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„Viele leben von Rücklagen“ - Gastronomie

Heike Hauber ist Gastronomiepfarrerin im Kirchenbezirk Freudenstadt. Ihre Klientel leidet außergewöhnlich stark unter der Corona-Krise. Ein Gespräch über die Situation der Wirte und Hoteliers und die Gastronomieseelsorge in besonders schwierigen Zeiten.

Es wird noch dauern, bis in der Gastronomie wieder Normalität herrscht. Bis auf Weiteres ist dort alles verrammelt. Foto: epd-bild/ Norbert Neetz; Andreas SteidelEs wird noch dauern, bis in der Gastronomie wieder Normalität herrscht. Bis auf Weiteres ist dort alles verrammelt. Foto: epd-bild/ Norbert Neetz; Andreas Steidel

Wie nehmen Sie die Situation der Gastronomen jetzt, während des zweiten Lockdowns, wahr?

Heike Hauber: So langsam geht vielen die Luft aus. Am Anfang gab es ja noch den einen oder anderen Witz über die Situation, aber inzwischen ist allen das Lachen vergangen. Der Wegfall des Weihnachtsgeschäftes war ein schwerer Schlag für die Branche.

Sind Existenzen bedroht, haben Sie davon in Ihrem Bereich in Freudenstadt etwas mitbekommen?

Heike Hauber: Von coronabedingten Schließungen noch nicht. Aber viele leben von den Rücklagen, stellen Bauvorhaben zurück, weil sie das Geld zur Deckung der laufenden Kosten brauchen. Das wird sich irgendwann bemerkbar machen.

Hat es denn Fälle von Corona-Erkrankungen unter den Wirtsleuten gegeben?

Heike Hauber: Ja, in einem großen Hotel-Restaurant war während des Lockdowns sogar die ganze Familie betroffen. Die Seniorchefin war so schwer erkrankt, dass man um sie bangen musste. Gott sei Dank ist aber alles gutgegangen.

Welchen Austausch gibt es zwischen Ihnen und den Gastronomen?

Heike Hauber: Wir telefonieren viel. Ich nehme mir immer mal wieder einen Ort vor und rufe dann die Gastgeber an. Die meisten freuen sich und haben zum Reden auch viel mehr Zeit als sonst. Das ist vielleicht die einzig positive Begleiterscheinung, dass etwas Ruhe in den oft hektischen Alltag eingekehrt ist.

Was treibt die Gastronomen gerade sonst noch um?

Heike Hauber: Die Sorge um die Mitarbeiter zum Beispiel. Kann man sie halten oder werden sie nicht doch irgendwann resigniert gehen? Bekommt man in Zukunft überhaupt noch Auszubildende in einer Branche, die so krisenanfällig ist?

Normalerweise gibt es ja vier Gastronomiegottesdienste im Jahr. Wie war das diesmal?

Heike Hauber: Das meiste musste leider abgesagt werden. Auch unser klassischer Weihnachtsgottesdienst fand hauptsächlich als Online-Veranstaltung statt. Immerhin rund 60 Hoteliers und Wirtsleute haben sich zugeschaltet. An Weihnachten selbst haben wir zusammen mit den katholischen Kollegen ein Friedenslicht in die Häuser gebracht. Das kam bei den Wirtsleuten gut an.

Haben sich neue Formen der Seelsorge in dieser Zeit entwickelt?

Heike Hauber: Zum Teil. Der Landesverband Württemberg des „Kirchlichen Dienstes im Gastgewerbe“ hat mit Unterstützung des Evangelischen Medienhauses eine Video-Andacht für die Gastronomen gedreht. Das war sehr aufregend, alles wurde in einem Hotel gefilmt. Ein richtig tolles Projekt.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Fehlt Ihnen auch als Privatmensch der Besuch in einem Restaurant?

Heike Hauber: Total. Einen Kaffee trinken oder essen gehen ist nicht nur etwas für den Körper, sondern auch für die Seele und das Gemeinschaftsgefühl. Man hat nach dem Lockdown doch sofort gemerkt, wie sich die Stimmung verändert. Die Gastronomie trägt dazu bei, dass es uns gut geht. Das sind die Profis fürs Wohlbefinden. Ich kann nur hoffen und beten, dass baldmöglichst wieder Normalität einkehrt. □

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Zur Person

Heike Hauber. Gastronomiepfarrerin. Foto: PressebildHeike Hauber ist seit 2011 Gastronomie- und Tourismuspfarrerin im Kirchenbezirk Freudenstadt. Eine Stelle, die es so kein zweites Mal in Deutschland gibt. Die Gegend um Freudenstadt, zu der auch die Sternehochburg Baiersbronn gehört, hat bundesweit eine der höchsten Beschäftigtenquoten in der Gastronomie. Heike Hauber ist Vorstandsmitglied im Verband Kirchlicher Dienst im Gastgewerbe in Württemberg. Mehr unter www.kirchlicher-dienst-gastgewerbe.de

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