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„Wir dürfen nicht wegsehen“ - Insel Lesbos

Seit Beginn des Syrienkonflikts 2011 ist Griechenland mit einem vermehrten Flüchtlingszustrom konfrontiert. Über 100 000 Flüchtlinge leben dort mittlerweile. Allein zwischen Januar und April dieses Jahres kamen etwa 7500 Menschen neu über den Seeweg.

Lesbos, Griechenland.Flüchtlingskind im Camp Pipka. Foto: Dorothee MainhardtLesbos, Griechenland.Flüchtlingskind im Camp Pipka. Foto: Dorothee Mainhardt

Die Verhältnisse in den völlig überfüllten Aufnahmezentren auf den griechischen Inseln sind besorgniserregend. Moria auf der Insel Lesbos ist das größte der fünf Aufnahmezentren auf den griechischen Inseln. Die Geflüchteten müssen täglich mehrere Stunden anstehen, um Lebensmittel und Wasser zu bekommen. Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Die hygienischen Verhältnisse in den überfüllten Lagern sind meist mehr als kritisch.

Eine, die angesichts dieser humanitären Katastrophe nicht mehr tatenlos zusehen wollte, ist Dorothee Meinhardt aus Ludwigsburg. Bereits drei Mal hat sie Geflüchtete im Camp Pikpa auf der Insel Lesbos mitbetreut. Das Camp gehört zu „Lesvos Solidarity“, einer Nicht-Regierungs-Organisation, die es sich seit 2012 zur Aufgabe gemacht hat, Geflüchtete im Sinne der Verbundenheit und Solidarität zu unterstützen.

Insel Lesbos - Camp Pikpa: Eine große Familie

„Was mich von Anfang an sehr beeindruckt hat, ist der Gemeinschaftsgedanke“, erzählt Dorothee Meinhardt. „Es gibt hier keine Trennung zwischen Geflüchteten, Einheimischen und Mitarbeitern. Wir sind eine große Familie und helfen uns gegenseitig. So weit es möglich ist, versuchen wir, die Geflüchteten in die Selbstverantwortung zu führen.

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So gebe es keine Ausgabe von fertig zubereiteten Mahlzeiten. Im Gegenteil: Die Menschen werden nach einem genau abgestimmten System mit Lebensmitteln versorgt und müssen sich ihre Gerichte selbst kochen. Das schaffe Struktur im Alltag. „Gleichzeitig können die Familien weiterhin nach ihren Vorlieben und Gewohnheiten Essen zubereiten und gemeinsam einnehmen.“

Die Menschen bekommen im Camp medizinische und psychologische Hilfe, Küchenutensilien, Hygieneartikel, Bildung, Lehrmaterialien. Es gibt Freizeitangebote für die Kinder, Spielzeug, Bücher, Sprachkurse und soziale Unterstützung.

Pikpa wurde ursprünglich für 100 bis 120 Menschen konzipiert, in Krisenzeiten waren aber bis zu 600 Menschen dort. Es sind die am stärksten traumatisierten oder von Not betroffenen Menschen, die in Pikpa ein vorübergehendes Zuhause finden: Chronisch Kranke, Folteropfer, Überlebende von Schiffsunglücken, Frauen mit Neugeborenen oder alleinstehende Schwangere.

Dorothee Meinhardt aus Ludwigsburg ins Lesbos. Foto: Julian MeinhardtDorothee Meinhardt aus Ludwigsburg ins Lesbos. Foto: Julian Meinhardt

Die Ehrenamtlichen kommen aus ganz Europa und bleiben meistens für sechs bis acht Wochen vor Ort. Sie zahlen die Ausgaben für Unterkunft und Anreise selbst und arbeiten meist von Montag bis Freitag im Camp. „Da ich früher als Sonderschullehrerin tätig war, wurde ich bisher vor allem in den Bereichen Kinderbetreuung und Deutschunterricht eingesetzt“, sagt Meinhardt.

Was treibt sie dazu an, sich in Griechenland für Flüchtlinge einzusetzen? „Es ist eine zutiefst befriedigende Arbeit“, sagt sie. „Im Kontakt mit den Menschen vor Ort schärft sich ganz schnell der Blick auf das Wesentliche. Ich habe schnell gelernt, worauf es wirklich im Leben ankommt: Teilhabe, Solidarität und gegenseitiger Respekt.

Durch das Coronavirus wurde Dorothee Meinhardt in ihrem Engagement ausgebremst. Zu gerne wäre sie jetzt wieder dort, um die Menschen zu unterstützen. Doch die Sorge, sich selbst oder andere anzustecken, ist einfach zu groß.

„Ich finde es sehr schade, dass die Flüchtlingsproblematik in Griechenland aktuell fast kaum noch Beachtung findet. Wir dürfen nicht wegsehen. Griechenland darf mit dieser Herausforderung nicht alleine gelassen werden, das Problem betrifft uns alle“, betont die Helferin. „Gemeinsam statt gegeneinander, das bleibt für uns alle die große Lernaufgabe für die Zukunft.“

◼ Informationen im Internet unter www.lesvossolidarity.org/en

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