Christliche Themen für jede Altersgruppe

Sport als spirituelles Erlebnis

Von 23. Juli bis 8. August finden in Tokio die Olympischen Sommerspiele statt – ohne Zuschauer und unter ungewöhnlichen Rahmenbedingungen. Welche Rolle spielt die Kirche bei solch einem Großereignis und welchen Wert hat der Sport für die Gesellschaft? Darüber hat sich Franciska Bohl mit Philipp Geißler, dem Sportbeauftragten der württembergischen Landeskirche, unterhalten.

Junge Menschen können durch Sport lernen, mit Erfolg und Scheitern umzugehen. (Foto: adobe stock/ Sergey Novikov)

Die Olympischen Spiele in diesem Jahr sind, coronabedingt, anders als alle bisherigen. Unter Sportlern und Zuschauern gibt es viel Skepsis, von Vorfreude ist bislang noch nicht allzu viel zu spüren. Mit welchen Gefühlen blicken Sie dem Großevent entgegen und was erhoffen Sie sich von den Spielen?

Philipp Geißler: Die gemischten Gefühle kann ich nachvollziehen. Ich schwanke auch zwischen Vorfreude und Sorge. Einerseits freue ich mich mit den Athletinnen und Athleten, deren Vorbereitungen auf die Spiele im vergangenen Jahr so jäh unterbrochen wurden und die den Wettkampf jetzt durchführen können. Andererseits bange ich mit den Verantwortlichen, dass es ihnen gelingt, Bedingungen zu schaffen, unter denen eine solche Veranstaltung gut möglich ist. Das Zusammenspiel von Menschen aus so vielen Nationen empfinde ich auf jeden Fall als ein schönes und hoffnungsvolles Zeichen.

 

Welche Sportart werden Sie garantiert vor dem Bildschirm verfolgen?


Philipp Geißler: Auf jeden Fall das Sportklettern, das als „Olympic Combined“ 2021 zum ersten Mal bei den Spielen dabei sein kann. Das freut mich für den Klettersport, aber auch für mich, weil ich selbst sehr gerne zum Klettern gehe. Aber auch Weitsprung und Zehnkampf und besonders die Langstreckenläufe faszinieren mich.

 

Viele sportliche Großveranstaltungen werden von der Kirche begleitet, auch haben sich Public-Viewing-Veranstaltungen in den einzelnen Gemeinden als selbstverständlicher Teil des Freizeitangebots etabliert. Gibt es Veranstaltungen, die begleitend zu den Olympischen Spielen geplant sind oder war dies coronabedingt nicht möglich?

Philipp Geißler: Selbstverständlich bestehen für die Athletinnen und Athleten vor Ort seelsorgliche Angebote. Das heißt, die Kirche ist auch für die Sportler selbst präsent. Gleichzeitig wurde sowohl bei der EM als auch für die Olympischen Spiele auf ein breites Public-Viewing-Angebot verzichtet, was ich nachvollziehbar finde. Es ist eines, wenn Athletinnen und Athleten und einige Zuschauende unter streng kontrollierten Bedingungen zusammenkommen. Etwas anderes wäre es, Menschen, durch breit angelegte Rahmenangebote zu früh ein Gefühl von Unbedenklichkeit zu geben.

 

„Sport und Bewegung gehören zum Mensch-Sein“, das hat auch Oberkirchenrat Ulrich Heckel einmal betont. In den vergangenen Monaten kam dieses Mensch-Sein extrem zu kurz – der Amateursport und viele Vereine werden noch lange unter den Corona-Folgen leiden. Wird die Bedeutung des Sports für den Menschen als Gesundheitsvorsorge und soziale Komponente von der Politik unterschätzt?

Philipp Geißler: Ich denke auch, dass die leibliche Ausdrucksweise unverzichtbar für den Menschen ist, und ich finde es wichtig, dass hier bald wieder umfangreiche Angebote bereitgestellt werden können. Besonders schön fände ich, wenn der Sport und die Kirchengemeinden vor Ort im Anschluss an Corona dem Rechnung tragen und gemeinsame Angebote machen, die die Leiblichkeit des Menschen – die in der Bibel eine zentrale Rolle spielt – feiern. Dazu gehören meiner Meinung nach auch die Musik- und Gesangsvereine, denn gerade der Atem ist es, der den Leib belebt.

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Unter Kindern und Jugendlichen kam es in den vergangenen Monaten zu einem dramatischen Bewegungseinbruch. Welche, auch langfristige, körperliche und soziale Folgen kann diese Sportabstinenz haben? 

