Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Bibel: das große Buch

Dettingen (Dekanat Heidenheim) – Aus der Peterskirche ist das riesige „Buch“ derweil kaum mehr wegzudenken. Mit ihrer wirkungsvollen Idee haben die Dettinger überzeugt: Sie haben für ihre „XXL-Bibel“ einen der Bibelpreise 2015 gewonnen. 


Beeindruckend echt und groß: die XXL-Bibel in der Peterskirche. (Foto: Jens Eber)


„Die Bibel“ – dieser Begriff hat in Dettingen eine zweite Bedeutung bekommen. Die Bibel ist und bleibt das Buch der Bücher und Leitwerk der Christen, in Dettingen ist „die Bibel“ aber auch Begriff für allwöchentlich neue Anblicke in der Peterskirche, für neue Ideen von Gemeindemitgliedern – und einen neuen Treffpunkt im Zentrum der Gemeinde.

Pfarrer Ralf Alexander Sedlak schmunzelt, als er erzählt, wie er im Frühjahr vergangenen Jahres im Religionsunterricht von der großen Bibel berichtete, die es in der Peterskirche gebe. Klar, gaben ihm die Kinder zur Antwort, das ist die, die auf dem Altar liegt. Mittlerweile wüssten freilich auch alle Kinder, dass es neben dem Altar noch eine weitere, viel größere Bibel gibt.

Seit Februar 2015 steht sie da, übermannshoch und breit wie ein Kleiderschrank, aber nicht einschüchternd. Steht man im angedeuteten Raum, den das aufgeschlagene und aufrecht stehende Buch bildet, ist man von den Dimensionen beeindruckt, der Platz wirkt aber auf eine unaufdringliche Art auch beschützend. Zugleich ist die XXL-Bibel präsent genug im Kirchenraum, um von jedem Platz aus wahrgenommen zu werden.

„Wir sind kirchenmusikalisch sehr gut aufgestellt, unsere Kirche ist klanglich oft beeindruckend gefüllt“, sagt Pfarrer Sedlak. Dagegen empfand er das Visuelle etwas unterrepräsentiert. Daher wollte er etwas fürs Auge bieten, zugleich auch Anregungen zum Nachdenken geben. Zudem kennt er die kreativen Seiten vieler seiner rund 1200 Gemeindemitglieder, die er stärker als bisher im Gottesdienst verankert wissen wollte.

So entstand die Buchidee, die zum einen die Sichtseite bietet, auf der – der Gemeinde zugewandt – jede Woche ein neues Werk zu sehen ist, das sich mit dem Wochenspruch oder dem jeweiligen Sonntagsthema befasst. Auf der dem Altar zugewandten, etwas intimeren Gebetsseite, sind zahlreiche Gedanken, Wünsche und kleine Gebete angepinnt. Mancher drückt Dank aus, andere hoffen, dass die Integration der Flüchtlinge gelingen möge. Der ursprüngliche Gedanke, dass diese Seite als Diskussionswand funktionieren könnte, habe dagegen bislang nicht funktioniert, sagt Sedlak. Womöglich sei der ursprüngliche Ansatz zu einem„Schreibgespräch“ zu ambitioniert gewesen, räumt der Pfarrer ein.

Von der Idee bis zur faszinierenden Umsetzung war es ein überraschend kleiner Schritt. In der Gemeinde fanden sich mit Axel Kolb, Felix Cimander und dem Schreiner Kevin Gerstmeier drei patente junge Männer, die Sedlaks im Spätherbst 2014 grob skizzierte Pläne umsetzen konnten. Über den Jahreswechsel arbeiteten die jungen Handwerker emsig, um zunächst Rahmen für die Buchseiten zu bauen und diese mit Holzfaserplatten zu beplanken. Ein gebogener hölzerner Buchrücken hält die beiden, jeweils gut einhundert Kilogramm schweren Seiten zusammen.

