Christliche Themen für jede Altersgruppe

US-Wahl: Die Stimmen der Gläubigen - Interview mit Prof. Philip Gorski, Soziologe der Yale University

Die Unterstützung, die US-Präsident Donald Trump gerade aus den Reihen der Evangelikalen erhält, wirft Fragen über das Verhältnis des nordamerikanischen Protestantismus zur Demokratie auf. Über sie spricht Tilman A. Fischer mit Philip Gorski, Professor für Soziologie an der Yale University.

Donald und Melania Trump beim Gottesdienst zum Nationalen Tag des Gebets im Mai. Paula White, spirituelle Beraterin im Weißen Haus, erhebt ihre Hände zum Gebet. Foto: picture-allianceDonald und Melania Trump beim Gottesdienst zum Nationalen Tag des Gebets im Mai. Paula White, spirituelle Beraterin im Weißen Haus, erhebt ihre Hände zum Gebet. Foto: picture-alliance

1939 schaffte es „God Bless America“ in die Top 10 der US-Hitparade. Was hat es mit dem besonderen Verhältnis Gottes zu den Vereinigten Staaten auf sich?

Philip Gorski: Die Amerikaner haben sich schon immer als Lieblingskind Gottes verstanden. Das fing schon mit den Puritanern in Neu-England an, die sich als die Nachfolger der Alt-Israeliten verstanden. Die heutigen Evangelikalen sind nicht mehr ganz so anmaßend, glauben aber, dass Amerikas Macht und Wohlstand mit ihrer Frömmigkeit und Gottesfürchtigkeit zusammenhängt.

An welche theologischen Traditionen knüpften die ersten christlichen Siedler in Amerika an?

Philip Gorski: Die Puritaner glaubten, ein heiliges Bündnis mit Gott abgeschlossen zu haben: Sie sollten die biblische „Stadt auf dem Hügel“ aufbauen; Gott würde sie im Gegenzug beschützen und ihnen gnädig sein. Daher „God Bless America“. Die Puritaner verstanden die Erzählungen vor allem des Alten Testaments nicht als einmalige geschichtliche Ereignisse, sondern als sich wiederholende Dramen, in denen auch sie selbst ihre Rollen spielten.

Welches Verhältnis hat sich zwischen den christlichen Kirchen und der Demokratie entwickelt?

Philip Gorski: Das Verhältnis war lange eher komplementär. Die Kirchengemeinden waren selbst demokratisch organisiert. Die Kirchenund Predigerämter wurden zumeist lokal gewählt. So dienten sie als „Schulen der Demokratie“, wie der große französische Soziologe Alexis de Tocqueville sie bezeichnete.

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Gilt dies auch noch heute?

Philip Gorski: Nicht mehr. Immer mehr Kirchengemeinden sind unter ökonomischen Gesichtspunkten organisiert. Sie werden von oben geführt von unternehmenslustigen Pastoren und wohlhabenden Geschäftsleuten. Der Kirchendienst wird zur Dienstleistung, der Kirchenbesuch zum Spektakel und das Kirchenvolk zum bloßen Publikum.

Hat das auch die politischen Mentalitäten der Christen verändert?

Philip Gorski: Ja, und zwar entscheidend. Die kleinen, eher demokratisch strukturierten Kirchengemeinden – in den Worten Tocquevilles noch „Schulen der Demokratie“ – weichen zunehmend großen, eher geschäftlich ausgerichteten Kirchen-Unternehmen, in denen sich der Pastor als CEO versteht. Kein Wunder also, dass so viele Mitglieder sogenannter „Megakirchen“ sich zu Hause fühlen bei Trump.

Was verbindet und was unterscheidet den Baptisten und Demokraten Jimmy Carter vom Methodisten und Republikaner George W. Bush?

Philip Gorski: Sie trennt weniger als man denkt, zumindest was die Sozialpolitik betrifft. George W. Bush wollte die Republikanische Partei im Sinne eines „barmherzigen Konservativismus“ umgestalten. Wie Carter wollte er eine Politik im Sinne christlicher Nächstenliebe verfolgen. Wäre 9/11 nicht gewesen und Dick Cheney nicht im Amt, wäre es ihm vielleicht gelungen. Nur glaubte Bush – wie viele amerikanische Christen – dass man das Böse mit Gewalt aus der Welt jagen könne, und die USA dazu berufen seien.

Donald Trump – mehrfach verheirateter Betreiber von Spielcasinos – scheint nicht für einen Erfolg im christlich-konservativen Milieu prädestiniert zu sein ...

