Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vergeben und vergessen?

Nach einem Verrat ist nichts mehr so, wie es einmal war. Das Vertrauen ist erschüttert; wie die Beziehung weitergeht, ist offen. Wie ist ein guter Umgang miteinander möglich, nachdem Verrat passiert ist? Kann es irgendwann einmal wieder so werden, wie es war? Woher kommt es, dass Menschen andere verraten? Die Psychologin Susanne Bakaus gibt im Gespräch Auskunft. Nicole Marten hat mit ihr gesprochen.

Verrat hat immer auch etwas mit zerbrochenem Vertrauen zu tun. Manchmal stirbt daran die Beziehung.
(Foto: fizkes/Adobe)

In Partnerschaften, in Familien und unter Freunden fühlen sich Menschen manchmal verraten. Was ist Verrat überhaupt?
Susanne Bakaus: Verrat geschieht in unseren Beziehungen, und es kommt immer eine dritte Person dazu. Judas verrät Jesus an andere. Auch Petrus verrät Jesus gegenüber anderen, indem er abstreitet, Jesus zu kennen. Bei Judas war es aktiver, bei Petrus passiver Verrat.


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Wieso verraten Menschen andere?

Susanne Bakaus: Bei Petrus könnte ich mir vorstellen, dass er einfach Angst hatte. Er war ein Feigling. Jesus hat ihm aber trotzdem die Kirche anvertraut, Petrus war nämlich loyal, und diese Seite hat Jesus sehr wohl auch an ihm gesehen. Bei Judas könnte der Fall anders gelegen haben. Möglicherweise hat er gedacht: „Wenn ich Jesus verrate und der kommt ins Gefängnis, dann gibt es endlich den Aufstand des jüdischen Volkes.“ Verräter denken oft kurzfristig. Meist sind sie sich der Folgen ihres Tuns nicht bewusst. Wenn sie diese dann  sehen, zerreißt es sie manchmal fast. Bei Judas hat diese Zerrissenheit zum Selbstmord geführt.

In totalitären Staaten denunzieren Menschen andere. Manchmal hat das etwas von Rache. Aber sehr häufig stecken diese Menschen auch in Zwängen. In der ehemaligen DDR zum Beispiel war der Druck da:  „Wenn Du uns nicht hilfst, dann können Deine Kinder nicht studieren.“ In Seminaren mit Menschen aus Ostdeutschland kam nach der Wende häufig der Satz: „Aber wir haben doch an den Staat geglaubt.“ Das hat mir gezeigt, dass viele Menschen überzeugt davon waren, dass sie das richtige tun. Man muss versuchen, sich in die Zeit und die Situation des anderen zu versetzen, um zu verstehen. Wenn die Mehrheit einer Gesellschaft daran glaubt, dass es im Dienste einer guten Sache ist, andere an staatliche Stellen zu verraten, weil es dann dem Staat gut geht, dann ist es schwer, sich diesem Zwang zu entziehen. Das entschuldet nicht. Aber es weckt Verständnis.


Ein großer Verrat in Ehen oder Liebesbeziehungen ist, wenn eine(r) fremdgeht. Was macht das mit der betrogenen Person?

Susanne Bakaus: Wir hören immer wieder, dass der oder die Betrogene sagt: „Das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Das Vertrauen ist kaputt. Der Verrat ist etwas Mächtiges, Unkalkulierbares. Die Sicherheit, die man in einer Beziehung hatte, ist komplett zerstört.


Und die Person, die fremdgegangen ist?

Susanne Bakaus: Fremdgeher haben oft Schuldgefühle. Oder es werden alte Rechnungen beglichen – wie beispielsweise „Du hast mir nicht zugehört, jetzt habe ich jemanden, der das tut.“ Oft ist das Fremdgehen sogar ein Versuch, die Beziehung zu halten, so paradox das klingt. Das geht nach dem Muster: „Meine Frau kocht nicht so gern, deshalb gehe ich auswärts essen.“ Das ist ein altes patriarchalisches Modell. Manchmal gehen Menschen auch fremd, weil sie einem Ideal anhängen wie dem der „offenen Beziehung“. Die Crux dabei ist, dass der Andere dieses Ideal meist nicht teilt.


Wie kann man den Seitensprung denn wiedergutmachen?

Susanne Bakaus: Wiedergutmachung gibt es nicht. Denn was geschehen ist, ist geschehen. Das kann man nicht mehr zurückdrehen. Es kann aber etwas Neues entstehen. So kann man zum Beispiel ansprechen, was einem in der Beziehung fehlt und gemeinsam überlegen, wie man das ausgleichen kann. Wenn aber die Ideale so weit auseinander liegen wie im Falle der offenen Beziehung, dann ist das nicht möglich.


Kann man der anderen Person einfach so verzeihen?

Susanne Bakaus: Ganz so einfach ist das nicht. Jesus hat am Kreuz gebetet „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“. Er hat nicht gebetet oder gesagt „ich vergebe ihnen“. Das ist ein großer Unterschied. Verzeihen braucht ein Anerkennen der Schuld. Ohne das ehrliche Schuldanerkenntnis dessen, der an mir schuldig wurde, bleibt die Vergebung Gott überlassen. Außerdem muss es einen Ausgleich für den oder die Geschädigten geben. Es gibt ja in unserer Gesellschaft den Trend, einfach allen alles verzeihen zu sollen. Das halte ich für falsch.


Auch dann, wenn verzeihen einfach heißt, dem Anderen das Unrecht, das er an mir getan hat, nicht mehr nachzutragen?