Bei einem „Konfi-Wochenende“ wurde das Buch schließlich farblich gestaltet, mit Kreuz und Schriftzug versehen, die Vornamen des Konfirmationsjahrgangs sind auf der Rückseite verzeichnet. Beim Transport erlitt das riesige Buch einige Kratzer, und zunächst wollte man diese übermalen, dann aber entschieden sich Pfarrer und Erbauer, sie sichtbar zu lassen „so, wie ein ledergebundenes Buch mit der Zeit Risse und Brüche bekommt“, sagt Sedlak. Ohnehin ist die Illusion eines riesenhaften Buchs überaus gut gelungen: Es habe tatsächlich schon Menschen gegeben, die einzelne Seiten umblättern wollten, obwohl diese  lediglich durch entsprechendes Furnier angedeutet sind.

Das Buch zu gestalten war freilich nur ein erster Schritt, die Initialzündung des Projekts. Immerhin bot die Idee, die Sichtseite jede Woche von anderen Gruppen oder Einzelkünstlern gestalten zu lassen, den einen oder anderen Fallstrick. Was, wenn sich niemand gefunden hätte, der gestalten wollte? Was, wenn jemand das Thema verfehlt oder Ungehöriges abgeliefert hätte? Und wie würde die Gemeinde auf den prominenten Blickfang in ihrer Kirche reagieren?

Solcherlei Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Vielmehr ist die Bibel nach dem Gottesdienst zum Treffpunkt geworden, berichtet der Dettinger Ulrich Rißmann. „Jeden Sonntag treffen sich dort Grüppchen, um das neue Bild anzusehen.“ Dabei entstünden intensive Gespräche – über das Werk, aber auch andere Themen der Gemeinde.

Und auch an Künstlern mangelte es noch nie. Zu den Feiertagen hätten sie sogar jeweils mehrere Werke ausstellen können erzählen die Beteiligten. Liselene Bosch etwa hat zu Ostern 2015 zum Wochenspruch aus der Offenbarung 1,18 eine Seite gestaltet, ist aber auch jede Woche gespannt, was auf der Seite neu zu sehen sein wird. „Man kann sich den Spruch ansehen und warten, was daraus entsteht“, beschreibt sie den Reiz der Aktion.

Regina Mack ist schon mehrmals als Künstlerin aktiv geworden. Sie setzt bei der kreativen Arbeit auf Zeit, sie lese den Spruch einige Male und lasse ihn auf sich wirken, bevor sie an die Arbeit gehe. Zum 22. März hat sie zu Matthäus 20,28 ein sehr plastisches, dreidimensionales Werk geschaffen, das dem Wort „dienen“ eine überraschendes Bild verleiht. Andere, wie Johanna Häberle, wählen sorgsam zum Thema passende Fotos aus. „Es ist immer Interpretationssache, wie man den Spruch umsetzt“, sagt sie.

„Mir hilft es, wenn im Wochenspruch konkrete Begriffe vorkommen“, erzählt Hannelore Staudinger, die zu Matthäus 11,28 eine Foto-Collage gestaltete und die Begriffe „beladen“ und „erquickend“ prägnant verdeutlichte. Staudinger hat aber auch von Künstlern gehört, die zunächst Anstöße von außen brauchten, weil sie sich selbst für unbegabt hielten. Vielen hätten sich durch die intensive Beschäftigung auch neue Dimensionen der Bibelverse eröffnet, weiß Hannelore Staudinger.

Negative Reaktionen blieben seit dem Frühjahr dagegen aus. Auch bei Traugesprächen wurde die XXL-Bibel bislang stets akzeptiert, auch wenn bisweilen die Dekoration der Trauung drumherum drapiert werden musste. Ein Ende der Aktion ist nicht geplant. Noch sind die Sonntage und Themen Wochen im Voraus „ausgebucht“. Und auch über eine Ausstellung mit einer Auswahl der bisherigen Werke haben die Dettinger schon nachgedacht.

Für die Bewerbung um den alle zwei Jahre zu vergebenden Preis der Württembergischen Bibelgesellschaft hatten sich die Dettinger mächtig ins Zeug gelegt, einen Film gedreht und geschnitten, auf der Internetseite der Gemeinde ist die Aktion mit zahlreichen Fotos dokumentiert. Kein Wunder, dass man sich über den Preis freut. „Das ist eine tolle Sache für ein so kleines Dorf auf der Alb“, sagt Regina Mack. Auch Pfarrer Sedlak wertet den Preis als Anerkennung für die Gemeindearbeit, die wohltut.