Christliche Themen für jede Altersgruppe

Wo Liebe und Treue ist, darf Ehe sein

Wenn Homosexualität eine Veranlagung ist und Christen mit ihrem Partner leben wollen, dann ist die so genannte Homo-Ehe folgerichtig. Der Standpunkt eines Dekans. 

Zur Person

Rolf Ulmer (56) ist Dekan in Göppingen. Er war von 1992 bis 1999 Pfarrer an der Stadtkirche in Schorndorf. Anschließend war er Landesjugendpfarrer. Zudem war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland.



Verbrechen oder Krankheit
Homosexualität war in der Antike eine verbreitete und tolerierte Spielart menschlicher Geschlechtlichkeit. Das hat sich erst mit dem Einfluss des Christentums geändert: In Europa wurden homosexuelle Handlungen seit dem Mittelalter als Verbrechen verfolgt und mit dem Tod bestraft.

Eine vorübergehende Liberalisierung im Zeitalter der Aufklärung fand im 20. Jahrhundert ein jähes Ende: Im „Dritten Reich“ wurden rund 10?000 Homosexuelle in Konzentrationslager verbracht, was die meisten von ihnen nicht überlebt haben. Der Strafrechtsparagraph 175, der auch in der Bundesrepublik und in der DDR Gültigkeit behielt, kriminalisierte gleichgeschlechtlich Liebende bis zum Ende des letzten Jahrhunderts. Als „Perverse“, als „175er“ oder als Homos wurden sie diskriminiert und in ein Leben voller Heimlichkeit genötigt.

Die kirchliche Haltung zur Homosexualität unterschied sich lange nicht von der allgemeinen gesellschaftlichen Sichtweise. Sie wurde noch befeuert durch einzelne Bibelstellen (Leviticus 18,22, 20,13 und Römer 1,26f), die homosexuelles Verhalten als Gräuel und als Beispiel für Verstöße gegen Gottes Ordnung erwähnen.

Einzelne christliche Gruppierungen sehen bis heute Homosexualität als Krankheit, die geheilt werden kann. Hingegen führt die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität seit 1992 nicht mehr als Krankheit, weil sie die medizinischen und biologischen Erkenntnisse anerkennt, wonach die geschlechtliche Orientierung nicht beeinflussbar ist.

Ein junger Mann erzählt:
„Ich bin in einem frommen Elternhaus aufgewachsen. Mein Vater leitete die pietistische Stunde und mein eigener Glaube war ganz in diesem Sinn geprägt. Schon früh stand für mich fest, dass ich einmal Theologie studieren und Pfarrer werden würde. Aber so mit 14 oder 15 Jahren merkte ich, dass bei mir etwas nicht stimmt. Während meine Kameraden sich auf einmal für Mädchen interessierten, war es bei mir anders. Ich hatte immer wieder gehört, dass Homosexualität Sünde sei und so versuchte ich, im Gebet davon frei zu werden. Aber es half alles nichts. Heute stehe ich zu meiner Veranlagung und glaube, dass mich Gott eben so geschaffen hat, wie ich bin. Ich habe es mir ja nicht ausgesucht, schwul zu sein!“

Die Bibel gründlich lesen
In den letzten Jahren hat sich das Bild gewandelt. Es wurde von Theologen darauf hingewiesen, dass Homosexualität in der Bibel ein Nebenthema ist und dass sie in Jesu Verkündigung überhaupt nicht vorkommt. Die erwähnten Bibelstellen im Alten Testament kritisieren nicht Homosexualität an sich, sondern gehören in den Umkreis jener vielfältigen Reinheits- und Heiligungsgebote, wie sie sich für Israel in Abgrenzung zu den kanaanäischen Fremdkulten aus der Heiligkeit Gottes ergeben. Für Paulus ist Homosexualität ein Ausdruck der Abwendung des Menschen von Gott – ebenso wie „Ungerechtigkeit, Habgier, Bosheit, Neid…“ (Römer 1, 29).

