Christliche Themen für jede Altersgruppe

Unerhörtes Geschehen

Als der Pfingsttag kommt, ist David, sonst in fernen Ländern unterwegs, gerade in Jerusalem. Der weit­gereiste Kaufmann trifft eine ortsansässige Frau, die Jerusalemer Jüngerin Sulamith. Sie erleben das, was wir als Pfingstwunder kennen. Sprachgewirr, Zitat, Schriftbeweis – alles ziemlich verwirrend. Ein Ausschnitt eines fiktiven Dialogs ihrer ungleichen, unterschiedlichen Begegnung mit dem Pfingsttag.

David: Du redest mir zu viel, Sulamith.

Sulamith: Wie jetzt, David? Was soll das heißen, „zu viel“?

David: O Sulamith. Ich komm nicht mit.

Sulamith: Meinst Du, weil’s zu gut ist, zu klug, David? Gott hat uns doch einen Verstand geschenkt. 

David: Ich bleibe trotzdem dabei: Du redest mir zu viel.

Sulamith: Weil ich eine Frau bin? Aha – auf einmal Pause der Herr! Plötzlich ganz stumm? ‚Qui tacet assentiat.‘ – David, was grinst Du denn so?

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David: Sulamith, fängst Du schon wieder an? Ich muss nachdenken. Und wie, Latein kannst Du auch?

Sulamith: Na klar: „Wer schweigt, scheint zuzustimmen“, kennt man vom Gericht. Und Latein höre ich, seit ich elf bin. „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu.“

David: Der reinste Widerspruch! Heraklit? Der uralte Philosoph dieser Hellenen! Schon 500 Jahre tot.

Sulamith: Gut, nenn’s ein Paradox, wenn Du willst. Doch nur so können wir Wirklichkeit beschreiben, umfassend – mit unseren Erfahrungen. Lebenslang. Alles fließt, mein Lieber.

David: Eigentlich hast Du ja Recht. Deinen Widerspruch „Jesus ist getötet und er lebt“, den kann man nicht kapieren.

Sulamith: Ich weiß. Diese Leute. Viele sind einfach gestrickt, nerven und… David: …und wollen einfach nichts dazulernen, immer so bleiben.

Sulamith: Gott sei’s geklagt, David. Wer lernen will, lässt sich gern zurechtweisen; wer aber keine Kritik erträgt und Zurechtweisung hasst, der bleibt dumm. Weisheit und Verstand sind ein sicheres Fundament…

David: Sulamith, meine Freundin, Du redest mir schon wieder zu viel.

Sulamith: Ach komm, David. Lass uns zusammentragen, was wir erlebt haben.

David: Also, ich bin angekommen, finde nur schwer ein Zimmer. Dein Jerusalem, so richtig voll. Lauter Leute, Geschäftsleute.

Sulamith: Sagen wir Pilger, Wallfahrer zu Shavuot, unserm Wochenfest: 49 Tage, eine „Woche von Wochen“ nach dem Passafest.

David: Genau. Der Fünfzigste, wie andere rechnen, gerne Pfingsttag sagen. Geschäftspartner und Kunden habe ich auch gesehen.

Sulamith: An diesem Tag waren alle wieder versammelt.

David: Petrus, Jünger Jakobus, Johannes, die Zebedäus-Söhne, Levi, Andreas, Simon, Thomas, und Bartholo… 

Sulamith: Susanna! Johanna! Maria aus Magdala und Mirjam, die Mutter von Jakobus. Und andere Frauen, wie Salome. Also nicht bloß Männer. Wir alle, die zu Jesus hielten, waren versammelt. Und plötzlich gab’s ein mächtiges Rauschen im ganzen Haus. Alle fingen an, in Fremdsprachen zu reden. Jede und jeder, wie’s Gottes Geist eingab.

David: Hast Du lateinisch geredet?

Sulamith: Ja, auch, ‚Ad dirigendos pedes nostros in viam pacis‘, glaube ich. Dirigiere unsere Füße auf den Weg des Friedens. Oder war’s auf Hebräisch ‚däräch schalom‘? Wir haben durcheinander gesprochen. Alles fließt.

