Christliche Themen für jede Altersgruppe

Zusätzliche Omas bekommen

FRIEDRICHSHAFEN – Senioren-Wohngemeinschaften gelten als zukunftsweisend. Das Beispiel der WG im Allmand Carré zeigt: Die Umsetzung dauert manchmal länger als erwartet. Doch sind die Bewohner erstmal da, fühlen sie sich in ihrem neuen Umfeld wohl. 


In der WG funktioniert das Zusammenleben von jüngeren und älteren Menschen. (Foto: Brigitte Geiselhart)


Die Grundidee der Bruderhausdiakonie war von Anfang an zukunftsweisend: Acht ältere Menschen mit leichtem Unterstützungsbedarf und zwei Studenten oder Auszubildende sollten in der Senioren-Wohngemeinschaft im neu erbauten Allmand Carré in der Nordstadt von Friedrichshafen ein neues Zuhause finden. Gegebenenfalls sollten die jungen Menschen die Älteren im Haushalt und bei der Bewältigung des Alltags unterstützen – und dadurch ihre Mietkosten reduzieren. Allerdings war die Umsetzung des Projekts schwieriger als gedacht und langer Atem war gefragt. Doch die Geduld hat sich offenbar gelohnt.

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Seit der Fertigstellung der fast 500 Quadratmeter großen Wohnung sind mittlerweile knapp zwei Jahre vergangen. Inzwischen haben sich sechs

Senioren prima eingelebt, außerdem eine FSJ-lerin und zwei Auszubildende zur Pflegefachkraft. Betreut wird die Wohngemeinschaft durch Quartiersmanagerin Carolin Bucher und wenn zwischendurch ein Handtuchhalter angebracht, der Fernseher eingestellt werden muss oder sonst handwerkliche Arbeit zu erledigen ist, dann ist Wilhelm Buffler als verlässlicher Ehrenamtlicher zur Stelle.

„Ich habe mir das Ganze im vergangenen Mai angeschaut und mich darauf eingestellt“, sagt Ursula Petrat zufrieden. Die ehemalige Leverkusenerin ist im Oktober 2018 in die Senioren-WG eingezogen, um ihren im Hafen wohnenden Sohn und ihre beiden Enkel jetzt mehrmals in der Woche in die Arme schließen zu können. „Na ja, der schwäbische Dialekt der anderen Bewohner war für mich schon gewöh-nungsbedürftig. Aber man gewöhnt sich an alles“, meint sie verschmitzt. „Heimliche Chefin“ wird Emma Metzner von ihren Mitbewohnern augenzwinkernd genannt. Die 91-Jährige wohnt seit mehr als einem Jahr in der WG und weiß bestens Bescheid. „Dass alle mal zusammensitzen, das ist schon schwierig“, sagt sie. „Manche sind Frühaufsteher, die anderen schlafen gern länger und die Jungen kommen abends müde von der Arbeit.“ Was nicht heißt, dass man nicht hin und wieder gemeinsam etwas unternimmt. So haben die älteren Herrschaften vor kurzem Karten für die Seniorenfasnet abgeholt, sich einen Spaziergang entlang der Uferstraße gegönnt und dem Schlemmermarkt am Adenauerplatz einen Besuch abgestattet. Und dass sich alle auf die Rosenmontagsparty und die Veranstaltungen im Allmand-Treff freuen, ist sowieso Ehrensache. „Ich bin in dieser WG in jedem Fall gut aufgehoben“, sagt Otto Meyer. Er lebte einige Jahre im Pflegeheim Gustav-Werner-Stift in Ravensburg, fühlt sich aber jetzt wieder „aufgepäppelt“ genug, um selbständig zu wohnen und eigene Unternehmungen machen zu können.

„Das Zusammenleben ist sehr locker. Jeder geht seinem Alltag individuell nach, doch man weiß, dass man nicht alleine ist. Es hat sich ein gegenseitiges Geben und Nehmen entwickelt – egal ob zwischen Jung und Alt oder einfach grundsätzlich“, sagt Carolin Bucher. Natürlich müssten die Bewohner lernen, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren und sich an Pläne – etwa für die Benutzung der Waschmaschine – zu halten. „Wichtig ist es, den anderen zu sagen, was einem nicht passt. Nur so kann sich was ändern“, sagt sie.

Außerdem werde im 14-tägigen Rhythmus zur Mitbewohnerversammlung eingeladen. Den Gelben Sack rausstellen? Die Spülmaschine ausräumen oder Altglas zum Container bringen? „Jeder muss mithelfen, jeder hat seine Aufgabe. Regeln müssen gemeinsam aufgestellt werden“, bringt die 66-jährige Marita Straub einen für sie wesentlichen Aspekt auf den Punkt.

Zum „Sonnenschein“ der Senioren-WG ist Melissa Moschny geworden. Die 20-Jährige stammt aus Recklinghausen und freut sich, in Friedrichshafen ihr Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren. „Nicht verzagen, Melissa fragen“, heißt es unter den Senioren, wenn zum Beispiel Hilfe beim Skypen, beim Handy-Update oder der Bedienung des Induktionsherds gefragt ist. Und wie schätzt die junge Frau ihre aktuelle Wohnsituation ein? „Ich habe jetzt zusätzlich mehrere Omas und einen Opa – und wenn ich in der Küche bin, bekomme ich immer was zu essen“, sagt Melissa Moschny lachend.