Christliche Themen für jede Altersgruppe

Unverbrüchliche Liebe

Stan und Sieglinde Park, zwei Menschen mit Handicap, haben sich „getraut“ ? und sind trotz zahlreicher Schicksalsschläge seit nunmehr 33 Jahren verheiratet. Mit viel Verständnis füreinander haben sie sich immer gegenseitig unterstützt. 


Stan und Sieglinde Park sind seit 33 Jahren glücklich miteinander. Herzkissen und Holzherz hat er ihr geschenkt. (Foto: Pat Christ)


Nein, schmunzelt Sieglinde Park, es hat nicht gleich gefunkt. Im Gegenteil: „Als ich Stan das erste Mal sah, dachte ich mir: ‚So ein blöder Hund!‘“ Was auf einem Missverständnis beruhte. Stan hatte nicht verstanden, dass Sieglinde nicht gut hören konnte. Und Sieglinde war nicht klar gewesen, warum Stan so verwaschen „nuschelte“. Das, so erfuhr sie kurz ­darauf, lag an einem schweren Autounfall. Mit Schädel-Basis-Bruch. Einer Woche Koma. Und einer Halb­seitenlähmung als Folge.

Es war kein besonderes Event, bei dem sich Stan und Sieglinde Park kennenlernten. Zur ersten Begegnung kam es 1984 in einer eher ­prosaischen Umgebung. „Wir saßen in der Cafeteria eines Heidelberger Bildungszentrums am selben Tisch“, schildert Sieglinde Park. Sie ließ sich just zur Bürokauffrau ausbilden. Stan, ehemaliger Berufssoldat bei der Army, der krankheitsbedingt entlassen worden war, qualifizierte sich zum Nachrichtengerätemechaniker. Noch sah man Sieglinde Park ihre vermutlich schon damals in ihr schwelende, schwere Erkrankung nicht an: Die 60-jährige Würzburgerin leidet an Elefantiasis.


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Stan hingegen hatte damals eine ganze Menge Probleme in den Griff zu bekommen. Seine Karriere in der Army war jäh unterbrochen worden. Seit dem Unfall am 14. Dezember 1980, bei dem er überfahren worden war, musste er damit klarkommen, dass er nun ein „Mensch mit Behinderung“ war. Das war nicht nur für ihn schwer: „Meine Exfrau konnte damit überhaupt nicht umgehen.“ Es kam immer öfter zu Streitereien. Als Stan Sieglinde kennenlernte, war die erste Ehe nach zehn Jahren zu Ende. Stan war völlig down. Er begann, Sieglinde davon zu erzählen. Die hörte mit viel Einfühlungsvermögen zu. Stan: „Sieglinde war damals meine Lebensretterin.“

Die Tatsache, dass Stan behindert war, nahm Sieglinde hin, ohne sich groß etwas dabei zu denken. „Ich war den Umgang mit behinderten Menschen gewöhnt“, erzählt sie. Und zwar durch ein diakonisches Jahr in Neuendettelsau. Dort hatte sie in einer stationären Einrichtung für Menschen mit geistigem Handicap gearbeitet. „Ich wäre so gerne Krankenschwester geworden“, erzählt die Rollstuhlfahrerin. Doch das hatte ihre Mutter nicht gewollt. Sieglinde beugte sich und wählte ­einen kaufmännischen Beruf. Die Mutter war es auch gewesen, die ihr von einer Ehe mit Stan abgeraten hatte: „Sie fragte mich, was ich mit einem geschiedenen und noch dazu behinderten Mann will.“
Diesmal stellte sich Sieglinde auf die Hinterbeine. Sie wollte Stan. Und keinen anderen. Nur zwei Jahre nachdem sie sich kennen­gelernt hatten, beschlossen die beiden zu heiraten. Als Datum wählten sie den 4. April 1986. Alles war ­arrangiert. Da musste noch einmal ein überraschendes Hindernis überwunden werden. „Ich besuchte in Amerika ein evangelisches Gymnasium, deshalb bin ich automatisch davon ausgegangen, dass ich getauft wäre“, erzählt Stan. Er fiel aus allen Wolken, als aus den USA die Nachricht kam: Eine Taufe habe es nie gegeben. Ein evangelischer Pfarrer traute das Paar trotzdem, nachdem Stan versprochen hatte, sich gleich hinterher taufen zu lassen.

