Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Völker versöhnen

Was hat der Wilde Westen mit dem Frieden zu tun, den die Engel Gottes an Weihnachten dieser Erde versprechen? Ganz viel, wenn man die Welt aus den Augen des Erfolgsschriftstellers Karl May betrachtet. Versöhnung, Liebe und Frieden zwischen den Völkern waren seine Themen. 


Der Volksautor Karl May verstand sich zeit seines Lebens als Christ.

Viele kennen die Szenen noch aus den Filmen mit Pierre Brice und Lex Barker: Unter sanften, in die Höhe ansteigenden Geigenklängen reiten Old Shatterhand und sein roter Blutsbruder Winnetou über die Prärie. Sie besiegen die Bösen, schonen die Verbrecher, führen verfeindete Indianerstämme wieder zusammen und stiften Frieden, wo sie nur können.

Aber nicht nur die Filme eroberten die Herzen, auch die Bücher wurden regelrecht verschlungen. Manch einer lag mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, weil er den Ausgang des Abenteuers von Old Shatterhand und seinen Freunden wissen wollte. Mit einer Auflage in Deutschland von geschätzten 100 Millionen Exemplaren hat Karl May über 100 Jahre hinweg seine Geschichten vom Frieden zwischen den Menschen Generationen von Lesern mit auf den Lebensweg gegeben – auch wenn die Zahl der Karl-May-Fans inzwischen im Abnehmen begriffen ist. Frieden und Versöhnung: um diese Begriffe rankten sich Mays Erzählungen. Zur Reife gelangte diese Friedensbotschaft in einem der späteren Romane „Und Friede auf Erden“ (1904).

Aus seiner christlichen Prägung macht der Ich-Erzähler, der mal als Old Shatterhand, mal als Kara Ben Nemsi Effendi oder manchmal auch als Charlie auftritt, nie ein Geheimnis. Überall erkennt er im Menschen das Ebenbild Gottes, egal ob im Wilden Westen, im wilden Kurdistan oder in China.
Die Botschaft, die in den Abenteuern immer verwirklicht wird: Wo sich die Universaltugend der Liebe zeigt, da zeigt sich auch Gottes Geist. Jede Geiselnahme und jede Entführung beendet der Westmann Old Shatterhand daher ohne Blutvergießen. Ein Faustschlag an die Schläfe, der den Gegner handlungsunfähig macht, oder ein Schuss ins Knie ist das Höchste an Gewaltanwendung. Wenn Bösewichte sterben, werden sie meist durch eine höhere Gewalt gerichtet. Wo die Liebe ist, da ist Gott und da herrscht Friede. Unter diesem Aspekt hält May es für möglich, Schranken zwischen Völkern, Konfessionen und Religionen zu überwinden.

Gleichwohl hält er das Christentum am meisten dafür geeignet, diesen versöhnenden Ansatz umzusetzen. Daher ist es nur folgerichtig, dass der Apachenhäuptling Winnetou kurz vor seinem Tod in dem Band Winnetou III bekennt: „Schar-lieh, ich glaube an den Heiland, Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl.“

Dabei enthält sich Karl May jeder aufdringlichen Mission. Kara Ben Nemsi erklärt seinem muslimischen Diener Hadschi Halef Omar während einer Diskussion über den Glauben seine Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben: „So lass mir meinen Glauben wie ich dir den deinen lasse.“ Nach Mays Verständnis geht es im Glauben um die Tat, nicht um das Wort. Wer Güte, Toleranz und Liebe vorlebt, der verkündet Gott.

Die Indianer halten den Europäern einen Spiegel vor, wenn der Vater Winnetous, Häuptling Intschu-Tschuna, im Band Winnetou I sagt: „Ihr nennt euch Christen und sprecht immerfort von Liebe. Dabei aber sagt ihr: ihr könnt uns bestehlen und berauben; wir aber müssen ehrlich zu euch sein. Seid ihr nicht der Kain und wir sind der Abel, dessen Blut zum Himmel schreit?“

Ein Christentum, das nicht praktiziert wird, ist für Karl May wertlos. Umgekehrt gilt: Jeder, der Frieden stiftet und Feindesliebe übt, ist ein Christ, auch wenn er sich nicht so nennt. Immer wieder lässt der sächsische Lutheraner auch Platz für Gottes Gnade. Die Schurken, die manchmal unter Höllenqualen sterben wie der Gott lästernde Indianerschlächter Old Wabble, dessen Unterleib von einem Baum zerquetscht wird, bekommen bei May in letzter Minute noch die Chance zur inneren Umkehr. Old Wabble betet zum Schluss zu Gott um Vergebung und stirbt in Frieden. Fast schon klingt hier eine Allversöhnung an.

Das Vertrauen in die Gnade formuliert May in einem persönlichen Glaubensbekenntnis 1906 so: „Und ich glaube an das Gute im Menschen, an die Kraft der Nächstenliebe, an die Verbrüderung der Nationen, an die Zukunft des Menschengeschlechts.“

In ganz andere Kulturen überträgt May dieses Prinzip in seinem Roman „Und Friede auf Erden“, der in China spielt. Dort wird ein fanatischer Missionar von seinem Wahn geheilt, alle Völker bekehren zu müssen. Er entwickelt sich in der Geschichte zu einem Menschen, der China als eine Hochkultur anerkennt und deshalb auf religiöse Missionierung dieser Menschen verzichten kann. In einem Lehrgedicht, das der Missionar zu lesen bekommt, wird dies so zusammengefasst:
Tragt euer Evangelium hinaus, / doch ohne Kampf sei es der Welt beschieden. / Und seht ihr irgendwo ein Gotteshaus / so stehe es für euch im Völkerfrieden. / Gebt, was ihr bringt, doch bringt nur Liebe mit, / Das andre sei alles daheim geblieben. / Grad weil sie einst für euch den Tod erlitt, / Will sie durch euch nun weiter lieben.

In der Gestalt Jesu hat diese Liebe – so glaubt Karl May – den Tod erlitten. Und diese Liebe muss nun von den Christen in die Welt getragen werden, um alle Religionen miteinander zu versöhnen. Das ist die Botschaft des Roman-Autors, der aber in Bezug auf das Wesen der Welt so realistisch bleibt, dass er auch diesen Friedenroman mit einem eher düsteren Ende ausklingen lässt: nämlich mit der Nachricht, dass ein Krieg ausgebrochen ist.

Leid ist aber für May kein Grund zum Aufgeben. In seinem Roman „Weihnacht im Wilden Westen“ feiert Old Shatterhand mit Winnetou den Heiligen Abend. Der Häuptling verschenkt Gold-Nuggets an Bedürftige, eine Familie findet zu ihrem Frieden und zur Versöhnung zurück. Und der Freund Old Shatterhands stirbt mit einem Gedicht Karl Mays auf den Lippen, wo es heißt:
„Hat der Herr ein Leid gegeben, gibt er auch die Kraft dazu! / Bringt dir eine Last das Leben, trage nur und hoffe du! / Suchtest du noch im Verscheiden droben den Erlösungsstern, / wird er dich zur Wahrheit leiten und zur Herrlichkeit des Herrn.“