Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Wo Politik will, geht vieles“ - Interview mit Journalist Franz Alt

Der Journalist Franz Alt wirft der Bundesregierung vor, nur halbherzige Schlüsse aus der aktuellen Energiekrise zu ziehen. Im Gespräch mit Alexander Nortrup betont der bekennende Christ und Autor von Bestsellern wie „Frieden ist möglich“ und „Der ökologische Jesus“, dass gerade die Kirchen beim Klimaschutz klarer vorangehen müssten, um ihrer Vorbildfunktion zu entsprechen.

Franz Alt setzt schon lange auf Solaranlagen zur häuslichen Energiegewinnung ‒ und hat gut lachen.Foto: Pressebild/ Chris AltFranz Alt setzt schon lange auf Solaranlagen zur häuslichen Energiegewinnung ‒ und hat gut lachen.Foto: Pressebild/ Chris Alt

Herr Alt, müssen Sie sich aktuell manchmal schütteln, wie radikal Ihre Lebensthemen Frieden und erneuerbare Energie gerade die Agenda bestimmen?

Franz Alt: Auf jeden Fall. Wir sind seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs von einem Atomkrieg bedroht. Michail Gorbatschow sagte mir, ein Atomkrieg sei wohl der letzte Krieg, den die Menschheit erleben wird. Die andere Gefahr ist der Treibhauseffekt. Letzte Woche ist eine Studie erschienen, die zeigt: Wir erreichen immer neue Rekorde bei den Treibhausgas-Emissionen. Wenn wir so weitermachen, ist bald Schluss mit dem Leben auf dieser Erde – das sagt nicht Franz Alt, das sagen tausende Wissenschaftler weltweit.

Sie haben den Klimawandel immer wieder als Überlebensfrage bezeichnet. Nun spielt er anscheinend nur noch eine untergeordnete Rolle angesichts der Suche nach bezahlbarer und verfügbarer Energie. Wie lange, denken Sie, können wir den Klimawandel derart ausblenden?

Franz Alt: Das kann und wird nicht lange gut gehen. Energiesicherheit müsste ja zudem bedeuten: Energie, die keine Gefahren birgt. Jedes Atomkraftwerk ist aber ein Sicherheitsproblem mit einem atomaren Restrisiko. Das wird trotz Tschernobyl und Fukushima gerade wieder komplett verdrängt – genau wie die eigentlichen Probleme der gesamten Menschheit.

Wie gern wären Sie jetzt Koordinator für Energiefragen im Kanzleramt oder im Wirtschaftsministerium von Robert Habeck?

Franz Alt: Ich kann mir einen schöneren Job vorstellen. Bücher darüber zu schreiben ist viel angenehmer, als Probleme wirklich zu lösen, das gebe ich gern zu. Ich habe in meinem Leben die Angebote von vier politischen Parteien ausgeschlagen, für sie in den Bundestag einzuziehen. Mir war es wichtiger, als Journalist über Fragen aufzuklären als an Lösungen zu arbeiten – und ich weiß, dass Letzteres weitaus schwieriger ist.

Strom aus Windkraft ist ein Teil der Energiewende. Foto: adobe stock/ SusarekStrom aus Windkraft ist ein Teil der Energiewende. Foto: adobe stock/ Susarek

Der Bundesverband Erneuerbare Energien hat gerade ein Papier mit Vorschlägen für eine schnellere Zukunft ohne fossile Energieträger vorgestellt: weniger Vorschriften, kürzere Genehmigungsverfahren. Die Bundesregierung hat viele dieser Punkte auch auf der Agenda – da scheint doch die Richtung zu stimmen?

