Christliche Themen für jede Altersgruppe

Von Gott gewählte Wege - 4 Wochen Flüchtlingslager

HOHEBUCH (Dekanat Öhringen) – Als freiwillige Ehrenamtliche hat Melanie Burkhardt vier Wochen im Flüchtlingslager Mavrovouni auf der griechischen Insel Lesbos verbracht. Die Eindrücke, die sie dort sammelte, haben sie geprägt und manchmal auch verstört.

Lesbos. An der Ostküste liegt das Flüchtlingslager Mavrovouni. Foto: Friederike Höhn, privatLesbos. An der Ostküste liegt das Flüchtlingslager Mavrovouni. Foto: Friederike Höhn, privat

Im April dieses Jahres: Die dritte Welle der Corona-Pandemie erreicht ihren Höhepunkt. Melanie Burkhardt sitzt abends am Strand der griechischen Insel Lesbos und blickt hinaus aufs Meer. Auf der anderen Seite der Bucht, nur wenige Meter entfernt, befindet sich das Flüchtlingscamp Mavrovouni mit 7000 Bewohnerinnen und Bewohnern. Hier arbeitet Melanie Burkhardt als ehrenamtliche Freiwillige.

Vier Wochen verbrachte sie dort und kehrte dann zurück nach Schwäbisch Hall und zu ihrer Arbeit als Bildungsreferentin beim Evangelischen Bauernwerk in Württemberg in Hohebuch, zurück in ein sorgloses Leben. Für die Menschen auf der anderen Seite der Bucht unvorstellbar.

Dass sie als Freiwillige nach Lesbos gehen konnte, war auch der Pandemie und dem erzwungenen Stillstand bei der Arbeit geschuldet: „Ich hatte einfach ein ganz großes Bedürfnis danach, etwas Sinnvolles zu tun“, erzählt die 29-Jährige. Im Evangelischen Gemeindeblatt stieß sie im Januar auf eine Stellenanzeige der christlichen Hilfsorganisation „Eurorelief“, die das Lager auf Lesbos betreut. „Ich wusste sofort: Das ist das, was ich gesucht habe.“

Gespräche mit Familien

Unterstützt von ihrem Arbeitgeber und dem Ehemann ging es Ende März los. Betrieben wird das Lager Mavrovouni, auch als Kara Tepe bekannt, vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, die wiederum die griechischen Behörden mit der Verwaltung beauftragt haben. Alle Mitarbeitenden engagieren sich ehrenamtlich, manche bleiben nur für ein paar Wochen. „Für den Umgang mit den Geflüchteten ist die hohe Fluktuation vielleicht auch von Vorteil“, überlegt Burkhardt, „da so niemand abgestumpft wird.“

Melanie Burkhardt. Foto: Friedericke HöhnDie Mitarbeitenden der Organisationen kümmerten sich nur um das, was im Lager passiert. Dazu gehören Sozialarbeit und die Versorgung mit dem Notwendigsten. Sie selbst kümmerte sich vor allem um das Verteilen von Waren, etwa Hygieneartikeln für Frauen. Dabei führte sie viele Gespräche mit afghanischen Familien, kongolesischen Frauen und Kindern. Bei Einladungen zu Tee und Essen verstand sie, warum sie gebraucht wird: „Wer selbst eine Fluchtgeschichte erlebt hat, kann keine weitere mehr aufnehmen. Das macht dich völlig kaputt. Aber ich konnte genau das tun: zuhören.“

Dabei erfährt Melanie Burkhardt viel von den Menschen, ihren Geschichten. Eine etwa gleichaltrige Syrerin berichtet ihr gefasst, dass sie in die Türkei zurückgehen müsse. Für sie ein sicheres Todesurteil. Ihre Stärke zog die Frau aus ihrem Glauben: „Den Weg hat Gott für mich ausgesucht. Dann wird es der richtige sein“, sagte die Frau. Für die gläubige Protestantin Burkhardt eine gleichzeitig verstörende wie auch faszinierende Glaubensvorstellung: „Das Gespräch hat mich sehr berührt, da wir so unterschiedlich waren und dann doch wieder gar nicht.“

Um das Erlebte zu verarbeiten, führte Melanie Burkhardt ein Tagebuch. Die Perspektivlosigkeit der Menschen empfand Burkhardt als belastend. Ihr Eindruck ist, dass es sich die Europäische Union ziemlich leicht macht, die Menschen in Griechenland festzusetzen. Niemand in Brüssel oder anderswo wolle genau wissen, was vor Ort ablaufe. „Ich dachte immer, die EU will gerecht handeln oder versucht es wenigstens. Das glaube ich jetzt nicht mehr“, resümiert sie desillusioniert.