Christliche Themen für jede Altersgruppe

Verkündigen statt verkleiden

Meßstetten (Dekanat Balingen) – Sie sollen ein christliches Gegenprogramm zur Fasnet sein: die ­Faschings-Alternativtage. Seit 15 Jahren treffen sich jedes Jahr mehrere hundert Jugendliche, um gemeinsam zu feiern – ohne Alkohol, dafür mit viel Musik und Glaubenszeugnissen. 


Die Band „Regeneration“ sorgt für gute Stimmung. (Foto: Wolfgang Albers)



Auf den ersten Blick sieht es in der Fasnets-Woche in der Turn- und Festhalle Meßstetten nicht viel anders aus als überall sonst: ein großer Raum, vor dem schon viel junges Volk „abhängt“. Innen huschen Scheinwerferstrahlen über eine Bühne, auf der sich eine Band bereitmacht. E-Gitarren, Boxen und ein großes Mischpult garantieren die übliche Dröhnung.
Aber dann filzen einen nicht die Sicherheitskräfte am Eingang und junge Mädchen halten einen Willkommens-drink hin: Capri-Sonne! Richtig, die mit dem angeklebten Strohhalm. Und es bleibt beim puren O-Saft: Wer an der Bar Hochprozentiges dazuschütten will, kann sich mit Cola eindecken – das ist das Maximum des Rausch-Möglichen.

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Fasnet hier geht anders. Fasnet hier heißt FAT: Faschings-Alternativ-Tage. Und die funktionieren, wie ein erster Blick zeigt: Die Halle ist voll, gut 200 bis 300 Teenies sind da – und die sind in eine richtige Meßstetter Tradition hineingewachsen: FAT gibt es schon, solange sie auf der Welt sind. FAT – mit vollem Namen inzwischen FAT United – setzt dem Fasnetstrubel seit 15 Jahren eine christliche Alternative entgegen.

Oder wie die Macher sagen: „Eine Einladung zu Jesus.“ Hinter FAT steht der Süddeutsche Gemeinschaftsverband, ein evangelikaler Zusammenschluss, 1910 in Calw gegründet, der heute etwa 150 Gemeinschaften zwischen Oberschwaben und dem Nordschwarzwald zählt und sehr aktiv in der Jugendarbeit ist. In 55 Jugend- und 35 Teenkreisen treffen sich wöchentlich mehr als 1100 Kinder und Jugendliche.

Auf der Balinger und Albstädter Alb ist der Verband gut vertreten, etliche Orte haben Jugendkreise. Und einer, der als Referent viel damit zu tun hatte, ist Martin Fiedler. Mittlerweile entwächst der 37-Jährige diesem Lebensabschnitt, als Hauptamtsleiter in Gammertingen ist er beruflich gut etabliert.So ein Kommunalamt erfordert Organisationstalent – und das hat Martin Fiedler ehrenamtlich viel geübt. FAT ist nämlich sein Kind, seit Jahren laufen bei ihm die organisatorischen Fäden zusammen. Was fast schon ein zweiter Job ist, aber das mache er gerne, sagt er: „Wenn man sieht, wie groß die Resonanz ist.“

Das liegt auch am organisatorischen Konzept: „Das ist eine Woche für Jugendliche, die von Jugendlichen gestaltet wird.“ Schon fast ein Jahr vorher fangen die Verantwortlichen an zu planen – zum Beispiel das Motto der Tage. Dieses Jahr hieß es „Time to Travel“ – jeder Abend, vom Donnerstag bis zum Ausklang am Dienstag, war einem Kontinent oder Land gewidmet. Dass am Dienstag die Jungs oft in Jackett und Krawatte einliefen, die Mädchen in langen Kleidern, lag am Thema „Gala-Abend im American Style“. So ein bisschen Kostümierung geht ja dann doch.

Vor allem in der zweiten Abendhälfte hatten die einzelnen Jugendkreise sich ein großes Mitmach-Programm ausgedacht: von Spielen bis zu Bühnen-Shows. Das bringt Besuch, sagt Martin Fiedler: „Dadurch kommen Freundinnen und Freunde mit, die sonst nicht auf kirchlichen Veranstaltungen sind.“ Klar, der Kern der Besucher ist auch übers Jahr dabei, aber so manche Kirchenferne gucken doch mal rein. Und FAT tue der Jugendarbeit insgesamt gut: „Wir merken, dass das unsere Gruppen stabilisiert.“

Vom Küchenteam bis zur Technik-Truppe, von der Film-Crew bis zu den Bühnen-Künstlern – alles ist selbst auf die Beine gestellt. Ebenso die Musik: „Regeneration“ heißt die Band, die die Woche über spielt. Ihre Mitglieder kommen alle aus der Region.

