Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zeit zu verschenken - 's Zeitwägele in Bisingen

BISINGEN – Der Redebedarf wäre da, aber wo gibt es jemanden, der ein offenes Ohr dafür hat? Ein Problem, das viele einsame Menschen umtreibt. Das ökumenische Projekt „’s Zeitwägele“ will im Dekanat Balingen Abhilfe leisten: mit ehrenamtlichen und eigens ausgebildeten Zuhörern, die dorthin kommen, wo es Seelsorgebedarf gibt.

vintage Wohnmobil. Caravaning. Foto: Christian DuD, pixabayCaravaning. Foto: Christian DuD, pixabay

Einsamkeit ist nicht nur in Großstädten ein Thema. Auch die Seelsorger in den ländlichen Gemeinden erleben sie hautnah. „Einsamkeit kann Menschen das Gefühl vermitteln, isoliert und ganz unten zu sein.“ Das hat die Bisinger Pfarrerin Gudrun Ehmann bei vielen Begegnungen erlebt. „Dem wollen wir in der Gemeinschaft begegnen.“

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat die Initiative „Orte des Zuhörens“ ins Leben gerufen. Eine Idee, die Mechthild Uhl-Künzig vom Caritasverband für die Zollernalb inspiriert hat, noch einen Schritt weiterzugehen: mit einem mobilen Angebot, das zu den Menschen kommt. Gemeinsam mit der Katholischen Seelsorgeeinheit Bisingen-Grosselfingen-Rangendingen und der Evangelischen Kirchengemeinde Bisingen hat sich die Caritas Zollern Gedanken darüber gemacht, wie so ein niederschwelliges Beratungsangebot aussehen könnte. „Herausgekommen ist ein Projekt, das allen Menschen offen steht, unabhängig von Herkunft und Konfession“, erklärt der Bisinger Pfarrer Ulrich Günther. „Wir möchten für alle da sein, Kirche hautnah sozusagen.“ Die Vorbereitungen dafür laufen seit Herbst, „’s Zeitwägele – ein mobiler Ort des Zuhörens“ soll dann ab April unterwegs sein.

Unterwegs zum Zuhören

Um das Projekt bekannt zu machen und Ehrenamtliche zu werben, waren die Verantwortlichen in den vergangenen Wochen vor Supermärkten und auf dem Wochenmarkt. „Wir haben viele Menschen persönlich angesprochen“, erzählt die Pfarrerin, „und gehofft, sechs Freiwillige zu finden, die sich engagieren möchten. Es sind sogar 15 Ehrenamtliche geworden, die beim Zeitwägele dabei sein wollen.

In Bisingen stehen (von links) PfarrPfarrer Ulrich Günther und Vikarin Katja Schmid. Foto: Frank EngelhardtIn Bisingen stehen (von links) Pfarrerin Gudrun Ehmann, Pfarrer Ulrich Günther und Vikarin Katja Schmid hinter der Idee des „Zeitwägele“.

Die „Zuhörer“ oder auch „Zeitverschenker“, die sich gemeldet haben, sind zwischen Ende 20 und über 70 Jahre alt. Sie durchlaufen erst einmal eine gründliche Vorbereitung. „Wir haben ein Ausbildungsprogramm mit fünf Modulen auf die Beine gestellt“, erzählt Pfarrerin Ehmann. Dabei sollen sich die Teilnehmenden als Gruppe finden und dann unter der Leitung einer erfahrenen Kommunikationstrainerin in den Bereichen „Wahrnehmung und Kommunikation“ sowie „Struktur der helfenden Beziehung“ geschult werden. Wegen der Corona-Pandemie konnten beim ersten Abend nicht alle vor Ort dabei sein, einige waren über das Internet zugeschaltet.

Vom zweitägigen Modul eine Woche darauf blieb aufgrund weiterer Verschärfungen nur noch ein Abend im digitalen Raum übrig. „Das war natürlich extrem schade“, bedauert Vikarin Katja Schmid, die ebenfalls am Projekt beteiligt ist. Sie ist zuversichtlich, dass die Ausbildung der Zeitverschenker bis zum Frühjahr abgeschlossen sein wird. Und dass bis dahin auch ein physisches Zuhause für das Projekt gefunden wird. „Ob mit einem Wohnwagen oder mit Bauwagen: wir möchten mit einem Fahrzeug dorthin gehen, wo Menschen Gesprächs- und Redebedarf haben“, sagt Gudrun Ehmann. Das könne am Friedhof sein, am Parkplatz vor dem Supermarkt, an der Seniorenwohnanlage oder am Badesee. Fest steht dabei: „Wir wollen immer zu zweit und unter Wahrung der Verschwiegenheit Menschen die Möglichkeit geben, sich auszusprechen und – wo möglich – Wegweiser für weitere Hilfsmöglichkeiten mitgeben.“ □

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