Christliche Themen für jede Altersgruppe

Über den Jordan

Wasser schafft „natürliche Grenzen“, die Menschen und Kulturen, ganze Welten voneinander trennen. Eine solche Grenze markiert auch der Jordan. In seinem Wasser taufte Johannes einst Jesus. Aber wo genau? Geschichten von einem mythischen Fluss.

Christliche Touristen lassen sich in Qasr al-Yahud im Jordan taufen.
Foto: epd-bild

Wie am Grenzfluss Jordan eine folgenschwere Sprachgrenze sichtbar wird, dass sowohl sichtbare als auch unsichtbare Grenzen über Leben und Tod, über Zugang oder Ausschluss, über Zugehörigkeit und Fremdheit entscheiden, schildert die Bibel im Buch der Richter (12,5-6): „Und Gilead besetzte die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!, so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibbolet. Sprach er aber: Sibbolet, weil er’s nicht richtig aussprechen konnte, dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordan, sodass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.“

Die Bibel beschreibt einen Bruderkrieg am Jordan. Die fliehenden Ephraimiter wollen zwar tatsächlich hinein, und zwar ins Heilige Land, in dem sie zu Hause sind. Der Stamm wird in der Bibel in der Gegend nördlich von Jerusalem verortet. Die Flüchtlinge wollen aber vor allem wieder heraus aus dem östlich des Jordan gelegenen Gilead, das sie zuvor kriegerisch überfallen hatten. Schibboleth, das rätselhafte Wörtchen, das über Leben und Tod entscheidet, leitet sich im Hebräischen vermutlich von einer Wurzel ab, die Anwachsen oder Fließen bedeutet, könnte also im Zusammenhang mit dem Jordan Strömung oder Flut bedeutet haben.

Jordan - Grenzfluss und Spender von Leben

Wo genau die biblischen Schibboleth-Furten lagen, weiß man nicht. Doch ein Grenzfluss ist der Jordan noch immer. Lediglich 250 Kilometer ist er lang, der Fluss, in dem Jesus getauft wurde. Seine Quellen liegen im Hermon, der fast so hoch ist wie die Zugspitze und wo im Winter Schnee liegt. Wenn der Jordan nach Süden in die Wüste und ins Tote Meer fließt, ist schließlich nur noch wenig von ihm übrig. Dennoch ist und bleibt der Jordan ein Mythos.

Golanhöhen, Israel 
Foto: Lee Huzysberg / Pixaby

Die Quellen des Jordan liegen im Libanon und nicht zuletzt auf den Golanhöhen. Und zu den vielen Konflikten in Israel, Palästina und überhaupt im Nahen Osten gehört immer auch der um die knappe Ressource Wasser. Das Wasser spielte auch eine Rolle vor und nach dem Sechstagekrieg 1967, der die Landkarte der Region bis heute bestimmt. 1964 hatte Israel seinen „National Water Carrier“ fertiggestellt, ein großes Kanal- und Leitungssystem, das Trinkwasser aus dem wasserreichen Norden in den Süden bis in die Negev-Wüste leitet.

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Quasi als Vergeltung begannen die Syrer, auf dem Golan den Israelis das Wasser abzugraben: Sie fingen an, die Jordan-Zuflüsse Banyas und Hasbani umzuleiten. Israel reagierte mit Luftangriffen auf die Kanalarbeiten. Die Feindseligkeiten eskalierten und trugen zum Ausbruch des Kriegs im Juni 1967 bei. Rund 15 Prozent des israelischen Wassers kommen vom Golan. Dass Israel den Höhenzug annektiert hat, schützt das Land nicht nur vor militärischen Angriffen.

Jordan - Pipeline soll Totes Meer retten

Bis vor wenigen Jahren kam ein Drittel des israelischen Wasserbedarfs aus dem See Genezareth. Durch die Entnahmen ist nicht nur der Wasserspiegel des „galiläischen Meers“ gesunken, es floss auch weniger Wasser aus dem See ab. Im Toten Meer kommt kaum noch Jordan-Wasser an: Jährlich sinkt der Wasserspiegel dort um einen Meter. Ein jordanisch-israelisches Gemeinschaftsprojekt soll das Tote Meer retten: Durch eine gewaltige Pipeline wird in Zukunft Salzwasser aus dem Roten Meer durch Jordanien in das Tote Meer fließen. Israel beteiligt sich in Milliardenhöhe, obwohl es keine unmittelbaren Vorteile für die eigene Wasser- oder Energieversorgung hat. Stabilität in einem der wenigen Nachbarländer, mit dem man einigermaßen gute Beziehungen hat, ist Israel wichtig. Baubeginn, bereits für 2018 angekündigt, soll das Jahr 2021 sein.