Franz Alt: Das ist mir alles noch zu kurzfristig gedacht. Wir haben in den letzten bald 40 Jahren immer wieder Lösungsvorschläge zum Klimawandel gehört: Schon in den 1990er-Jahren habe ich in Fernsehsendungen aufgezeigt, dass wir bis 2035 zu 100 Prozent erneuerbare Energien nutzen könnten. Im Strombereich haben wir heute immerhin 50 Prozent, könnten aber längst bei 80 Prozent sein. Im Wärmebereich sind es erst 20 Prozent und im Verkehr haben wir komplett versagt – beziehungsweise die CSU- und FDP-Verkehrsminister, die in Wahrheit alle Autominister waren. Wir hätten vieles besser machen können, die Lösungen sind bekannt. Ich habe in meinen Büchern seit Jahren viele positive Beispiele beschrieben, wo ganze Regionen massenhaft Energie nur aus Wind, Sonne und Wasser produzieren, München hat inzwischen etwa eine Ökostrom-Quote von mehr als 90 Prozent. Wo Politik wirklich will, geht vieles.

» Kirchen müssten aktiver werden «

Aber der Eindruck ist doch aktuell, dass angesichts des Ukraine-Kriegs alle Tore offen stehen für eine Neuausrichtung von Energie- und Klimapolitik.

Franz Alt: Das Fenster ist immer offen. In Bayern zum Beispiel gibt es eine Regelung, dass das nächste Haus rund 2000 Meter von einem Windrad entfernt sein muss. So hat die CSU den Ausbau der Windenergie bewusst verhindert. Der damalige Ministerpräsident Seehofer sagte mir einmal: „In Bayern weht kein Wind.“ In Wahrheit hatte er Angst vor Bürgerinitiativen, und da liegt natürlich auch ein Teil des Problems: Viele Menschen in Deutschland haben viele Bedenken und verhindern lieber, als zu ermöglichen. Dabei schickt der Himmel uns tausendfach mehr Energie, als wir brauchen. Ich habe vor 30 Jahren das Buch „Die Sonne schickt uns keine Rechnung“ geschrieben und wurde dafür ausgelacht. Inzwischen steht in meinem Haus ein Batteriespeicher, der mit gespeicherter Solarenergie auch nachts das Elektroauto meiner Frau auflädt. Speichertechnologie ist vorhanden, sie muss nur noch weiter ausgebaut werden. Dennoch ist nur auf jedem zehnten Haus eine Solaranlage installiert. Warum nicht auf viel mehr Häusern? Da ist so viel versäumt worden.

Sie sehen gerade Christen in der Pflicht, sich aktiv für den Klimaschutz einzusetzen. Welche Rolle könnten und sollten Kirchen bei Umweltschutz und Energiewende spielen?

Franz Alt: Es gibt positive Beispiele für kirchliches Handeln: Papst Franziskus hat sich etwa aktiv für das Zustandekommen des Pariser Abkommens zum Klimaschutz eingesetzt. Aber die Umsetzung im Kleinen dauert viel zu lange – und dabei könnten Kirchen einen wesentlichen Beitrag leisten. Sie könnten überall Solaranlagen installieren – gewissermaßen Energie von ganz oben, aus dem Himmel. Kirchen haben immer noch eine Vorbildfunktion, die sollten sie besser ausfüllen. Ich habe schon vor 20 Jahren in meinem Buch „Der ökologische Jesus“ geschrieben, dass Kirchen und kirchliche Einrichtungen auf ihren Dächern Photovoltaik installieren müssten. Immerhin mehr als 2000 Kirchengemeinden haben das gemacht, das ist ein guter Anfang – aber eben nicht genug. Wenn nachhaltige Technik da ist, aber nicht genutzt wird, ist das ein ethisches Problem – und gerade da müssten Kirchen deutlich aktiver werden.

epd

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Zur Person

Franz Alt, geboren 1938, hat einen großen Teil seines Berufslebens beim Süddeutschen Rundfunk verbracht (heute SWR) und hat für die ARD 20 Jahre lang das Politikmagazin „Report“ moderiert. Aus der CDU ist er 1988 ausgetreten, politisch steht er der ÖDP nahe. Alt ist nach wie vor als Vortragsredner und Journalist aktiv. Auf seiner Homepage www.sonnenseite.com veröffentlicht er Texte zum Energiewandel und zur Klimapolitik.