David: Kein Wunder. Ist die ganze Zeit auf den Straßen zu hören! Die Sprachen der Welt. Gleichzeitig. Tagelang. Ein Chaos von Sprachen.

Sulamith: Das fällt mir gar nicht mehr auf.

David: Mir schon. Ein Dutzend Sprachen hab ich gehört. Vorne, auf der breiten Geschäftsstraße zum Tor der Esséner.

Sulamith: Genau: diese gottergebenen Leute. Dienen nicht dem Geld, haben keine Waffen, ihnen ist der Sabbat heilig. Sie sammeln keine Äcker oder Häuser, keinerlei Großgrundbesitz.

David: Und halten sie Sklaven?

Sulamith: Nein, sie brauchen niemand unter sich. Sind nicht stolz. Einfach bescheiden. Ja, die Männer haben’s nicht nötig, Frauen zu unterdrücken. Sind sich nicht einmal zu schade, Frauenarbeit zu übernehmen.

David: Öffentlich? Wenn sie sich dabei sehen lassen, werden sie da nicht als Schwächlinge ausgelacht?

Sulamith: Jesus hat sie sehr geschätzt.

David: Wirklich? Woher weißt Du’s?

Sulamith: Dort, in dem Stadtteil der Esséner, hat er sein letztes Abendmahl gefeiert. „Wo sollen wir’s Passamahl für Dich vorbereiten?“ Und weißt Du, wie er die Adresse angab?

David: Nein. Woher denn?

Sulamith: „Hört zu!“ hat er gesagt. „Geht in die Stadt! Dort werdet ihr einem Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Folgt ihm.“

David: Jetzt dämmert’s! Der Mann würde unschwer zu erkennen sein, weil’s üblicherweise Frauen sind, die Wasser holen.

Sulamith: So ist er uns aufgefallen. Ein Esséner! In dem Haus dort sollten wir höflich nachfragen: „Der Meister lässt fragen: Habt Ihr für mich einen Raum, in dem ich mit meinen Jüngern Passa feiern kann?“ Im Obergeschoss hat man uns ein großes Zimmer mit Sitzpolstern ausgestattet. Dort haben wir mit allem das Festmahl schön vorbereitet.

David: Sitzpolster hin oder her. Passa als Abschiedsessen. Ich stell’s mir bedrückend vor.

Sulamith: Im Gegenteil. Jesus hat allen die Füße gewaschen.

David: Er hat  Sklavenarbeit gemacht?

Sulamith: Klar. Und blieb ganz groß. Niemanden hat er rausgeschickt, obwohl er doch wusste, einer von uns wird ihn ausliefern. Jeder hat gefragt: Herr, bin ich’s? Jeder Jünger.

David: Augenblick: Für jeden war’s vorstellbar, dass er ihn verrät? Und er konnte feiern, mit allen? Er hat niemanden weggeschickt?

Sulamith: Wir waren bestürzt. Er aber gar nicht. „Mir hat immer wieder ein Traum geträumt: Ihr liebt einander genauso wie ich Euch! Alle werden erkennen: Ihr seid meine Schüler. Und nun lasst uns feiern, was wir glauben.“ Was für ein Abendmahl!

David: Ich kann Dir gut zuhören, Sulamith.

Sulamith: David, wenn Du das miterlebt hättest! So höflich, freundlich und rücksichtsvoll untereinander, die Esséner, so liebevoll. Und dort haben wir Passa feiern können. Jesu Gesicht, seine Augen, seine Ausstrahlung trotz dieser finsteren Welt, seine Worte. Dass für ihn der Tod nicht das letzte Wort hat. So hat er gelebt. Unsere Erlebnisse erzählen wir weiter, wie Joel das sieht: allen Völkern wollen wir’s weitererzählen…

David: Und die sind ja gerade hier! „Jeruschalajim“, Gründung des Schalom. Schöne Stadt hier. Ein Wunder.

Sulamith: Ein Wunder, dass sie uns verstanden haben, alle. Was wir mit Jesus spüren konnten: Gottes Wesen ist die Liebe.