In Israels eigener Wasserwirtschaft hat derweil eine Revolution Einzug gehalten. Mit Milliardeninvestitionen wurden an der Mittelmeerküste in den letzten Jahren riesige neue Meerwasserentsalzungsanlagen errichtet. Sie produzieren jährlich 600 Millionen Kubikmeter Trinkwasser zu einem Preis, der bei weniger als einem Viertel des deutschen Durchschnittspreises liegt. Israel braucht nun weniger Wasser aus dem See Genezareth. Unter Umweltschützern ist die Methode wegen des Energiebedarfs aber umstritten – und weil die anfallende hochkonzentrierte Salzlösung ins Mittelmeer versenkt wird.

Ob die Pipeline aus dem Roten Meer verhindern kann, dass das Tote Meer endgültig „über den Jordan geht“, muss sich noch zeigen. Mit „über den Jordan gehen“ drückt man ja aus, dass etwas kaputtgeht oder kaputtgegangen ist. Hinter der saloppen Wendung verbirgt sich wieder mal die Bibel: Über den Jordan zogen die Israeliten nach ihrer 40-jährigen Wüstenodyssee ins Gelobte Land, das Milch und Honig versprach. Christen haben später den Gang über den Jordan symbolisch gedeutet: als ein Bild für die Grenze zwischen Leben und Tod – oder vielmehr den Übergang in ein himmlisches Leben nach dem Tod.

Freiheit winkt diesseits oder jenseits des Jordan – je nach Perspektive. Dass der in vielen Gospeln besungene Johannes Jesus mit realem Jordanwasser taufte und beide Juden waren, sind wohl historische Tatsachen. Aber wo genau am Jordan fand eigentlich die Taufe statt?

Gleich drei „offizielle“ Taufstellen am Jordan

Am rechten Jordan-Ufer, sagen die Jordanier. Am linken Ufer, sagen die Israelis. Oder oben am See Genezareth. Ein Schelm, wer dabei an die Konkurrenz um christliche Pilgerströme und Touristen denkt. Mindestens drei Kandidaten gibt es: Sicher, bequem zu erreichen und viel besucht ist Yardenit am Südufer des Sees Genezareth. Aber leider ist Yardenit genauso sicher nicht der historische Ort der Taufe Jesu. Yardenit heißt so viel wie „am Jordan“. Die Stelle liegt ganz in der Nähe von Degania, dem ältesten Kibbuz in Israel, wo der Jordan wieder aus dem See heraus und in Richtung Totes Meer fließt. Die Taufstelle liegt idyllisch im Grünen und ist komfortabel ausgebaut mit Treppenstufen. Tausende Taufen finden hier jedes Jahr statt – für die einen die Erfahrung ihres Lebens, für andere eher ein Touristenspektakel.

Historisch bessere Argumente hat eine Stelle 100 Kilometer südlich vom See Genezareth, östlich von Jericho im Westjordanland, die erst seit wenigen Jahren zugänglich ist: „Qasr al-Yahud“, arabisch für „Burg der Juden“. Nach der jüdischen Tradition überquerten hier einst die Israeliten den Jordan, um das nahe Jericho und danach den Rest des Landes zu erobern. Vielleicht kommt daher der etwas rätselhafte Name, denn eine echte Burg gibt es hier nicht. Dafür ganz in der Nähe eines der ältesten bestehenden Klöster in Palästina, das im 5. Jahrhundert gegründete „Heiliges Kloster des heiligen Gerasimos in der Wüste des Jordanflusses“, das die Araber Deir Hajla nennen.

Wie eine Festung sieht allerdings das orthodoxe Kloster Johannes’ des Täufers im Grenzgebiet in der Jordansenke aus. Es stammt aus dem späten 19. Jahrhundert. Vom Kloster geht es zum Fluss hinunter, wo eine große hölzerne Plattform den Zugang zum Jordan für Taufen ermöglicht. Erst vor Kurzem hat das israelische Tourismusministerium einige Millionen in die Anlage gesteckt. Sie ist jetzt auch für Rollstuhlfahrer zugänglich, Toiletten und Duschen wurden modernisiert. Vor allem Orthodoxe lassen sich hier taufen.

