Christliche Themen für jede Altersgruppe

Angst vor dem Absturz

Von 5. bis 21. August werden in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele 2016 ausgetragen. Doch die Vorfreude auf ein weiteres sportliches Großereignis nach der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren hält sich in Brasilien stark in Grenzen: Das Land steckt in der Krise, die Bewohner haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen.


Mit der Geduld am Ende: Frustrierte Bewohner Brasiliens machen ihrem Unmut über die politischen Verhältnisse Luft. (Foto: epd-bild)

Karl Braungart verfolgt die Stimmung und Entwicklung in dem bevölkerungsreichsten Land Südamerikas ganz genau. Der Pfarrer der Kirchengemeinde in Schelmenholz/Hanweiler im Kirchenbezirk Waiblingen ist nicht nur mit einer Brasilianerin verheiratet. Er hat auch mehrere Monate an der Theologischen Fakultät der lutherischen Kirche in Brasilien studiert und über charismatische Bewegungen in Lateinamerika promoviert.

„Das Land ist tief gespalten“, sagt Braungart, der selbst perfekt portugiesisch spricht und regelmäßig in Brasilien zu Besuch ist. Die politischen Verhältnisse, erzählt er, hätten einen Keil in das Land getrieben: Nach der vorübergehenden Amtsenthebung von Präsidentin Dilma Rousseff hat eine  Übergangsregierung die Macht übernommen – doch der schlägt ebenfalls großes Misstrauen entgegen. Millionen von frustrierten Brasilianern machen seit Monaten auf der Straße ihrem Unmut lautstark Luft und demonstrieren gegen die Korruption im Lande.

„Die Olympischen Spiele kommen zur Unzeit“, sagt Karl Braungart. „Die Stimmung ist nicht gut, zudem die Veranstaltung ja auf Rio konzentriert ist. Der Rest des Landes bekommt ohnehin nicht viel davon mit.“ Die meisten der Bewohner haben andere Sorgen: Der Bundesstaat Rio de Janeiro hat den finanziellen Notstand ausgerufen, die Wirtschaftslage ist verheerend. Schulen werden geschlossen, das Gesundheitswesen leidet. Und die Infrastruktur sei trotz Investitionen immer noch mangelhaft, berichtet der 57-Jährige, „auch wenn etwa Flughäfen oder die U-Bahn in Rio ausgebaut wurden“.

Dazu kommt, dass die Erfahrungen mit dem letzten großen Sportereignis des Landes, der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, das Land alles andere als beflügelt haben. Was nicht nur an der immer noch als Schmach empfundenen 1:7-Niederlage im Halbfinale gegen die Deutschen lag, die das Ende aller Titelträume bedeutete. Auch nicht an dem vorzeitigen Ausscheiden bei der Copa America, der Südamerikameisterschaft vor einigen Wochen. Sondern an dem Ballast, den die Austragung eines solchen Turniers für das Land bedeutete: „Die Stadionumbauten haben über 600 Millionen Dollar verschlungen, doch jetzt stehen die Arenen in Brasilia und Manaos leer und machen nur noch Verluste“, berichtet Karl Braungart. Sportereignisse wie jetzt auch die Olympischen Spiele lösen daher keine bloße Euphorie mehr aus, vielmehr werden sie als Symbol für die Krise gesehen.

Braungarts Frau stammt aus der Region des Rio Tapajós. Dort, an einem der größten Nebenflüsse des Amazonas, ist die Stimmung in der Bevölkerung ebenfalls bedrückend: Die Einheimischen wehren sich gegen den Bau eines geplanten Wasserkraftwerks, das auch von Umweltschützern kritisiert wird. „Der Eingriff in die Natur ist massiv und die Region leidet darunter, dass man versucht, sie in ein wirtschaftliches System zu pressen“, sagt der Theologe. Sein Fazit: „Das Land wird von Stillstand dominiert, es braucht Reformen.“

Ähnlich sieht es Martin Volkmann. Der Geschäftsführer des brasilianischen Gustav-Adolf-Werks, dem Obra Gustavo Adolfo (OGA) in Sao Leopoldo, ist überzeugt: „Wir hier in Brasilien haben momentan ganz andere Sorgen als die Olympischen Spiele.“  Er selbst werde um die Veranstaltung einen großen Bogen machen: „Ich werde mir die Spiele nicht anschauen, weder im Stadion noch im Fernsehen.“ In seinem Umfeld, dem südlichsten brasilianischen Bundesstaat, nehme er eine ähnliche Stimmung wahr. „Das, was man an Geld für solch eine sportliche Großveranstaltung ausgibt, fehlt dann an anderer Stelle.“ So habe er es auch bei der Fußball-Weltmeisterschaft wahrgenommen.

