Christliche Themen für jede Altersgruppe

Worte machen sich flügge

TETTNANG (Dekanat Ravensburg) – Einmal im Monat wird in der Stadtbücherei zum „Lesecafé“ in „Leichter Sprache“ eingeladen. Die Teilnehmerinnen haben Einschränkungen, lesen sich aber dennoch mit Freuden abwechselnd vor – und gewinnen ganz nebenbei Selbstbewusstsein. 

Christine Barth (Zweite von links) ist eine der beiden Leiterinnen des Tettnanger Lesecafés und hilft gerne mit erklärenden Worten. (Foto: Brigitte Geiselhart)


Ein gutes Buch? Wer nimmt das nicht gerne mal zur Hand. Doch mit dem Lesen ist das manchmal so eine Sache. Manche tun sich schwerer damit als andere. Trotzdem kann lesen oder vorlesen Spaß machen – und nicht zuletzt auch das Selbstbewusstsein stärken. Ein gutes Beispiel dafür ist das „Lesecafé“, zu dem die Bürgermentorinnen Marguerite Wind und Christine Barth jeden ersten Samstag im Monat in die Stadtbücherei Tettnang einladen. Ein offener Treff für alle, die gerne gemeinsam lesen, sich an lustigen oder spannenden Geschichten erfreuen und anschließend darüber austauschen möchten. Hier muss sich niemand beweisen, keiner braucht Angst davor zu haben, einen Fehler zu machen. Die Lektüre ist abwechslungsreich und in „Leichter Sprache“ geschrieben.

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Heute geht es um „Krach im Sonnental“: Ein Buch von Susanne Ganser, bei dem sich viel um den Ex-Schul­direktor Hubertus Stauder dreht, der sich mit seinen 80 Jahren entschlossen hat, in ein Seniorenheim zu ziehen. Doch er nörgelt an allem rum, ihn interessiert nichts mehr und er scheint mit der Welt abgeschlossen zu haben. Aber vieles ändert sich, als er schließlich mit einem ehemaligen Lehrerkollegen einen neuen Zimmernachbarn bekommt.

„Ja hört mich denn niemand. Verdammt! Ich sitze schon seit 15 Minuten auf der Toilette!“, schimpft Hubertus Stauder und ruft ungeduldig nach Pfleger Hannes. Gabi Gonnermann beginnt zu lesen – und sie macht es klasse. Früher hat sie sich das nicht zugetraut, hat lieber nur zugehört.  Doch mittlerweile ist das ganz anders geworden. Eine ganze Seite schafft sie und freut sich natürlich darüber. Wenn mal ein Wort nicht ganz so leicht von den Lippen gehen sollte – kein Problem. Die Bürgermentorinnen sind stets zur Stelle, um den Satz im Zweifelsfall zu wiederholen oder um das eine oder andere erklärende Wort anzufügen. „Mein nackter Hintern friert!“, brüllt der arme Hubertus inzwischen noch lauter nach Hannes. Jetzt hat Amara Keck die Vorlese-Rolle übernommen. Dass die ganze Gruppe bei ihrem ersten Satz kräftig lachen muss, ist selbstverständlich.
„Ja, es ist schon toll zu sehen, wie alle Teilnehmer unserer Gruppe im Laufe der Zeit Fortschritte gemacht haben. Auch die Angehörigen haben das natürlich wahrgenommen und sind begeistert“, sagt Marguerite Wind am Rande des Tettnanger Lesecafés. „Lesen ist ein wichtiger Bestandteil, um Menschen mit Behinderung gesellschaftlich zu integrieren. Es sollte  noch viel mehr Texte in einfacher Sprache geben, zum Beispiel Gebrauchsanweisungen oder Wahl-Informationen zu den Parteien“, regt die Heilerziehungspflegerin Christine Barth an.

Maria Huber liest weiter. Anschließend sind Gisela Imhof und Anneliese Weiersbach an der Reihe. Und immer wieder wird gelacht – weil der Lesestoff nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr humorvoll geschrieben ist. Manche Worte bleiben herausfordernd, weil sie vielleicht besonders lang und vom Sprachgebrauch her ungewohnt sind. Manches muss in der Gruppe gemeinsam angegangen werden. Für Gespräche bleibt immer genügend Zeit. Dass sie inzwischen viel mutiger geworden sei und auch schon mal bei einem integrativen Gottesdienst in der Kirche vorgelesen habe, davon erzählt Amara Keck mit Stolz. Gabi Gonnermann berichtet davon, dass sie auch gerne zuhause lese – „Heidi“ oder „Pippi Langstrumpf“ sind ihre Favoriten.
Eine Stunde geht schnell vorbei. Wie es mit Hubertus Stauder und seinem Zimmernachbarn im Seniorenheim weitergeht, das interessiert alle ­brennend. Na, dann bis in vier Wochen, wenn wieder zum Tettnanger Lesecafé eingeladen wird. Wer neu hinzustoßen möchte, ist herzlich willkommen.