Täuflinge haben in „Qasr al-Yahud“ Ausblick auf eine ganz ähnliche Anlage auf der anderen Seite des nur wenige Meter breiten Flüsschens. Auch Kirchtürme sind vom Ufer aus zu sehen. Das Überschreiten des Jordan ist hier allerdings streng verboten: Die Flussmitte markiert die Grenze zwischen Israel und Jordanien.

Vielleicht kommt man mit dem Blick ans Ostufer der historischen Taufstätte des Johannes tatsächlich am nächsten. Hinweise gibt das Johannesevangelium. Dort heißt es über eine Diskussion Johannes des Täufers mit den Pharisäern: „Dies geschah in Bethanien jenseits des Jordan, wo Johannes taufte.“ (1,19-28) Und vor dem Konflikt mit dem religiösen Establishment des Jerusalemer Tempels zieht sich Jesus einmal zurück „auf die andere Seite des Jordan an den Ort, wo Johannes zuvor getauft hatte, und blieb dort“ (10,40). Die Perspektive „jenseits“ oder „die andere Seite des Jordan“ als Ortsangabe entspricht ziemlich sicher dem Blick von Jerusalem oder von Westen nach Osten. Mit Bethanien kann jedenfalls nicht das gleichnamige Heimatdorf von Marta, Maria und Lazarus südöstlich von Jerusalem und dem Ölberg gemeint sein. Das Johannesevangelium ist aber leider die einzige Quelle für den Ortsnamen Bethanien östlich des Jordan. Schon früh haben christliche Traditionen die Angabe mit der Jordanfurt Bethabara („Haus der Furt“) identifiziert, die heute als „Qasr al-Yahud“ bekannt ist.

Ein Mosaik aus dem 6. Jahrhundert ist eine der wichtigsten Quellen für die Lage und die Namen antiker Orte im Heiligen Land: die sogenannte Karte von Madaba. Das Mosaik zeigt Bethabara mit dem Vermerk „der Ort der Taufe des heiligen Johannes“. Auf der gegenüberliegenden östlichen Jordanseite steht: „Aenon, wo nun Sapsaphas ist“. Letzteres führt nun wieder zurück ins Johannesevangelium, wo es heißt: „Johannes taufte in Änon, nahe bei Salim, denn es war da viel Wasser; und sie kamen und ließen sich taufen.“ (3,23)

Um das Wasser des Jordans gibt es Streit. Fraglich ist auch, wo genau Jesus getauft wurde.
Foto: picture-alliance

Als der israelische Premierminister Yitzchak Rabin und König Hussein von Jordanien 1994 Frieden schlossen, kam einiges in Bewegung am Fluss, wenige Kilometer bevor dieser ins Tote Meer mündet. Jahrelang hatte eine weitläufige Verminung beide Seiten des Jordan zum tödlichen Sperrgebiet gemacht. Jordantaufen waren nur in Yardenit möglich.

Nun begann man, die Minen zu räumen – und 1997 mit Ausgrabungen. Im Wadi al-Kharrar, einem jordanischen Wüstental, an dessen Ende eine Quelle liegt, förderten Archäologen einen knappen Kilometer vom Fluss und der Tauffurt entfernt Sensationelles zutage: eine Reihe von Taufbecken und Wasserleitungen, die Überreste frühchristlicher Kirchen, Klöster und Pilgerquartiere. Die Araber nennen die ganze Gegend bis heute „al Maghtas“: Taufstätte.

Die arabisch-islamische Eroberung bereitete „al Maghtas“ allerdings auch für Jahrhunderte ein Ende. Den Löwenanteil der modernen christlichen Taufstättenpilger bekam dann lange die israelisch-palästinensische Seite ab. Doch in den vergangenen Jahren ließ Jordanien rund um die Ausgrabungen in Al-Maghtas einige neue Kirchen errichten. Seit die jordanische Taufstelle 2015 sogar in das Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen wurde, steigt die Zahl der Besucher dort stark.

Einen Beweis für die Authentizität als Taufstätte Jesu gibt es auch für die jordanische Seite von Al-Maghtas nicht, betont der langjährige Leiter des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Lands (DEI) in Jerusalem, der Archäologe Dieter Vieweger. Die Ausgrabungen auf jordanischem Boden seien aber „eine gute Erinnerungsstätte an die Taufe Jesu: So könnte es gewesen sein“, sagt Vieweger.

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