Volkmann, bis zu seinem Ruhestand als Dozent an der Theologischen Fakultät der lutherischen Kirche tätig, unterstützt zusammen mit seinen Mitarbeitern OGA-Gemeinden in Not, hilft ihnen beispielsweise beim Bau von Kirchen und bei ihrer diakonisch-missionarischen Arbeit. Bei den Einsätzen werden er und seine Mitarbeiter regelmäßig mit den sozialen Missständen des Landes konfrontiert.  Der 71-Jährige ist sich daher sicher: „Es gibt hier so viele wichtigere Probleme, die erst gelöst werden müssen.“

Bei Kristina Michahelles ist es ein bestimmtes Bild, das immer wieder auftaucht, wenn sie an die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro denkt: Die Trümmer des eingestürzten Küstenradweges. Die knapp vier Kilometer lange Strecke, eine Brückenkonstruktion auf Stelzen, galt bis dahin als „schönster Radweg der Welt“ – und wurde als Attraktion für die Sommerspiele gebaut. Vier Monate nach der Eröffnung ereignete sich das Unglück, bei dem zwei Männer starben: Eine Welle riss ein großes Stück aus der Fahrradbrücke, fünf Menschen stürzten in die Brandung. „Der Unfall hat viel von der Vorfreude und von dem Vertrauen genommen“, sagt Kristina Michahelles. Die 60-Jährige Journalistin und Übersetzerin lebt mit ihrer Familie im Süden von Rio, in der Nähe des Botanischen Gartens.

Für die Brasilianerin steht das Unglück symptomatisch für den Zustand des ganzen Landes. Von der schlechten wirtschaftlichen Lage, sagt sie, seien immer mehr Familien betroffen. Sie selbst hat hautnah mitbekommen, wie ihr Bruder nach 16 Jahren Festanstellung bei einer Firma von jetzt auf nachher seine Stelle verloren hat. „Die Arbeitslosigkeit ist stark gewachsen, das zeigen auch die immer größer werdenden Menschenschlangen vor dem Arbeitsamt.“

Dabei sei die Stimmung zum Zeitpunkt, als die Olympischen Spiele nach Rio vergeben wurden, noch großartig gewesen. „Der Bürgermeister wurde gefeiert, US-Präsident Obama hat von Brasilien als ,Land der Zukunft‘ gesprochen“, erinnert sich Michahelles. Das war 2009, als sich Rio  gegen die konkurrierenden Bewerberstädte Chicago, Tokio und Madrid durchsetzen konnte.

Die Euphorie ist inzwischen verflogen, auch wenn viele Politiker versuchen, „die Begeisterung künstlich hochzuhalten“. Das liegt ihrer Ansicht nach an den schlechten Erfahrungen mit der Fußball-Weltmeisterschaft im Lande. Ohnehin sei zwar die Fußballbegeisterung der Brasilianer groß, die Freude an anderen Sportarten halte sich jedoch in Grenzen.

Michahelles, die sich unter anderem für die Hilfsorganisation für Menschenrechte „Action Aid“ engagiert, ist sich sicher, dass vor allem die großen Baufirmen von dem Olympischen Spielen profitieren. Die normale Bevölkerung leide jedoch unter den ständigen Baustellen und den riesigen Verkehrstaus auf den Straßen. Und grundlegende Probleme, wie etwa die Verschmutzung der Meeresbucht von Guanabara, habe man nicht in den Griff bekommen. So ist das einstige Kleinod in Rio de Janeiro zur Kloake verkommen – dabei versprach das brasilianische Olympische Organisationskomitee noch bei der Bewerbung, bis zum Beginn der Spiele die Verunreinigung um 80 Prozent zu mindern. Für Kristina Michahelles nur ein Beispiel von vielen, das zeige, „dass der Großteil der Bevölkerung von solch einer Veranstaltung nicht profitiert“.

Trotzdem hofft Kristina Michahelles auf einen positiven Aspekt der Olympischen Spielen:  „Die Augen der Welt sind auf uns gerichtet. Ich wünsche mir, dass man sieht, was für ein freundliches Land Brasilien ist.“

Information zum Arbeitskreis

Der Arbeitskreis „Kirche und Sport“, der Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung und das Gustav-Adolf-Werk bieten als Information über Brasilien eine Internetplattform an. Dort gibt es Hintergründe, Unterrichtsentwürfe, Vorträge, Partnerstimmen und Interviews.

Zu den besonderen Aktionen gehört etwa das Projekt „Briefmarken für Brasilien“: Mit dem Verkauf von Briefmarken finanziert die Evangelische Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien einen Teil ihrer Kinder- und Jugendprojekte. Briefmarken aus aller Welt werden gesammelt, geordnet und verkauft. Mehr Informationen dazu gibt es im Internet unter www.brasilien-menschen-im-fokus.de