Philip Gorski: Nicht wenige glauben im Ernst, dass Trump ein „guter Christ“ sei. Anderen geht es darum, möglichst viele konservative Richter ins Amt zu setzen und dadurch eines Tages die Abtreibung völlig zu verbieten. Viele amerikanische Christen halten sich für „die meist verfolgte Gruppe“ in den USA und sehen in Trump einen starken, von Gott gesandten „Beschützer.“

I love America.  Foto: Africa Studio/ Adobe StockDas Ergebnis der Präsidentenwahl in den USA wird mit Spannung erwartet. Foto: Africa Studio/ Adobe Stock

 

Woher kommt das Empfinden einer „Christen-Verfolgung“ in den USA?

Philip Gorski: Konkret wird auf bekannte Fälle hingewiesen, wie zum Beispiel die von strengen Evangelikalen in Colorado geführte Bäckerei die vor Gericht kam, weil die Betreiber keinen Hochzeitskuchen für ein schwules Paar backen wollten. Generell berufen sich viele weiße Evangelikale auf ihre „religiöse Freiheit“. Was sie mit deren angeblicher Beschneidung in Wirklichkeit meinen, ist der Verlust ihrer Privilegien als die tonangebende Mehrheit. Dabei versteht sich diese Gruppe als eine Mehrheit unter den Weißen, die sich insgesamt inzwischen einer nichtweißen Mehrheit gegenübersieht. In diesem Fall sind Religion und Rasse miteinander völlig verquickt.

Kann man denn von „den“ Evangelikalen in den USA sprechen?

Philip Gorski: Wenn man von „den“ Evangelikalen spricht, hat man meistens ältere, weiße Evangelikale im Sinne. So viele theologische Gemeinsamkeiten sie auch mit jüngeren und/oder nicht-weißen Evangelikalen haben, vertreten letztere oft eher fortschrittliche politische Ansichten, beispielsweise was Einwanderung oder Klimaschutz betrifft.

Wie stellen sich die theologisch moderateren evangelischen „Mainline Churches“ zur Regierungspolitik?

Philip Gorski: Die sind auch politisch moderater. Aber auch in ihren Reihen finden sich viele weiße christliche Nationalisten, die mit den Evangelikalen das Gefühl teilen, „ihr“ Land zu „verlieren.“

Wie könnte ein Sieg Trumps das Verhältnis von Staat und Kirche verändern?

Philip Gorski: Ein Wahlsieg Trumps würde nur wenige Folgen für das Staats-Kirche-Verhältnis haben, dafür ganz verheerende Folgen für die Demokratie. Es würde vielleicht leichte Verschiebungen der „Trennungsmauer“ geben, zum Beispiel, was die Rechte christlicher Firmen oder Unternehmer betrifft. Aber vor allem wäre es mit freien und offenen Wahlen erst mal vorbei in den USA.

 

Mit freien Wahlen wäre es vorbei

 

Inwiefern sollten spätere Wahlen unfreier sein? Und wo erwarten Sie Widerstand von den Kirchen?

Philip Gorski: Sollten Trump und die Republikaner die Wahl gewinnen und im Amt bleiben, werden sie ihre Strategie fortsetzen: Wahlrecht sowie Wahlbeteiligung so zu beschränken und die Wahlkreise so einzuteilen, dass eine Bevölkerungsminderheit dennoch die politische Mehrheit stellen kann. Sie werden es nicht scheuen, offenkundigen Wahlbetrug zu begehen. Man schaue nur, wie sie gegen die Briefwahl agitieren. Sollte Donald Trump 2020 gewinnen, heißt der Präsident 2024 wahrscheinlich immer noch Donald Trump – es fragt sich nur, ob Senior oder Junior. Widerstand dürfte wohl in erster Linie aus den Reihen der schwarzen Kirchen kommen, die seit der ersten Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre zu den Hauptträgern demokratischer Werte geworden sind.

Wie könnte sich ein Wahlsieg der Demokraten auswirken?

Philip Gorski: Das ist zurzeit die letzte Hoffnung für die amerikanische Demokratie.

Philip Gorski ist Professor für Soziologie an der Yale University in New Haven, Connecticut. Foto: Privat

Philip Gorski ist Professor für Soziologie an der Yale University in New Haven, Connecticut.

Buch-Tipp

Philip Gorski: Am Scheideweg.

Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump.

Herder Verlag 2020, gebunden, 224 Seiten, 24 Euro.

Mit einem Nachwort zur Corona-Krise.

 

Dieses Buch erhalten Sie bei unserem Bestelltelefon 0711-60100-28 oder bei unserer Internetbuchhandlung unter www.buchhandlung-eva.de

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