Christliche Themen für jede Altersgruppe

Werkzeug Gottes wie König Kyros - Was fasziniert an Donald Trump?

Was fasziniert Evangelikale so sehr an Donald Trump? Sein beispielhafter christlicher Lebenswandel ist es wohl kaum. Doch viele sehen in ihm ein Werkzeug Gottes, das wie einst Perserkönig Kyros das auserwählte Volk rettet.

US Präsident Donald Trump. Foto: Gerd Altmann / pixabayDonald Trump. Foto: Gerd Altmann / pixabay

Als der amerikanische Präsident Donald Trump 2019 die US-Botschaft nach Jerusalem verlegte, war das mehr als nur ein außenpolitischer Akt. Da bekannte sich einer als Schutzherr zu der wichtigsten Stadt des Heiligen Landes. Eine Handlung mit hohem Symbolgehalt, die ihre Wirkung bei gläubigen Christen und Juden nicht verfehlte.

Es war der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Trump daraufhin mit dem legendären Perserkönig Kyros der Große verglich. Kyros hatte vor 2500 Jahren dafür gesorgt, dass das Volk Israel nach 70 Jahren der Verbannung wieder aus dem babylonischen Exil nach Jerusalem zurückkehren durfte. Trump habe ähnliches geleistet. Auf einer goldenen israelischen Gedenkmünze werden beide zusammen abgebildet.

Faszinierend - Münze mit Trump und Perserkönig

Der Vergleich von Trump und Kyros zieht Kreise. Als biblischer Beleg dafür, dass ein Retter nicht unbedingt aus den eigenen Reihen kommen muss. Erst kürzlich hat der amerikanische Fernsehprediger Lance Wallnau ein Buch mit dem Titel „Cyrus Trump“ veröffentlicht, die englische Variante des Namens Kyros. Ein Held mit biblischer Verwurzelung, auf den man offenbar schon lange gewartet hat.

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Da macht es rein gar nichts, dass Donald Trump in fast keiner Hinsicht dem Idealbild eines amerikanischen Christen entspricht: er ist in seiner Sprache zuweilen obszön, mehrfach geschieden und kein praktizierendes Mitglied einer christlichen Kirche. Auch mit seiner Bibelkenntnis ist es nicht weit her: auf die Bemerkung eines Fernsehjournalisten, ob er mehr dem Alten oder Neuen Testament zugeneigt sei, antwortete er, das er sie beide gut finde. Die Frage nach der für ihn wichtigsten Bibelstelle tat er mit den Worten ab: „Das ist zu persönlich, darüber möchte ich nicht reden.“

Gleichwohl genießt Donald Trump ein Ansehen bei fundamentalistischen Christen in den USA, wie schon lange kein Präsident mehr vor ihm. Er gilt als Beschützer und Retter einer Gruppe, die sich in immer stärkerem Maße von außen bedroht fühlt. Und die nun endlich jemanden an ihrer Seite hat, der sich vorbehaltlos für sie und ihre untergehende Welt einsetzt.

Der Kyros-Vergleich macht es dabei leicht, ihn einzuordnen, ihm sämtliche Verfehlungen durchgehen zu lassen. Auch Kyros war ein Machtmensch, der es mit dem Glauben nicht allzu ernst nahm. Aber seine Mission war über jeden Zweifel erhaben.

So ist das auch mit Donald Trump, den viele Evangelikale in den USA schlicht für ein Werkzeug Gottes halten, einen Gesalbten, der endlich Schluss macht mit der Aufweichung moralischer Werte und der Liberalisierung sämtlicher Gesellschaftsbereiche. Dass er sich dabei seiner ganz eigenen Methoden bedient, wird billigend in Kauf genommen.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne, das war schon immer so.

Das Verführerische an Trump ist, dass er genau jene Ängste anspricht, die diese einflussreiche Bevölkerungsgruppe schon seit Jahren hat. Die Legalisierung der Abtreibung und der Homosexuellen-Ehe, die Globalisierung und die Einwanderung, die Kritik am Schusswaffenbesitz und der zunehmende Atheismus: all das ist konservativen Christen seit langem ein Dorn im Auge. Und nun endlich ist einer da, der sich ohne Wenn und Aber auf ihre Seite stellt. Der eine Sprache spricht, die nichts mehr mit jenen Kompromissformeln zu tun hat, die Politiker sonst gerne verwenden. Trump ist anders, keiner von der Sorte der Versprecher, die nichts halten. Jeder noch so radikalen Position, die er vertritt, lässt er Taten folgen, was vielen imponiert, die leere Worthülsen satt haben.