Susanne Bakaus: Das ist etwas anderes. Wenn ich sage, ich trage dem Anderen sein Handeln nicht mehr nach, dann habe ich die Freiheit, aus der Beziehung heraus zu gehen. Das ist aber nicht mit Verzeihen gemeint. Zum Verzeihen gehört, dass der andere sein Tun ehrlich bereut. Denn erst dann kann eine Beziehung weiter bestehen.


Wäre das nicht eher Versöhnung?

Susanne Bakaus: Zur Versöhnung gehört noch viel mehr. Da muss der Verräter nicht nur seine Schuld zugeben, sondern er muss auch das Leid anerkennen, das er angerichtet hat. Also nicht einfach sagen: „Klar, ich bin fremdgegangen – Entschuldigung“, sondern er muss wirklich empathisch wahrnehmen, was sein Verhalten ausgelöst hat.

Übrigens sind ja viele Verfechter der „offenen Beziehung“ dagegen, wenn der eigene Partner, die eigene Partnerin ebenfalls fremdgeht. Das sei ja etwas anderes, sagen sie oft. Was natürlich nicht stimmt.


Wie kann ein Zusammenleben denn dann wieder gelingen?

Susanne Bakaus: Man muss aufarbeiten, warum der Täter fremdgegangen ist. Was hat ihm in der Beziehung gefehlt? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Ist es beispielsweise das Gefühl des Verliebtseins, ohne das dieser Mensch nicht leben kann? Häufig ist es dann so, dass dieser Mensch glaubt, sein Leben sei ohne das Verliebtheitsgefühl langweilig. Da kann man ansetzen und ihm Hilfestellung geben, mehr Spannung in sein Leben zu bringen, ohne Fremdgehen.

Wichtig ist auch, dass der Verräter vieles tut, um das verlorene Vertrauen wiederherzustellen. Zum Beispiel, indem er anerkennt, dass seine Frau es jetzt einfach braucht, häufig mit ihm zu telefonieren – und sich dadurch nicht genervt fühlt.

Man findet also neue Wege, das Opfer verzeiht einfach so und alles ist wieder gut?

Susanne Bakaus: Nein, so einfach ist es natürlich nicht. Selbst wenn der Täter aufrichtig bereut, Anteil nimmt und sein Leben ändert. Es bleibt Sache des Opfers zu entscheiden, wann es gut ist – und ob die Beziehung unter den neuen Umständen weitergeführt werden soll. Natürlich kann es sein, dass man den anderen dann länger in der Schuld hält, das ist auch nicht gut, aber das Opfer selbst muss erstmal bereit sein zu verzeihen.


Was ist, wenn der Täter sein Leben gar nicht hinterfragen will?

Susanne Bakaus: Dann kann man an sich nichts machen. Oft führt das zum Verlust der Beziehung.


Wer verraten wird, quält sich oft auch mit der Frage nach dem Warum. Häufig kommt derjenige dann zum Schluss, nicht gut genug gewesen zu sein. Was antworten Sie darauf?

Susanne Bakaus: Es gibt einen inneren Kern in der Person jedes Menschen, den kein anderer verletzen kann. In der Arbeit mit traumatisierten Jugendlichen habe ich schon häufig einen Geldschein gezeigt und sie nach dem Wert gefragt. „10 Euro“, kommt dann beispielsweise als Antwort. Dann nehme ich den Schein, zerknülle ihn, werfe ihn auf den Boden, trete und spucke drauf. Ich hebe den Schein wieder auf, falte ihn auseinander. Was ist der Schein wert? Richtig. Immer noch die 10 Euro. Dieses Bild ist sehr stark. Die Religion hilft auch. Das Bewusstsein, „ich bin ein Kind Gottes, das kann mir keiner nehmen“, stärkt die Menschen. Sie dürfen wissen: „Es fühlt sich so an, als wäre ich nichts wert. Aber das stimmt nicht – ich bin sehr wohl etwas wert.“


Nach einem Verrat ist nichts mehr so wie es einmal war ...

Susanne Bakaus: Ja, das stimmt. Wer in seiner Kindheit sexuell missbraucht wurde, wird sich sein ganzes Leben lang schwertun damit, anderen Menschen uneingeschränkt zu vertrauen. Er wird immer wieder darum ringen müssen. Die Narben bleiben, sie tun weh. Aber es ist wichtig, diesen Menschen bewusst zu machen, dass sie viel durchgestanden haben und dadurch auch stark geworden sind. Häufig haben sie viel Einfühlungsvermögen gegenüber anderen, die Leid erfahren. Natürlich gibt es die, die daran zerbrechen, das will ich nicht verschweigen. Aber mir ist wichtig zu betonen, dass jeder Mensch seinen Wert finden kann – trotz allem, was war.


Verrat gibt es ja auch unter Freunden ... Wo fängt das an?

Susanne Bakaus: Das kann schon damit beginnen, dass man über andere redet, die gerade nicht da sind. Es geht dann schnell, dass man auch kleinere Unwahrheiten verbreitet.


Wie leicht ist es in Freundschaften, dem anderen zu verzeihen?

Susanne Bakaus: Das kommt auf den Fall an, aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass sich Freunde nicht ganz so nahe stehen wie Ehepartner – und deshalb die Beziehung nicht ganz so stark gefährdet ist wie in einer Ehe. Die Distanz ist größer, man kann den anderen besser so lassen, wie er eben ist. Wenn es sich allerdings um einen gravierenden Verrat handelt, hilft auch das nichts mehr: Wenn eine Freundin mit dem Ehemann ihrer besten Freundin eine Affäre anfängt, dann ist das Vertrauen meist so zerstört, dass keine Beziehung mehr möglich ist.


Info

Die Psychologin und Systemische Therapeutin Susanne Bakaus leitet seit drei Jahren die Landesstelle der psychologischen Beratungsstellen in Stuttgart.

 

 

 

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