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Wasser wird immer knapper

Chile ist das einzige Land der Welt, in dem die Wasserversorgung vollständig privatisiert ist. Das meiste Wasser fließt in den Anbau von Avocados. Kleinbauern müssen bis zu 20 Kilometer gehen, um Wasser zu bekommen. Der Chilene Rodrigo Mundaca kämpft dagegen an. Deshalb verlieh ihm die Stadt Nürnberg den Internationalen Preis für Menschenrechte 2019.

In Petorca, Chile, ist das Wasser knapp, weil die riesigen Avocado-Felder alles aufbrauchen.
Foto: Picture-alliance

Modefrucht Avocado: In der Küche von Gesundheitsbewussten und Veganern in Europa ist sie in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Zutaten aufgestiegen. Der EU-Import-Umsatz mit Avocados aus Chile hat sich von 2015 bis 2017 auf 240 Millionen Euro verdoppelt. Avocados können in vielen Gerichten Butter oder Eier ersetzen. „Die Avocado ist die Frucht der Weltenretter“, schrieb die „Zeit“, „beliebt bei vielen, die zwar keine Veganer sind, sich aber ab und zu das Gefühl gönnen wollen, im Einklang mit der Umwelt und sich selbst zu sein.“

Die Avocado ist tatsächlich höchst gesund. Sie enthält so viele ungesättigte Fettsäuren, Vitamine, Mineralstoffe und ist so vielseitig, dass man gut verstehen kann, warum die Tierschutzorganisation „Peta“ viele Avocado-Rezepte auf ihrer Website anbietet. Doch um ein Kilo Avocados zu produzieren, braucht es 2000 Liter Wasser – fast so viel, wie zur Herstellung eines T-Shirts nötig sind, und etwa halb so viel, wie die Produktion eines Kilos Geflügelfleisch erfordert. Für Avocados werden Wälder abgeholzt, Monokulturen angelegt und Bewässerungsanlagen gebaut. Mancherorts raubt das der Bevölkerung den Zugang zu Trinkwasser.

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Einer, der davon ein Lied singen kann, ist der Chilene Rodrigo Mundaca. Seine Heimat ist die Provinz Petorca, das Zentrum des chilenischen Avocado-Anbaus. Petorca liegt etwa in der Mitte des 4300 Kilometer langen und sehr schmalen südamerikanischen Andenstaats. Mehr als die Hälfte der Avocado-Produktion Chiles kommt von hier. Das meiste geht in den Export.

Rodrigo Mundaca kämpft dafür, dass alle Zugang zu Wasser haben.
Foto: Picture-alliance

Angebot und Nachfrage bestimmen

Der Name von Mundacas Organisation „Modatima“ steht für „Bewegung zur Verteidigung des Zugangs zu Wasser und Land sowie für den Umweltschutz“ (Movimiento de Defensa por el acceso al Agua, la Tierra y la protección del Medio Ambiente). Mundaca und seine Mitstreiter wollen nicht hinnehmen, dass für den Avocado-Profit einiger weniger die Flüsse in seiner Heimat versiegen und immer mehr Menschen im Wortsinn auf dem Trockenen sitzen. Kleinbauern, sagt Mundaca, müssten für den eigenen Bedarf an Wasser oft bis zu 20 Kilometer laufen. Als er 2017 der Avocadoindustrie in Petorca nachweisen konnte, dass sie Fluss- und Grundwasser auch illegal auf ihre Felder umleitete und Reporter des dänischen Journalistenbüros Danwatch das öffentlich machten, schlug die Geschichte weltweit ein wie eine Bombe.

Denn der Andenstaat Chile ist das einzige Land der Welt, in dem die Wasserressourcen und das Wassermanagement vollständig privatisiert sind – ein neoliberales Erbe der Militärdiktatur. Welche verheerenden Folgen es hat, wenn Wasser frei und allein nach den Kriterien von Angebot und Nachfrage gehandelt wird, kann man hier besichtigen. Privatisiertes Wasser befeuert soziale und ökologische Konflikte, es vertieft soziale Ungerechtigkeiten.

Doch der Hunger der Nordhalbkugel der Erde auf die ach so gesunde Avocado ist eben ein Riesengeschäft. Mundaca wurde schon oft am Telefon bedroht „Wir werden dir einen Holzanzug anziehen“, versprach ihm ein Anrufer etwas verschwurbelt einen Sarg. Ein anderer war direkter: „Wir werden dich umbringen …“

Aber dort, wo man gern Avocados isst, gibt es auch die Heinrich-Böll-Stiftung, die den Grünen nahesteht, sowie Amnesty International. Beide unterstützen Rodrigo Mundaca und seine Mitstreiter von „Modatima“, übernehmen Anwaltskosten und Personenschutz.

Der Ruf der Avocado hat seither etwas gelitten. Die Discounter „Dansk Supermarked“ und „Aldi“ erklärten, man werde von des Wasserdiebstahls überführten Produzenten keine Ware mehr kaufen. Im November 2018 kam auf der PETA-Internetseite zum Thema Avocado ein neuer Beitrag hinzu. Der Titel lautete etwas zerknirscht: „Ist die Avocado ein Umweltsünder?“

Vielleicht ist weniger die Avocado selbst der Umweltsünder, sondern die Systeme, die dazu führen, wie und in welchen Mengen sie produziert wird. Der eigentliche Skandal aber verbirgt sich hinter einer Zahl, an die die Jury des Nürnberger Menschenrechtspreises erinnerte: Etwa 660 Millionen Menschen auf der Erde haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

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