Trump hat wie wenige ein Gespür dafür, was bei denen ankommt, die er für seine Zwecke einspannen möchte. Und so lässt er es an symbolischen Gesten auch nicht fehlen, wenn er öffentlich auftritt. Hält die Bibel in die Kamera oder signiert sie bei Autogrammstunden.

 

Amerikanische Freiheitsstatue. Foto: Ronile / PixabayAmerikanische Freiheitsstatue. Foto: Ronile / Pixabay

Faszination und die Angst vor dem Verfall der Werte

Das kommt an in einem Land, das bei aller Bibeltreue tatsächlich immer unchristlicher wird. Zumindest wächst der Anteil derer seit Jahren, die nicht mehr Mitglied einer Kirche sind oder sich ganz offen zum Atheismus bekennen. Waren 2009 noch 17 Prozent konfessionslos, so sind es 2019 schon 26 Prozent.

All das passt zu einem Weltbild, in dem Verfallsszenarien, Untergangsvisionen und Feindbilder dominieren. Evangelikale sehen an vielen Stellen den Satan am Werk, namentlich auch dort, wo demokratische Politiker immer weitere Zugeständnisse an Randgruppen machen.

Trump hingegen will eine Mauer an der mexikanischen Grenze errichten, den Islam eindämmen und die Wirtschaft durch Schutzzölle vor der internationalen Konkurrenz beschützen. Das alles hat er unter der Formel „America first“ („Amerika zuerst“) zusammengefasst. Ein klares Signal an die Menschen im eigenen Land, die sich von Washington vernachlässigt fühlten.

Trump zeigt der Welt, dass sie ihn im Zweifel nicht interessiert. Stattdessen wendet er sich den Millionen in den ländlichen Regionen der USA zu, die ihn schon 2016 gewählt haben – und 2020 wiederwählen sollen. Dabei kommt ihm zugute, dass er auf wissenschaftliche Erkenntnisse genauso pfeift wie viele der amerikanischen Fundamental-Christen.

Die Bibel wird ganz wörtlich genommen, ob es nun die Schöpfungsgeschichte ist oder die Rettung durch die Arche Noah. Eine einfache Glaubenswelt mit klaren Zuordnungen, die der Schwarz-Weiß-Malerei Donald Trumps entspricht. Der kennt auch keine Zwischentöne, sondern nur gut und böse, richtig und falsch, gottgefällig und gottlos.

Ob er seine Mission zu Ende bringt, entscheidet sich bei den Wahlen am 3. November. Diese Hürde musste der historische Kyros dann doch nicht nehmen.

Vom politischen Alltag in Amerika

„Ich bin ein literarischer Autor, kein Experte, Insider, professioneller Kommentator. Ich habe nur aufgeschrieben, was ein Zeitungsleser an bestimmten Tagen der jüngeren Geschichte gedacht hat“, sagt Autor Eliot Weinberger über sein Buch „Neulich in Amerika“. Darin hat er viele Beobachtungen aus der US-amerikanischen Politik zusammengetragen – aus den Jahren 2001 bis 2020.

Die kleinen und großen Texte geben Einblick in die widersprüchlichen Aussagen, die von US-amerikanischen Politikern, Richtern und Beamten in den vergangenen 19 Jahren getroffen wurden und stellen sie ihren Handlungen gegenüber. Wer aufmerksam liest, macht sich neu bewusst, dass dieses Verwirrspiel aus Worten und Taten nicht erst mit der Präsidentschaft von Donald Trump begann, sondern schon viel früher: Weinbergers Texte nehmen die Leserschaft hinein in das Amerika unter Präsident George W. Bush und erinnern unter anderem an die Lügen, auf die der zweite Irak-Krieg aufbaute. Schon damals bestimmten Unwahrheiten die amerikanische Politik.

Die vielen Fakten, die Weinberger aus seiner Zeitungslektüre zusammengetragen hat, zeigen, wie tief die amerikanische Gesellschaft gespalten ist. Die kleinen und größeren Episoden, über die Weinberger berichtet, werfen Schlaglichter darauf, wie es zu verhärteten Fronten kommen konnte, sie bieten keine Analyse, sind aber gerade deshalb äußerst lesenswert.

Nicole Marten

◼ EliotEliot Winberger - Neulich in Amerika. Weinberger.

    Neulich in Amerika. Berenberg Verlag 2020,

    270 Seiten,

    16 Euro

 

 

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