den Teilnehmenden ist auf eine ­Beachtung der Abstandsregeln hinzuwirken“, steht in den „Empfehlungen und Hinweisen zum Planungsrahmen für die Durchführung von Angeboten der Jugendarbeit“ geschrieben.


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„Das ist völlig weltfremd“, ärgert sich Seeger. „Wie soll man ein Kind mit eineinhalb Metern Abstand trösten, das hingefallen ist und ein Pflaster braucht?“ Und ist davon überzeugt, dass dieser Passus in den kommenden Wochen noch gestrichen wird. So oder so: Aktivitäten mit allen zusammen wie das Abschlussfest oder das gemeinsame Singen sind im Waldheimsommer 2020 nicht möglich. Es gibt nur feste Gruppen, und die sollen sich möglichst wenig begegnen.

Ist das noch Waldheim? Uli Seeger hat dazu eine klare Meinung: „Nein und deshalb sollte man es auch nicht so nennen. Wir empfehlen den Waldheimen, ihr Angebot lieber Ferienbetreuung zu nennen. So weckt man keine falschen Erwartungen.“ Und doch ist er überzeugt, dass man selbst unter diesen Bedingungen den Kindern und Jugendlichen eine gute Zeit ermöglichen kann. Spiele im Freien wie Völkerball oder Faul-Ei seien ja trotzdem möglich. „Wir haben einen reichen Erfahrungsschatz, den wir jetzt nutzen.“

In diesen Tagen müssen die Entscheidungen von den jeweiligen Leitungen getroffen werden, ob ein Waldheim oder eine Ferienbetreuung stattfindet. Manche haben das schon getan. In Esslingen und auf dem Gaffenberg in Heilbronn wird es kein Waldheim geben. Auch in Stuttgart-Untertürkheim haben sich die Verantwortlichen dagegen entschieden: „Wir hätten eine Situation wie in den Klassenzimmern, aber mit längerer Präsenzzeit. Unsere Wahrnehmung ist, dass dies für Kinder einer Bestrafung näherkommt als einem tollen Sommerprogramm“, schreiben die Leiter in ihrem Absagebrief an die Eltern.

Rüdiger Englert sieht das nicht so düster. Noch ist offen, ob der 41-Jährige in diesem Jahr wieder als Leiter des Waldheims Lindentäle in Stuttgart-Feuerbach antritt. Der Kirchengemeinderat entscheidet. „Es hängt an den Abstandsregelungen“, sagt er. Mit seinem Team – „die wollen es für die Kinder machen“ – könnte er in kurzer Zeit die Vorbereitungen stemmen, damit möglichst viele kommen könnten. Allerdings jeweils nur eine Woche, statt wie sonst üblich zwei. Es könnte klappen, das alle bislang angemeldeten Kinder für eine Woche kommen könnten und er niemandem absagen muss. Der Jugendreferent geht ­davon aus, dass einige Eltern ihre Anmeldungen ohnehin zurückziehen. Weil es mit dem gewünschten Zeitraum nicht klappt, weil die Bedingungen so anders sind – oder aus Angst vor einer Ansteckung. Sollte in einer Gruppe ein Corona-Fall ­auftreten, müssten alle 14 Tage in Quarantäne. Der geplante Familienurlaub würde ins Wasser fallen.

Eine Woche ist besser als nichts – so sieht das Simon Honegg. Sein Waldheim in Stuttgart-Vaihingen soll stattfinden, selbst wenn es „kein Waldheim ist, wie wir es kennen und ­mögen“, sagt er. „Doch die Kinder wollen sich sehen, das weiß ich von meiner Arbeit als Schulsozialarbeiter. Absagen wäre die letzte Option für uns“. Er hat die Zusage, in diesem Jahr zwei Gemeindehäuser zusätzlich nutzen zu dürfen. Das schafft Platz. Es gäbe viele Waldheimspiele ohne Körperkontakt, auf dem großzügigen Gelände im Wald lässt sich prima Federball spielen und das klassische Basteln wird in diesem Sommer auch wichtig werden. „Ich habe einen Riesenstamm von Mitarbeitern und die sind sehr kreativ. Wir werden das Beste daraus machen, was geht“, ist er überzeugt.

Den Mitarbeitern wird einiges ­abverlangt: Gute Einfälle und das Beharren auf Regeln sowieso, zudem müssen sie auf Geselligkeit verzichten, dürfen sich am Abend nicht mehr treffen. Das „Nightlife“ im Waldheim, das einen besonderen Reiz für die jungen Betreuer hat, fällt komplett flach. Trotzdem: Sie halten „ihrem“ Waldheim die Stange.

Das ist auch im „Himmelreich“ in Blaubeuren so. Normalerweise haben die Kinder dort in der Spielstadt viel Spaß und viele Freiheiten. Sie wählen erst ihren Bürgermeister und bewegen sich dann frei im Gelände. Solch ein offenes Konzept ist jetzt undenkbar. Doch Georg Fuhrmann, der Waldheimleiter hat schon andere Ideen. „Die Stärke der evangelischen Jugendarbeit liegt doch ­sowieso im Improvisieren“, sagt er. Die Freizeit liegt nicht nur ihm, sondern auch den Mitarbeitern am Herzen. „Wir müssen uns jetzt als Kirche zeigen und nicht die Angst widerspiegeln.“ Ein Sommer ohne Himmelreich in Blaubeuren – das ist jedenfalls für ihn undenkbar.



Waldheimbilder aus Vor-Corona-Zeiten: So nahe sollen sich die Kinder in diesem Sommer nicht kommen, sagt Ulrich Seeger.

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