Christliche Themen für jede Altersgruppe

Synapsen für neue Gedanken

REUTLINGEN – „Männer müssen durch jede Wand, müssen immer weiter“ hat Herbert Grönemeyer einst gesungen. Dass auch Männer verletzlich sind – insbesondere, wenn sie traumatische Erfahrungen hinter sich haben, wie viele Flüchtlinge – war einer der Gründe, einen internationalen Männerabend im ­Matthäus-Alber-Haus zu veranstalten. 


Um Essen und Austausch ging es beim Männerabend. (Foto: Wolfgang Albers)


Ein bisschen war es auch der Lohn der guten Tat, der zu diesem reichhaltigen Büffet geführt hat: Da standen etwa Schüsseln mit Fattet Djaj – ein syrisches Gericht aus frittiertem arabischen Brot, Hähnchenfleisch, Pinienkernen und einer Joghurt-Tahina-­Sauce. Ebenfalls auf dem Büffet: Reisgerichte oder Hackfleisch in Zwiebeln, Tomaten und Paprika. Oder ein Tomatenteller mit einer Joghurt-Knoblauch-Sauce.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Dass es zu dem Essen im Matthäus-Alber-Haus kam, dem Gemeindezentrum der Reutlinger Marienkirchen-Gemeinde, das lag nicht zuletzt an Mahdy Shaltout. Der gebürtige Ägypter lebt schon lange in Reutlingen, arbeitet als Jurist und ist ehrenamtlicher Seelsorger für muslimische Geflüchtete.

Er war damit einer der Multiplikatoren, die das Goethe-Institut suchte, um Projekte zu starten, die das Zusammenleben fördern. Mahdy Shaltout dachte an einen Begegnungsabend. Dafür brauchte er wiederum einen deutschen Partner – und da ist ihm die Evangelische Kirche eingefallen: „Als wir einmal ohne Gebetsraum dastanden, durften wir für ein Jahr Gast in einem Gemeindezentrum sein.“

Also wandte er sich an Frieder Leube von der Evangelischen Bildung Reutlingen. Der konnte helfen, was das Know-how angeht für Veranstaltungen, wollte aber auch Leute dabeihaben, die schon mit Flüchtlingen arbeiten. So kamen von der Diakonie Eberhard Schütz, Peter Scholz und Peter Donecker mit ins Team.

In einem Männerabend sah Eberhard Schütz besonderen Bedarf: „Frauen sind schon länger im Fokus als Unterstützungswürdige, für Männer ist das Thema noch eher neu.“ Dabei weiß das Diakonie-Team, das da auch vieles zu tun wäre. Wie bei einem Syrer, der kaum noch die Unterkunft verlässt, weil er sich zu oft schief angeguckt fühlt. Integrationsfördernd ist das nicht.

In Bad Boll hat Eberhard Schütz schon eine Männerfreizeit für Geflüchtete gemacht und gesehen, wie gut diesen das Miteinander tut. Deshalb fand er auch einen Männerabend in Reutlingen notwendig. Bewusst ein internationaler – offen für alle, gerade auch für Deutsche, denn es soll ja das Miteinander gefördert werden. „Uns ist wichtig, dass es auch zum Kontakt mit Einheimischen kommt“, sagt Eberhard Schütz. „Und das auf einer ganz privaten Ebene: Ich bin ein Vater, du bist ein Vater, lass uns erzählen.“ Und auch Frieder Leube hat von Flüchtlingen gehört, dass sie sagen: „Ich wünsche mir normalere Kontakte als die, die ich über Ehrenamtliche habe.“

Aber das muss erst anlaufen. Es sind auch einige wenige Deutsche gekommen, aber die meisten im Saal sind Syrer. Dann noch drei Eritreer, zwei Türken, ein Iraker.

So ist das Essen eher heimische Kost. Vier Syrer um Masin, der in seiner Heimat ein erfolgreicher Geschäftsmann war, waren seit dem Mittag in der Küche gestanden. Und haben den Geschmack getroffen – ruckzuck war das Büffet leer.

Lebenshilfe bot dann Ahmed Karim, Gehirnforscher, unter anderem an der Universität Tübingen und Psychotherapeut. Er berichtete über die gesundheitlichen Schäden, die Stress auslöst. Stress kennen Geflüchtete in ihrer ungewissen Lage gut, und genauso negative Emotionen als Reaktion.

Hier rät Ahmed Karim zu mehr Gelassenheit: „Wer es schafft, seine Wut zu regulieren, hat eine bessere Lebensplanung.“ Aber dafür müsse man sein Gehirn trainieren – durch positivere Gedanken, und das über Wochen: „Dann haben sich die Synapsen für neue Gedanken ausgebildet.“

Was die Geflüchteten alles so bewegt, was sie sich wünschen – darüber tauschten sie sich bei dem Männerabend in Gruppen aus. Und das soll Inhalt auf den nächsten Männerabenden werden. Denn beim einmaligen Start soll es nicht bleiben.