Kurz nach der Heirat erfuhr Sieglinde Park, dass sie an einer chronischen Krankheit leidet: Mit ihrem Lymphgefäßsystem sei etwas nicht in Ordnung, erklärte ihr ein Arzt. Jetzt war ihr klar, warum sie immer ein wenig korpulenter war. Obwohl sie nicht viel aß. Noch war die Diagnose kein Schock. Denn nichts sah bis dato nach Elefantiasis aus. Sieglinde Park konnte noch laufen. Nach außen wirkte sie ganz normal. Welche schwere Form das diagnostizierte Lymphödem annehmen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen.

Verheiratet zu sein und Kinder zu haben, war damals für Sieglinde Park der Inbegriff des Glücks. Verheiratet war sie nun also – nach zwei gescheiterten Verlobungen. Doch mit dem Schwangerwerden wollte es nicht klappen. Endlich, Ende 1993, erfuhr das Paar: Nachwuchs ist unterwegs.
Die Freude war riesig. Bis zum 4. Juli 1994. An diesem Tag kam Kevin auf die Welt. Um gleich danach zu sterben. „Ich hatte ihn nur eine Dreiviertelstunde lang auf dem Arm“, sagt Sieglinde. Das Erlebnis stürzte sie in eine schwere Krise: „Ich konnte für zwei Jahre nicht einmal mehr glauben.“ Stan stand ihr zur Seite.

Damals war alles wie ein böser Traum. Aus dem Sieglinde Park nur sehr langsam erwachte – um in einen neuen Albtraum gestürzt zu werden. Vier Jahre nach der Geburt ihres ­Kindes musste ihre Gebärmutter entfernt werden. Alles war wesentlich komplizierter als gedacht, offenbar ging auch einiges schief: „Innerhalb von vier Wochen wurde ich viermal operiert.“ Die bis dato schlummernde Krankheit brach danach in heftigster Form aus: „Ich wurde ­binnen kürzester Zeit extrem dick.“ Irgendwann brauchte sie Krücken, um sich fortbewegen zu können. Später einen Gehwagen. Seit knapp 20 Jahren sitzt Sieglinde Park im Elektrorollstuhl.

Immer wieder neu sagte Stan „Ja“ zu seiner Frau. Durch jedes Stadium ihrer Krankheit begleitete er sie. Wobei auch der heute 70-Jährige weitere Schicksalsschläge verkraften musste: Vor sieben Jahren wurde bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert.

Die letzten Jahre waren außerdem davon überschattet gewesen, dass Sieglinde Park einen harten Kampf mit ihrer Krankenkasse ausfechten musste. Die hatte sich nach dem ­Defekt ihres Elektrorollstuhls jahrelang geweigert, ihr einen neuen, ­exakt auf sie angepassten Rolli zu finanzieren. „Das alles hat unser Leben überschattet, aber nicht unsere Beziehung“, betonen die beiden.
In der Öffentlichkeit bieten die zwei einen seltsam anmutenden Anblick, wenn sie in ihren Rollstühlen angefahren kommen. Vor allem wegen Sieglinde Parks Korpulenz. „Wir werden sehr oft angestarrt“, sagt Sieglinde. Dass die beiden verheiratet sind, löst jedes Mal wieder Erstaunen aus. „Wie kann ein Mann nur eine so dicke Frau akzeptieren!“, liest Sieglinde Park aus den Blicken ihres Gegenübers heraus. Und aus unangebrachten Kommentaren.

Ja, sie ist korpulent. Ja, sie ist nicht so mobil wie andere Frauen mit 60 Jahren. Aber Sieglinde Park ist weit mehr als ein Mensch mit Elefantiasis. Sie ist schlagfertig. Hat einen umwerfenden Humor. Eine große Sensibilität. Und viel Empathie.

Deshalb und aus tausend weiteren Gründen liebt Stan sie auch nach 33 Jahren heiß und innig. Kleine Geschenke, die überall in der Wohnung versteckt sind, erzählen davon, dass er weiß, was er an seiner einstigen „Lebensretterin“ hat. „Sigi, ich liebe dich“ prangt auf einem ­roten Herzkissen. Erst vor wenigen Tagen brachte Stan ein Holzherz an. Mit einer weiteren, wunderschönen Liebeserklärung.



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