Und klar: Sie haben eine Botschaft. „Alle Augen auf dich, der Gott, der größer ist“, singen sie. Oder: „Preist den Herrn, preist den Herrn, er hat für meine Schuld bezahlt. Das Blut macht mich rein, du nennst mich dein.“

Der erste Block des Abends ist immer der Verkündigung gewidmet. „Da sind wir schon evangelikal“, sagt Martin Fiedler.

Zwischen den Liedern kommen die Wortbeiträge. Zuerst haben die Jugendlichen das Wort – auf der Bühne können sie Zeugnis ablegen, erzählen, welche religiösen Erfahrungen sie diese Woche gemacht haben.

Der erste Auftritt ist immer etwas zögerlich, das weiß auch Annika Götz, die Moderatorin des Abends. Deshalb erzählt sie selbst eine Geschichte. Von einem Beamer, der plötzlich verschwunden und nicht mehr aufzufinden war. „Dann haben wir in der Gebetsgemeinschaft, die wir vor jedem Abend machen, fest gebetet – und den Beamer wiedergefunden. Wir haben gemerkt: Gott hört das, was wir beten, und wenn es nur um einen Beamer geht – und das finde ich cool.“

Aber so einfach ist das ja nicht immer, dass nach einem Gebet wieder heile Welt ist. Tobi kommt auf die Bühne und sagt: „Meine schwere Zeit ist noch nicht zu Ende.“ Sein Bruder hat sich das Leben genommen. Eigentlich müsse er komplett kaputt sein, berichtet er, aber dass er rausgehen könne, wieder arbeiten könne, verdanke er dem Glauben: „Die christliche Gemeinschaft hilft.“ Es wird schnell klar: Auch wenn man jung ist, kann das Leben einen ganz schön beuteln. Wie Matthias, mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen und mit einer Lebenserwartung nicht über die Jugendzeit hinaus. Jetzt ist er 27 Jahre, hat wieder eine schwere Operation hinter sich und ist auf Jobsuche: „Ich weiß nicht, was kommt – aber ich vertraue auf Gott.“

Und auch wenn es nicht so dramatisch ist – schon Alltagsbeziehungen fallen nicht immer leicht. Laura erzählt, wie sie sich schwergetan hat mit dem Bruder und einer Freundin – und dass ihr geholfen habe, dass sie im Jugendteam mitgemacht habe: „Das ist dann alles gut geworden.“

Auch im Verkündigungsteil spielen die Jugendliche also eine wichtige Rolle. Und außerdem steht ein eigenes Seelsorgeteam bereit. Pia Gillmeister und Vivian Heckli haben abseits ein italienisches Café eingerichtet für diejenigen, die ihre Probleme lieber in kleinem Kreis bereden wollen.

Und dann sind da noch die Profis: Leonardo Iantorno und Pascal Anderegg aus der Schweiz, zwei Prediger von „Shine“, dem Jugendwerk des schweizerischen Campus für Christus. Sie verbinden die Bibel mit jugendlichen Themen – etwa dem Mut zum Aufbruch: „Gott will, dass wir mutig nach vorne denken. Wenn ein Leben nicht langweilig ist, dann eines mit Gott.“

Später tritt die Band wieder auf: „One Way, Jesus!“ Und kommt nicht ohne Zugabe von der Bühne: „Nothing is impossible!“ Dann sind zwei Stunden Verkündigungsblock um, Annika Götz lädt ein zum Büffet mit Fingerfood: „Und das Beste – alles ist gratis.“

Essen, quatschen, dem Bühnen­programm zugucken – für die Teenies klingt der Abend aus. Martin Fiedler und seine Crew haben dann noch die letzte Schicht vor sich: abbauen und die Halle sauber hinterlassen. Egal, ob Fasnet oder Fasnet-

Alternativ: Am Aschermittwoch ist wirklich alles vorbei.