Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Mobilmachung der Bücher

Rund zehn Millionen Bücher wurden im Laufe des Krieges an die Front geschickt. Privatleute, Vereine und Stiftungen sammelten Bücher, Verlage packten Bücherkisten. Ein Feldgeistlicher organisierte fahrbare Feldbüchereien. Doch nicht alles wurde auch gelesen. 

Die Bücherei des Armierungs-Bataillons 161 im Juli 1917 im Elsass. (Foto: epd)


In den Schützengräben des Ersten Weltkrieges hatten die Soldaten Bücher ebenso dabei wie Handfeuerwaffen und Maschinengewehre. „Man hat ja zum Glück seine Bücher, sonst wäre man so schrecklich alleine“, schreibt ein Soldat 1916 in einem Feldpostbrief von der Westfront. Rund zehn Millionen Bücher, so der Stand der Forschung, kursierten im Laufe des Krieges an der Front. Fahrbare Kriegsbüchereien versorgten die Soldaten mit Lesestoff.

Im gesamten Deutschen Reich spendet die Bevölkerung von Kriegsbeginn an Bücher für die Soldaten. „Wir brauchen Bücher – Spendet Geld!“ lautet ein Aufruf zur „Deutschen Volksspende zum Ankauf von Lesestoff für Heer und Flotte“ im Jahr 1916. Der Reclam-Verlag produziert tragbare Feldbüchereien für die Frontsoldaten als „Lesestoff zur Verkürzung der unfreiwilligen Wartezeit“, wie es auf einem Plakat heißt. Und das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels spricht 1914 bereits von einer „Mobilmachung der Bücher“.

Die Idee, Soldaten mit Literatur zu versorgen, war indes nicht neu. Erste Bibliotheken gab es bereits im 18. Jahrhundert. Verfolgten diese Militärbibliotheken zunächst einen elitären Ansatz und standen nur Offizieren offen, entstanden im deutsch-französischen Krieg 1870/71 erste Mannschaftsbüchereien für die Soldaten. Kaiser Wilhelm II. ordnete schließlich – mit dem Ziel, das Lektüreangebot durch die Obrigkeit zu steuern – im Jahr 1893 an, Gelder für den Aufbau und Unterhalt von Mannschaftsbibliotheken in den Kasernen bereitzustellen.

Im Ersten Weltkrieg sind es zunächst die Soldaten selbst, die in Eigeninitiative und mit Hilfe von Privatspenden, Vereinen, öffentlichen Bibliotheken oder aus Stiftungen Leihkisten für die Schützengräben zusammenstellen. Sobald eine Kompanie in Stellung rückt, verpackt der zuständige Bibliothekar „fünfzig bis sechzig Bücher, je nach Umfang in eine kleinere, leicht tragbare Kiste“, notiert der Soldat Paul Böttcher über die Arbeitsweise.

Unter der Devise „Der Geist schafft Waffen und Sieg“ erteilt im Frühjahr 1916 die Heeresleitung – Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalquartiersmeister Erich von Ludendorff – dem patriotischen Feldgeistlichen Ludwig Hoppe den Befehl, fahrbare Kriegsbüchereien für die Soldaten in Ruhestellung aufzubauen.

Insgesamt 80 derartige Bibliotheken richtet Hoppe ein, bis Ende 1917 ist an der Ost- und der Westfront jede Division des Heeres mit einer Kriegsbücherei ausgestattet. Seine sogenannten Bildungskanonen umfassen jeweils zwischen 1000 und 1250 Bücher.

Diese Bibliotheken sind im Detail durchorganisiert: Ein Gefreiter hat als Bibliothekar die Aufsicht über den Bücherwagen, packt jeweils rund 100 Bücher in eine Kiste und verleiht diese an die einzelnen Truppenteile. „Die meisten Offiziere verstanden Truppenbüchereien als ‚geistige Waffe‘, als Instrument zur Motivation und Disziplinierung“, sagt Arno Barnert, der für das Deutsche Literaturarchiv in Marbach eine Truppenbibliothek mit 350 Bänden rekonstruiert hat. „Die Soldaten nutzten sie aus dem Wunsch nach Ablenkung und Entspannung, zur beruflichen Weiterbildung oder aus Interesse für die besetzten Länder.“

Das Angebot der fahrbaren Bibliotheken war vielfältig: Theodor Storms gesammelte Werke waren darunter ebenso wie ausgewählte Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ und Friedrich Schillers Wallenstein. Christliche Erbauungsliteratur wie ein Band mit Martin Luthers „Geistliche Lieder“ findet sich in den erhaltenen Verzeichnissen genauso wie Bücher zu Physik, Pflanzenkunde und Technik. Auf Wunsch von Hindenburg wurden zudem humoristische Werke in die Sammlungen aufgenommen. Selbst englische und französische Klassiker wie William Shakespeare, Charles Dickens und Emile Zola fehlten nicht, fügt Barnert hinzu.

Die Bibliothek gliederte sich in drei Teile: Unterhaltungslektüre, deutsche Dichtung und „belehrende Bücher“. Noch während des Krieges, im Jahr 1918, erschien eine erste Untersuchung über das Leseverhalten der Frontsoldaten. Demnach griffen die Soldaten selten, und anders als „vielfach gehofft und gewünscht“, zu religiösen Werken, Kriegsliteratur blieb weitgehend ungelesen in den Bücherkisten. Soldaten liehen sich vor allem Unterhaltungsliteratur aus, nachgefragt wurden zudem Sachbücher – Technik, Physik, Chemie.

Das Interesse an technischen oder naturwissenschaftlichen Büchern interpretiert der Germanist Barnert als Weiterbildung für die Nachkriegszeit sowie als Auseinandersetzung mit der Kriegstechnologie. Je länger der Stellungskrieg dauerte, je mehr Opfer er forderte, desto mehr veränderte sich das Leseverhalten. Das Lese- und Bildungsbedürfnis „versumpfte schließlich bei der geistigen Ermattung des letzten Kriegsjahres im so genannten Klapproman und in Büchern ausgesprochen erotischen Inhalts“, ergab eine Analyse aus den 20er-Jahren.

Wie fern die Literatur einem Soldaten aber auch durch den Krieg werden konnte, unterstreicht der Schriftsteller Erich Maria Remarque.

In seinem Roman „Im Westen nichts Neues“, der die Grausamkeit des Stellungs- und Grabenkrieges mit rund neun Millionen toten Soldaten beschreibt, lässt er seinen Ich-Erzähler Paul Bäumer im Heimaturlaub in sein Jugendzimmer zurückkehren. „Die Bücherrücken stehen nebeneinander. Ich kenne sie noch und erinnere mich, wie ich sie geordnet habe“, heißt es in dem Roman: „Ein fürchterliches Gefühl der Fremde steigt plötzlich in mir hoch. Ich kann nicht zurückfinden, ich bin ausgeschlossen ... Worte, Worte, Worte – sie erreichen mich nicht.“