Christliche Themen für jede Altersgruppe

Angst vor Autoritäten

Eine der herausragenden Persönlichkeiten des Reformationsprozesses im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war John Wyclif (spätestens 1330–1384). Er hat die Bibel ins Englische übersetzt. Wyclif wurde als Abendstern der Scholastik und als Morgenstern der Reformation charakterisiert.

„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ John Wyclif setzte in tiefem Gottvertrauen bei der Verbreitung seines enormen Reformwerkes auf die Anfangskraft des Wortes. Und das zu einer Zeit – im Jahr 1382 –, als Bücher noch von Hand geschrieben werden mussten.

Wyclif gilt als herausragende Persönlichkeit Englands. Er war Philosoph, Theologe, Prediger, Übersetzer, Diplomat, Reformer und Hochschullehrer in Oxford. Mit seinen Gedanken versuchte er, die verweltlichte Kirche von ihren Grundlagen her zu verändern.

Wyclif war seiner Zeit um mehr als ein Jahrhundert voraus. Doch warum ist seine Reform fast versandet?

John Wyclif kam Ende der 1320er-Jahre in einer alten, wenig bemittelten Familie in Hipswell (Yorkshire) zur Welt. Der begabte Student ging 1345 nach Oxford und wurde Pfarrer. Den Doktorhut bekam er erst mit Mitte 40, weil er für das teure Promovieren selbst aufkommen musste. Kurz nach seiner Promotion 1372 wurde Wyclif „Peculiaris regis clericus“ (des Königs eigener Kleriker). Damals konnte ein Herrscher auf die Ratschläge guter Kenner der Theologie nicht verzichten.

Die Beziehungen der englischen Krone zur römischen Kurie waren empfindlich angespannt. Die zu Avignon residierenden Päpste schienen eher dem Gegner Englands zugetan zu sein. Die Diplomatie gebot, trotz der üblen Lage nicht mit dem „Heiligen Vater“ zu brechen. Dazu brauchte man einen mit dem kirchlichen Apparat vertrauten Experten.

So nahm Wyclif 1374 an den Verhandlungen mit den päpstlichen Delegierten in Brügge teil, um eine gütliche Einigung zu finden. Wyclif vertrat mit geschliffenen Argumenten den Standpunkt des englischen Königs. Dabei schnitt er klug die Frage der Autorität an und machte die Geltung kirchlicher Ansprüche von der moralischen Integrität abhängig. Wie passe Heiligkeit zur Bestechlichkeit? Der Kurie wurde der Verkauf von Kirchenämtern nachgewiesen. Dem Herzog von Lancaster gefiel Wyclifs furchtlose Natur und sein Erfolg. In ihm fand Wyclif einen klugen Förderer, der ihn energisch und erfolgreich verteidigen sollte.

Wyclif hatte in den Jahren vor der Promotion schon die Aufgabe, den Studierenden in Oxford die Bibel auszulegen – das prägt und bestimmt Wyclifs Weg immer mehr: Die Bibel wird ihm immer wichtiger. Für ihn ist letztendlich sie die einzige Autorität in der Kirche. Darauf werden später Jan Hus und Girolamo Savonarola sowie die Reformatoren Martin Luther und Johannes Calvin gut aufbauen können.

Die Rechtfertigungslehre allein aus Glauben (sola gratia) findet sich selbstverständlich bei ihm, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird. Schließlich steht die Rechtfertigungslehre in der Bibel, und Wyclif ist biblischer Theologe. Nur hat er sie nicht so oft entfaltet und breit ausgedehnt wie Luther 140 Jahre später. Sein Schreiben ist situationsbezogen. Es ist nicht streng akademisch systematisiert, sondern wirkt eher „vulkanisch“, es bricht lebendig aus ihm hervor.

Darin ist Wyclif ein Theologe genau wie der Apostel Paulus. Der hatte alles, was er schrieb, aufgrund praktischer Probleme in den Gemeinden seiner Zeit verfasst.

Wyclifs Kritik an unbiblischem Brauchtum (Reliquienkult, Heiligen- und Bilderverehrung, Zölibat, ein magisches Abendmahlsverständnis) und seine Reformvorschläge nervten uneinsichtige Kirchen- und neidische Unikollegen. 1382 sollte Wyclif als Ketzer verurteilt werden.

Doch ihm blieb sein Pfarramt in der Gemeinde Lutterworth; da traute man sich damals nicht ran. Dort starb er während des Gottesdienstes Silvester 1384. Er wurde in geweihter Erde begraben. Wohl auch, weil ihn gesellschaftlich hochgestellte Beschützer nicht im Stich gelassen hatten.

Wyclif wollte, dass seine Kirche den Gläubigen die Träger der Gnade richtig vermittle: Gottes Wort aus der Bibel und Gottes Brot in Form des Abendmahls. Aber um diese Aufgabe korrekt erfüllen zu können, müsse die Kirche ihr Tun radikal verändern: Sie dürfe dem Laienvolk nicht die Heilige Schrift vorenthalten. Für seine Bibelübersetzung wählte Wyclif bewusst das gesprochene Englisch. Das war eine Sensation! Aristokratie, Justiz, Kirche und Beamte benutzten seit der normannischen Eroberung 1066 das Französische. So wurde durch seine Bibel der Reformator zugleich der Vater des Mittelenglischen als einer Literatursprache. Wyclifs Vaterunser, der Johannesprolog, die ganze Bibel in der Sprache einfacher Menschen.

Auf dem Konstanzer Konzil wird Wyclif 1415 nachträglich als Ketzer verurteilt. Die posthume Exekution Wyclifs wird 1428 tatsächlich vollzogen. Der Papst lässt 44 Jahre nach dem Tod Wyclifs seine Leiche ausgraben, verbrennen und seine Asche in den Fluss streuen, der durch seine Gemeinde fließt – mitsamt all seiner Schriften. Von John Wyclif sollte keine einzige Spur  bleiben.