Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wenig Religiöses in der Stadt

Er hat den Markt der Weltanschauungen beobachtet wie kein anderer: Der Verhaltenswissenschaftler Hansjörg Hemminger war seit 1985 in der evangelischen Kirche der Experte für Sekten, Psychogruppen und religiöse Sondergruppen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Gespräche Grenzen überwinden. Seit dem 1. Januar ist Hemminger im Ruhestand. Ein Rückblick. 


Hansjörg Hemminger ist seit fast 30 Jahren Experte für Sekten, Psychogruppen und religiöse Sondergruppen. Jetzt ist er im Ruhestand. (Foto: privat)

Es gibt auch erstaunliche Erfolge, wenn man Weltanschauungsbeauftragter ist. Zum Beispiel konnte Hansjörg Hemminger verfolgen, wie die Neuapostolische Kirche sich geöffnet und liberalisiert hat. Und wie sie sich an die evangelische Kirche angenähert hat. „An diesem Dialog waren wir als Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen beteiligt“, erinnert sich Hemminger, der damit vor allem eines ausdrücken will: Der Weltanschauungsbeauftragte darf nicht „der Wächter auf der Mauer“ sein. Er muss gesprächsfähig sein, wissen, was außen und innen lebt. Um Grenzen ziehen und Menschen beraten zu können, muss man erst einmal verstehen, was die anderen denken. Und in diesen Gesprächen bewegt sich oft mehr, als man denkt.

Und in Bewegung ist der religiöse Markt sowieso immer. Die 68er hätten Esoterik und Okkultismus sehr kritisch gesehen. Anfang der 1980er und in den 90er-Jahren dagegen sei diese Strömung hoffähig geworden. „Heute ist esoterische Lebenshilfe ein großes Thema in unserer Arbeit.“ Allerdings werden die Gurus, die früher ihre große Gefolgschaft um sich gesammelt haben, abgelöst von den „Kleinanbietern“. „Der Markt aber bleibt bestehen“, sagt Hemminger. Immer noch gebe es selbsternannte Propheten und Begnadete, die ihre Klientel um sich scharten. „Und die kommt dann zu uns, wenn es schief geht“, stellt der Weltanschauungsbeauftragte im Ruhestand fest, richtet aber sofort die Fragen an die eigene Kirche: Was sind das für Bedürfnisse, welche Defizite in der Gesellschaft werden da sichtbar? Ist die Lebenshilfe-Szene deshalb so stark, weil Unglück und Krankheit bei uns nicht mehr geduldet werden?

Auch innerhalb des schrumpfenden Christentums in Deutschland bewegt sich viel: Immer mehr kleine unabhängige Gemeinden versuchen nach Hemmingers Beobachtung, die Menschen an sich zu binden. Das Wissen und die Hilfe eines Weltanschauungsbeauftragten sind gefragt, zum Beispiel weil Menschen dort scheitern, wenn sie seelsorgerliche Hilfe suchen, und ihre Probleme dann auf dämonische Belastungen zurückgeführt werden.

Wenn Menschen in der Seelsorge verletzt werden, wird es immer kompliziert. Auf der einen Seite steht dann eine Gruppe und ihre Probleme und auf der anderen Seite ein Mensch und seine Probleme. Beide Seiten müssen dann gesehen werden. Hemminger skizziert einen typischen Fall: Jemand geht in eine radikale charismatische Gruppe und wird dort mit dämonischen Vorgängen konfrontiert. Die erwünschte Heilung setzt bei ihm nicht ein, also wird eine Belastung durch die Vorfahren vermutet. Aber auch die Befreiungszeremonien helfen nicht. Folge: Die Hoffnung bricht zusammen, der Betreffende fällt in ein psychisches Loch, und im schlimmsten Fall gibt er sich auch noch selbst die Schuld. „Da wird dann Theologie ganz konkret“, sagt Hemminger. Denn so jemand braucht nicht nur medizinische Hilfe, man müsse auch diesen Beschuldigungskomplex auflösen, in dem die Betroffenen stecken. „Theologisch reden mit therapeutischer Absicht“ nennt Hemminger das. Der Zweck: Freiheit finden.

Befreiendes stellt Hemminger zurzeit bei den außerkirchlichen Sekten und Jugendreligionen fest. Diese Bewegungen – wie die Moon-Sekte, die Hare-Krishna- und Bhagwan-Bewegung, aber auch Scientology – seien in den 1960er und 70er-Jahren gut organisiert gewesen und heute „weitgehend belanglos“ geworden. Die Angst davor sei vor Jahrzehnten berechtigt gewesen. Aber inzwischen habe sich herausgestellt, dass es diesen Gruppen nicht gelungen sei, Nachwuchs zu gewinnen. Mit der schlichten Folge, dass die übriggebliebenen älteren Anhänger nicht so radikal seien wie dies Jüngere wären. Anders als bei den Zeugen Jehovas allerdings, die Hemminger als christliche Sekte einstuft, die nach wie vor Fanatismus und Heilsexklusivität aufweise.

Dass es in Württemberg im Speziellen eine große Vielfalt an Strömungen und Gruppen gibt, sieht Hemminger als Stärke und nicht als Problem. Pietismus, Bekenntnisbewegungen und liberale Strömungen bildeten schon immer die Pluralität dieses Landes ab. Ein Problem sei eher, dass die Kerngemeinden an Substanz verlieren und zwar nicht in erster Linie zahlenmäßig, sondern inhaltlich an geistlicher Substanz. Wenn man sich daher weiter als Volkskirche profilieren wolle, müsse man etwas dafür tun, findet Hansjörg Hemminger.

Ein Gradmesser für die Bedeutung der Kirche ist auch, ob Menschen sich an die Weltanschauungsbeauftragten wenden. Denn dann ist ein Großteil der Bevölkerung überzeugt, dass die Kirche eine seriöse Instanz ist. In manchen ostdeutschen Regionen sei es dagegen schon so, dass man nur als „religiöser Spinner unter anderen religiösen Spinnern“ angesehen werde. „Dann macht ein Weltanschauungsbeauftragter keinen Sinn mehr.“ In Württemberg werde die Kirche dagegen noch als Institution wahrgenommen, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt und das gesellschaftliche Gefüge mitträgt.

Eines ist aber auch für Hansjörg Hemminger klar: So viel im religiösen Markt auch in Bewegung ist – alles spielt sich vor dem Hintergrund einer säkularen Gesellschaft ab. Und dieser Hintergrund bleibt seit Langem gleich. „Wer durch Stuttgart läuft, sieht nicht mehr viel Religiöses.“¦


Zur Person
Hansjörg Hemminger (Jahrgang 1948) hat Biologie und Psychologie studiert. Er war von 1985 bis 1996 wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Von 1996 bis 1998 gehörte er als Sachverständiger der Enquête-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages an. Ab 1997 war er Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Landeskirche. Seit 1. Januar ist er im Ruhestand.