David: Sie haben Euch damit verstanden, staunend, Leute aus Persien, aus dem Land der Meder und Elams Hauptstadt Susa. Aus Mesopotamien, aus Judäa und Kappadokien, aus Pontus und aus der Provinz Asien. Leute aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten, aus der Gegend von Kyrene in Libyen. Insel- und Wüstenbewohner, Kreter und Araber, alle sind da.

Sulamith: David, woher weißt Du das?

David: Ich hab’s doch gehört.

Sulamith: Wie denn das?

David: Ich bin Kaufmann, wie mein Vater. Überall bin ich gewesen. Man muss Sprachen lernen, als guter Kaufmann, muss die Kulturen kennenlernen. Zuhören ist eine Kunst. Habe ich auch von meinem Vater geerbt. Ich habe Interesse an anderen Kulturen und staune immer noch, jedes Mal. Das kommt mit der Hochachtung vor Fremden von allein.

Sulamith: Schwer zu glauben, David, wie Du zwölf Sprachen zu hören…

David: Doch, ich handle mit Lapislazuli. Blauer Stein mit goldenen Einsprengseln: Wie Gott Himmel und Sterne schuf. Darum ist der Stein so begehrt… Der Himmel im Stein erinnert sie an inneren Frieden, an Freundschaft, Weisheit, an Liebe. In Persien wird der beste Lapislazuli gebrochen, also lernte ich Persisch. Ich höre, wie Elamiter reden. Ich versteh Menschen in Kleinasien, Nordafrika oder Ägypten. Rom, da war ich auch! Jetzt sind römische Bürger unter den Besuchern, hier in der einmaligen Stadt Jerusalem.

Sulamith: David, Du hörst jeden seine eigene Muttersprache sprechen?

David: Hier geht’s nicht um Vokabeln und Semantik, Sulamith. Euch hören die Menschen zu, was Ihr erzählt über Gottes Wesen und Jesu Herz. Das soll keine Fremdsprache sein, Edelmut keine Schminke. Sie wollen’s hören, trinken, aufnehmen, verstehen, so vertraut soll’s klingen und nahe wie die Muttersprache der Seele.

Sulamith: Jetzt redest Du mir zu viel, David. Du weißt schon auch, dass andere sich gerade darüber lustig machen: „Die sind voll, zu viel Wein!“, spotten sie.

David: Spott und Hohn über eine Sehnsucht der Menschheit. Selig ist, wer nicht zusammensitzt mit Leuten, denen nichts heilig ist. Retten wir uns vor diesen Zeitgenossen! Ich glaube, Gott wird sie zur Rechenschaft ziehen. Alle.

Sulamith: Schon. Doch immer mehr wollen mir zuhören, uns, David, warum wir zusammen so leben, und täglich im Tempel sind.

David: Ich bin viel herumgekommen, Sulamith, ohne Übertreibung, glaub mir: so was Schönes, Prächtiges wie den Tempel des Herodes, das Azurblau, Gold, das gibt’s im ganzen römischen Imperium nicht. Ich verstehe, dass Jesus gern dort war.

Sulamith: Und wenn Ihr den Rest Eures Lebens ihm widmet, werdet Ihr ein Geschenk des Himmels bekommen, sag ich den Leuten, seinen Heiligen Geist. Weisheit und Verstand sind ein sicheres Fundament, auf dem Jesus sein Haus errichten kann, sagt mir sein Geist.

David: Den suchen sie, Sulamith, sie kommen, immer mehr, und sie wollen über ihn noch mehr hören. Du redest mir ja doch nicht zu viel.

Sulamith: Leben suchen sie hier. Hier muss niemand Not leiden. Hier gibt’s Hilfe, keine Hierarchie. Kein Befehligen. Sein Geist macht das: Leben wie eine große Familie ohne Angst. Gemeinsame Mahlzeiten. Keiner kommt zu kurz. Alles gehört allen.

David:  Dein Wissen auch. Von Dir lerne ich. Und verstehe. Hier ist mein Ring, Sulamith.

Sulamith: Der ist wirklich schön!

David: Lapis.

Sulamith: Himmlisch.

David: Ein Erbstück. Hier, meinen Ring. Nimm!