Keinesfalls eignet sich der Paulustext als theologische Basis für eine Verurteilung von Homosexualität. Zudem ist die antike Praxis von Homosexualität, bei der erwachsene Männer Knaben als Sexualobjekte missbrauchten, nicht vergleichbar mit einer partnerschaftlichen gleichgeschlechtlichen Beziehung.

Coming out – das heißt, sich nicht mehr verstecken:
Außerdem bekannten sich immer mehr Menschen zu ihrer Homosexualität – auch engagierte Christinnen und Christen. Sie konnten glaubwürdig erklären, dass sie sich ihre Veranlagung nicht ausgesucht haben und auch als lesbisch oder schwul Lebende überzeugte Christen sind. Und sie erhoben den Anspruch, als Paare zusammenleben zu dürfen – ohne Diskriminierung und Anfeindung. Die Forderung nach der Einführung einer gleichgeschlechtlichen Ehe ist da nur folgerichtig. Denn wenn zwei Menschen zusammenbleiben wollen, einander Liebe und Treue versprechen, füreinander sorgen wollen – was unterscheidet da die Ehe von Mann und Frau von der Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare?

Entwertung der Ehe?
Nun wird eingewandt, dass eine Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften die hohe Bedeutung der Ehe in Frage stelle. Aber machen wir uns klar: Weniger als ein Prozent der Bundesbürger leben in eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Dagegen leben fast 60 Prozent unserer Mitbürger in herkömmlichen Ehen. Und dass mehr als ein Drittel der geschlossenen Ehen innerhalb von 25 Jahren geschieden werden, liegt wohl kaum an den homosexuellen Partnerschaften.

In dieser Situation ist das christliche Bild einer Ehe besonders wichtig, in dem Verlässlichkeit, wechselseitige Anerkennung und Liebe wichtige Begriffe sind. Jede kirchliche Trauung wird diese Werte zur Sprache bringen und hervorheben, dass Ehe nicht eine Bindung auf Zeit bedeutet, sondern eine Gemeinschaft, „bis der Tod euch scheidet“. Dass auch Christen an diesem Versprechen scheitern können, entwertet die Ehe genausowenig wie die Existenz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften.

Vorgebracht wird auch, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht auf Vermehrung angelegt seien wie die klassische Ehe. Das ist zwar richtig und alle Diskussionen um Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare und über künstliche Befruchtung erledigen diese Frage nicht wirklich. Aber: Macht irgendjemand katholischen Pfarrern, Mönchen oder Nonnen ihre Ehelosigkeit zum Vorwurf, weil sie sich dem biblischen Auftrag entziehen, „fruchtbar zu sein und sich zu mehren“ (Genesis 9,1)? Oder was ist mit Paulus, der in 1. Korinther 7,8 die Ehelosigkeit empfiehlt und die Heirat nur denen als Ausweg vorschlägt, die ihre Begierden nicht beherrschen können? Stellt Paulus mit dieser Äußerung die Ehe nicht viel mehr in Frage als alle gleichgeschlechtlichen Partnerschaften?

Persönliches Schlusswort
Ich selbst bin seit 34 Jahren glücklich verheiratet. Meine Frau und ich haben vier Kinder geschenkt bekommen – der große Wert und das tiefe Glück von Ehe und Familie stehen für mich außer Frage. Aber es läge mir ferne, das Lebensmodell, das für mich das richtige ist, für allgemeingültig zu erklären. Auch die Rechte und die Wünsche derer, die anders veranlagt sind als ich, will ich ernst nehmen.

Wenn Menschen gleichen Geschlechts so viel füreinander empfinden, dass sie eine Ehe eingehen wollen, ist das ein gutes Zeichen für ihre Liebe. Es zeigt auch, dass sie der Ehe viel zutrauen. Wenn sie ihre Partnerschaft mit Verlässlichkeit, wechselseitiger Anerkennung und Liebe gestalten, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften als Ehen in anderer Gestalt voll und ganz anzuerkennen.

Es wird auch nötig sein, in der Frage der kirchlichen Trauung weiterzugehen als bisher. Andere Landeskirchen haben eine Gleichstellung der Segnung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften mit der kirchlichen Trauung zugelassen. Ich wünschte mir, das wäre auch in Württemberg möglich.

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