Christliche Themen für jede Altersgruppe

Völlige Hingabe

Charismatische Gottesdienste unterscheiden sich von traditionellen landeskirchlichen stark. Meist spielt eine Band, liturgische Elemente fehlen. Dafür gibt es andere Gebräuche, von denen manche fremd wirken. Ein kleiner Einblick in eine andere Welt.

Lobpreis ist bei „Treffpunkt Leben“ in Ditzingen wichtiger Bestandteil des Gottesdienstes. (Foto: Pressebild/Andreas Klugt, zehnzwoelf.de)

„Inside Worship“ – Charismaten mögen Englisch. Die meisten Lieder, die in meiner Gemeinde gesungen werden, sind aus den USA und werden bevorzugt in der Originalsprache gesungen. „Worship“ oder „Lobpreis“ bildet neben der Predigt das Zentrum dieser besonderen charismatisch-pfingstlerischen Glaubensweise. Wenn man mir vor 20 Jahren gesagt hätte, dass ich einmal Teil einer solchen Gemeinde sein würde, hätte ich kein Wort geglaubt. Ich bin in einer soliden evangelischen Familie aufgewachsen, mit kraftvollen pietistisch-reformierten Wurzeln.

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Mich hat keine charismatische Bekehrung oder die Einsicht in die Notwendigkeit der Taufe mit dem Heiligen Geist, die so genannte „Pfingsttaufe“, dem traditionellen Protestantismus abspenstig gemacht. Sondern der ganz profane Grund, mich der Gemeinde meiner Frau angeschlossen zu haben. Ich bin nach wie vor evangelisch-reformiert, vertraut mit meinen kirchlichen Wurzeln und halte – für die Kreise, in denen ich mich bewege eher ungewöhnlich – an meiner Kindertaufe fest. Ich bleibe sogar sitzen, wenn alle im Gottesdienst stehen, die Arme heben und „worshippen“. Das ist die gute Nachricht: All das geht in meiner Gemeinde. Ich darf in der Weise dabei sein, wie es für mich stimmig ist; so sitze ich halt beim Lobpreis. Das ist in Ordnung.

Natürlich mache ich manchmal große Augen, wenn ich erlebe, wie die Schwestern und Brüder meiner Gemeinde unterwegs sind: Nicht Segen, nicht Liturgie, sondern Worshipband und Prophetie. Diese Art zu glauben ist anders und ungewöhnlich und hat seinen Ursprung in der pfingstlerischen Herkunft. Die Prophetie wird gepflegt, das heißt, spontane Eindrücke und geistgewonnene Bilder sind Bestandteil des Gottesdienstes, ebenso wie Zungenrede, also das nicht gesteuerte Aussprechen von Silben und Worten. Letzteres ist Ausdruck einer tiefen Verbindung mit dem Heiligen Geist, eine selige Sprachlosigkeit. Erfahrung und Erleben Gottes stehen im Vordergrund. Manchmal erscheint mir das wie ein schlagzeugbegleiteter moderner Mystizismus. Es herrscht eine große Offenheit für kreative Weisen, Gott zu genießen und anzubeten, sei es durch Lieder, die in Zungen gesungen werden, Flaggentanz – also das Fahnenschwenken während des Lobpreises – oder Anbetungsbilder zu malen. Ich spüre die Innigkeit dieser Spiritualität und genieße sie.

Was mich in Erstaunen versetzt, ist, dass meine Gemeinde, obwohl progressiv im Auftreten, in ihrer Gesinnung konservativ ist. Das Gesellschaftsbild, dass sie widerspiegelt, ist die konservative Familie, also Vater, Mutter, Kinder. Andere Biographien, Singleleben, Homosexualität oder Ehe ohne Trauschein tauchen nicht auf. Das hat nichts mit Ablehnung zu tun. Niemandem wird wegen seiner Lebensweise oder -haltung der theologische Prozess gemacht. Aber es ist nicht so, dass ein non-konformer Gottesdienst mit E-Gitarre und Flaggentanz auch bedeutet, dass der Geist der Gemeinde non-konform wäre.

In einem Wort zusammengefasst, zeichnet „Hingabe“ meine Gemeinde aus. Deshalb bezeichnet der Lobpreis in seinen vielen Formen neben der Predigt das Ureigene der Gemeinde. Im Lobpreis geschieht Gott. Abgezirkelt ist da nichts und soll es auch nicht sein. Diese Hingabe wölbt sich über mich wie ein Zelt, das ich betrete.

Dessen Einrichtung wird mir mit meiner traditionellen Prägung immer etwas fremd bleiben. Aber in die Innigkeit und Aufrichtigkeit des Glaubens, wie ich sie dort erfahre, gebe ich mich hinein. Aufrichtigkeit ist das stärkste Zeugnis des Glaubens. Und deshalb kann ich sagen, dass diese Gemeinde meine Gemeinde ist.


Der Autor Uwe Metz ist evangelischer Theologe und mit seiner Frau bei „Treffpunkt Leben“ in Ditzingen heimisch geworden.

 

Information

Die Bibel berichtet, dass sich die Jünger Jesu sieben Wochen nach dessen Auferstehung versammelten und plötzlich ein gewaltiger Wind durch das Haus fegte. „Sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen“, heißt es in der Apostelgeschichte. Pfingstler glauben, dass Christen in der Gegenwart ganz ähnliche Erfahrungen machen können. Die Bewegung hat ihren Ursprung Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA. Als Initialzündung gilt die Erweckungsbewegung des afroamerikanischen Predigers William Seymour (1870?–?1922) in Los Angeles. Die charismatische Bewegung betont ähnlich wie die Pfingstbewegung außergewöhnliche Wirkungen des Heiligen Geistes, etwa spektakuläre Krankenheilungen oder das Sprechen in unverständlichen Sprachen, die so genannte „Zungenrede“. Diese gilt als Zeichen dafür, dass ein Christ neben der Wasser- auch die Geisttaufe erfahren hat. epd