Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Übrig bleiben ist auch schön“ - Bewegtes Leben auch im Alter

Was passiert, wenn man soviel Zeit in einer Wohnung verbracht hat, dass man mit ihr zu einer Einheit verschmolzen ist? Ulrike Scherzer hat diese Frage Seniorinnen gestellt, die um die 90 sind und daraus ein Buch gemacht, welches das Leben im Alter zeigt.

Ulrike Scherzinger, Autorin, denkt übers Wohnen im Alter nach. Foto: Susanne Müller-BajiUlrike Scherzinger, Autorin, denkt übers Wohnen im Alter nach. Foto: Susanne Müller-Baji

19 Seniorinnen haben Ulrike Scherzer und die Fotografin Juliana Socher befragt und porträtiert für ihr Buch „Altweiberwohnen – Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter.” Die entstandenen Texte sind voller Mutterwitz und Altersweisheit – und bisweilen geben sie Jüngeren wertvolle Denkanstöße für das in diesen Corona-Zeiten erzwungene Verharren in den eigenen vier Wänden.

Denn die Wohnwelten sind Abbild ihrer Bewohnerinnen. Die sind mal weit gereist, mal ganz Familienmensch; allen gemein ist aber, dass sie sich gut eingerichtet haben in ihrem Leben, trotz mancher Einschränkungen oder Schicksalsschlägen.

Babyphone? Nein Danke!

Zum Beispiel Trude B. (89), die nach ihrem Schlaganfall bald wieder nach Hause entlassen wird, weil die Tochter in der Nähe wohnt und Ärztin ist. Zur Sicherheit wird die alte Dame allerdings per Babyphone überwacht. „Aber ich habe nachts auch mal gerne laut Musik gehört und dann haben wir es wieder abgebaut”, sagt sie trocken.

Interessant ist auch, worauf die Frauen im Alter besonderen Wert legen: Manchmal ist der Garten das wichtigste Zimmer, manchmal der Tablet-Computer die wichtige Verbindung zur Schwester in Amerika. Man muss mit dem arbeiten, was man hat, das ist die eine Erkenntnis. Und die andere: Über Alterseinschränkungen jammert man nicht, man arrangiert sich.

Fitnessgerät Treppe. Foto: Gerd AltmannFitnessgerät Treppe. Foto: Gerd Altmann

Die Treppe ist mein Fitnessgerät

Die 95-jährige Margaret R. begreift die Treppe in ihrem Haus nicht als Hindernis, sondern Fitnessgerät: „Die Treppen halten mich frisch, also – so frisch wie möglich.“ Anne-Liese (91) sagt: „Der Garten ist mein Hobby und der hält mich am Laufen. Wenn man ausschließlich seine paar Zipperlein pflegt, dann kann man ja gleich den Löffel abgeben.“

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

Ulrike Scherzer, Honorarprofessorin an der Fakultät für Architektur an der Universität Stuttgart, erzählt, dass sie das Thema Wohnen im Alter immer wieder in ihren Vorlesungen aufgreift, bis vor kurzem auch im Studiengang „Integrierte Gerontologie“, der aber wenig nachgefragt worden sei. Sie zieht ihre eigenen Schlüsse aus den Recherchen zum Buch: „Ich bin jetzt Ende 50, da überlegt man schon: Bleibt man, wo man ist, oder verändert man sich noch einmal komplett?“

Interessiert und weltoffen trotz Begrenzung

Corona verleiht dem Buch eine fast schon philosophische Tiefe: Plötzlich war der Aktionsradius für viele Menschen jedes Alter auf die eigenen vier Wände begrenzt. Auch Scherzers Studenten hätten dadurch mehr darüber nachgedacht, wie es ist, wenn man kaum oder nicht mehr rauskommt, erzählt Scherzer: „Sonst ist man ja immer unterwegs, da ist es nicht so wichtig, wie die Wohnung eingerichtet ist.“ Plötzlich sind die Schilderungen der alten Damen wie Tipps zur Bewältigung des Stillstands: Wie integriert man Bewegung in den Alltag, wie kommt man mit dem Alleinsein klar, wie bleibt man interessiert und weltoffen?