Philipp Geißler: Das ist eine sehr komplexe Frage. Sich leiblich zu erfahren, heißt, sich zu spüren, sich spielerisch mit anderen im Einklang zu bewegen oder zu messen. Auf diese Weise lernt der Mensch ganz praktisch, mit Erfolg und Scheitern, mit Fouls und der Notwendigkeit zur Vergebung umzugehen. Dieses Lernen halte ich für unverzichtbar. Zusätzlich ist durch die Corona-Zeit notgedrungen eine passive Konsumhaltung befördert worden. Die langfristigen Folgen dieser Entwicklung wage ich nicht abzuschätzen, aber ich glaube, es wird höchste Zeit, dass es wieder Sportangebote geben darf.

 

Wie kann der Sport wieder aus der Krise kommen?

Philipp Geißler: Wie „die Kirche“ ist auch „der Sport“ ja in erster Linie der Zusammenschluss derjenigen, die ihn betreiben. Das Wichtigste wäre darum, seinem Verein die Treue zu halten und sich, so bald als möglich, wieder aktiv einzubringen. Auf der Ebene des organisierten Sports arbeitet der Württembergische Landessportbund gerade an einem attraktiven Ideenkatalog für die Vereine. Und „Kirche und Sport“ bereitet für Herbst eine erste regionale Veranstaltung für Kirchen und Vereine vor, durch die Kooperationsmöglichkeiten vor Ort befördert werden sollen.

 

Welche auch aus kirchlicher Sicht wichtigen Grundwerte vermittelt der Sport?

Philipp Geißler: Mir geht es um die Haltung, die Sport und Kirche gleichermaßen fördern möchten: Raum zu bieten für persönliches Wachstum und Entfaltung, das Eintreten für Inklusion und Gleichberechtigung, Fairness, Verantwortung für das Gemeinwesen vor Ort und vieles andere mehr. Das haben die evangelischen und katholischen Kirchen und die Sportbünde in Baden und Württemberg bei einem Spitzengespräch im Herbst 2019 in Maulbronn in einer gemeinsamen Erklärung: „Wir bewegen. Gemeinsam Zeichen setzen“ auf den Weg gebracht und dazu 13 Thesen formuliert.

 

Wie halten Sie sich persönlich fit? 

Philipp Geißler: Ich genieße die täglichen Spaziergänge mit unserem Hund, die mir sehr gut tun. Abgesehen davon begeistert mich das Klettern beziehungsweise Bouldern. Bouldern ist seilfreies Klettern in Absprunghöhe. Um mich darin, im Rahmen meiner Möglichkeiten, zu verbessern, trainiere ich gemeinsam mit meiner Frau vier bis sechs Mal die Woche: Maximalkraft, Kraftausdauer, Koordination, und Technik. Ich weiß auch, dass mir Flexibilitätstraining und mehr Grundlagenausdauer gut täten.

 

Was war Ihr eindrucksvollstes Erlebnis, das Sie mit dem Sport verbinden? 

Philipp Geißler: Zum einen ist da schlicht das Erleben der Schöpfung, die mich immer wieder fasziniert. An Felsblöcken klettern zu können, die lange vor mir da waren und auch noch lange nach mir da sein werden, macht mich dankbar und demütig zugleich. Gleichzeitig fasziniert mich beim Bouldern, wie ein Bewegungsproblem, das anfangs unlösbar schien, durch wiederholtes Probieren und Dranbleiben plötzlich sein Geheimnis frei gibt und auf einmal lösbar wird. Das ist ein unbeschreiblicher Moment und hat für mich auch eine spirituelle Komponente; denn auch im Glauben gibt es zwischen den Momenten, in denen man sich getragen erfährt, immer wieder Zeiten, in denen es ums Dranbleiben geht.

 

Information

„Gemeinsam Zeichen setzen“
ist eine Kampagne der Landeskirchen und Diözesen in Baden-Württemberg und des Landessportverbandes in Baden-Württemberg. Dabei geht es darum, den Mehrwert, den Kirche und Sport für die Gesellschaft bieten, aber auch die überschneidenden Funktionen zu thematisieren. Gleichzeitig soll die Zusammenarbeit beider Bereiche gestärkt werden. Ziele sind unter anderem, ein flächendeckendes Netzwerk ehrenamtlichen Engagements von Menschen für Menschen zu schaffen, für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung einzutreten und mit entsprechenden Angeboten Menschen verschiedener Generationen und Herkunft zu verbinden. Mehr unter www.gemeinsam-zeichen-setzen.de