Foto: Pressebild/ Juliana SocherFoto: Pressebild/ Juliana SocherKuscheltiere gibt es nicht nur im Kinderzimmer und die Hängeschränke sind oft unerreichbar.  Foto: Pressebild/ Juliana Socher

Die Fragen, die Scherzer aufwirft, hallen nach. Soll man in ein altengerechtes Domizil umziehen oder lieber in der vertrauten Umgebung bleiben? Eher in der Stadt oder auf dem Land? Wer hilft den Alltag zu bewältigen? Das Buch stellt auch unkonventionellere Ansätze vor: Das Leben in einem Wohnprojekt, oder die Hilfe durch die nette Nachbarin.

Oder der Fall der ehemaligen Dorfschullehrerin, bei der sich nun die vormaligen Schüler als Helfer abwechseln: „Der eine kauft für sie ein, der andere fährt sie ins Theater – sie muss eine sehr gute Lehrerin gewesen sein“, sagt Scherzer und lacht. Wer zwischen den Zeilen liest, bemerkt aber auch die Schwierigkeit, angebotene Hilfe anzunehmen. Im Buch bringt Gertraud (86) das Problem auf den Punkt: „Da habe ich dann auch meinen Stolz. Es ist ein großer Unterschied, ob derjenige einfach kommt und fragt: ‚Was brauchst Du?‘ Oder ob man bitten muss. Da überlegen Sie zweimal – mindestens!“

Nachbarschaftshilfe. Foto: Holger Kraft, pixabayNachbarschaftshilfe. Foto: Holger Kraft, pixabay

Die Buchautorin zieht daraus Schlüsse für die Arbeit mit alten Menschen – sowohl in den weltlichen als auch in den Kirchengemeinden: Ob man nun anrufe oder regelmäßig einen Zettel in den Briefkasten stecke – wichtig sei es dranzubleiben, auch wenn die Betreffenden immer wieder ablehnten.

Manchmal sind es nur scheinbare Kleinigkeiten, an denen es hakt: „Ich sehe das an meiner Mutter“, sagt Scherzer. „Sie ist 90, aber sie würde nie zu einem Altennachmittag gehen – sie ist nicht alt!“ Erfolgreicher seien Angebote, die kein spezifisches Alter ansprechen, aber auf die Bedürfnisse der Senioren eingehen: „Wenn jemand mit 80 Jahren Spanisch lernen möchte, dass wird das nicht so schnell gehen, wie bei Jüngeren. Aber die Überschrift ist trotzdem: Spanisch lernen.“

Besonders spannend seien Kurse, in denen junge Menschen Älteren beim Einstieg in Computer und Internet helfen. Das bringt dann auch die Generationen in Kontakt, denn nur wer sich kennt, kann auch helfen – und sich helfen lassen.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, über das Wohnen im Alter nachzudenken? Scherzer empfiehlt die Zeit Ende 60, Anfang 70. Weil man dann noch aktiv genug sei, sich gegebenenfalls in einer neuen Umgebung wieder einzuleben und die Kontakte zu knüpfen, die später äußerst hilfreich sein können.

„Es hat sich bei einer der Lesungen eine Besucherin zu Wort gemeldet, die vergleichsweise früh in ein betreutes Wohnen umgezogen ist. Auch wenn sie von den angebotenen Hilfen bislang noch sehr wenig in Anspruch nimmt, genießt sie doch die Geselligkeit unter den Bewohnern und die regelmäßigen Treffen.“

Schockotorte. Foto: Lolame, pixabaySchockotorte. Foto: Lolame, pixabay

War es schwer, so inspirierende und beherzte Damen für das Buch zu finden? Es seien einige Verwandte darunter, sagt Scherzer, dann habe sie den Kreis über Empfehlungen weiter ausgedehnt. „Wir mussten bei den Besuchen Unmengen Kaffee trinken und sehr viel Kuchen essen!”, sagt sie und schmunzelt. Als das Buch nach rund zweijähriger Vorarbeit erschien, waren ein paar der Frauen bereits verstorben.

Eine der Porträtierten, die 91-jährige Marie-Louise M., fasst die Essenz des Buchs „Altweiberwohnen“ so zusammen: „Übrig bleiben ist auch schön. Ich habe viel Beschäftigung. Ich sag immer: Ich brauch noch zehn Jahre.”

Vor dem Alter steht ein bewegtes Leben, das mit dem Alter nicht einfach so endet.

 

Buch-Tipp

Ulrike Scherzer und Juliana Socher: Altweiberwohnen
Gespräche und Fotografien über das Wohnen im Alter,

Residenz Verlag 2016
152 Seiten
29,90 Euro

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen