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Die Wartburg am Neckar

NECKARMÜHLBACH (Dekanat Mosbach) – Burg Guttenberg am Neckar kennt man vor allem wegen seiner Greifvögel und den spektakulären Flugvorführungen. Doch hinter der Kulisse der alten Ritterburg verbirgt sich auch ein interessantes Stück Reformationsgeschichte, mit einem evangelischen Selbstverständnis, das noch heute das Leben der Familie von Gemmingen bestimmt.

So sieht ein Burgherr aus: Freiherr Bernolph von Gemmingen in seinen Privatgemächern. (Foto: Gemeindeblatt)


Es läuft ein wenig anders, wenn sich ein Pfarrer in Neckarmühlbach um eine Stelle bewirbt. Seine Bewerbung richtet er zunächst an Baron Bernolph von Gemmingen (53), der ihn anschließend zum Gespräch auf die Burg bittet. Entspricht der Bewerber seinen Vorstellungen, dann schlägt er ihn dem Kirchengemeinderat vor. „Es gibt einen Tee und wir reden“, sagt der Burgherr schmunzelnd, „und weil sich zumeist nur einer bewirbt, fällt die Auswahl auch nicht schwer.“

Patronatsrecht nennt man ein derartiges Vorgehen, das aus den Zeiten stammt, als die Lehnsherren Eigentümer ihrer Dörfer waren. 15 solcher Patronatsrechte gibt es im Bereich der badischen Landeskirche noch. In Neckarmühlbach sind die von Gemmingen-Guttenbergs seit 1449 Herren auf der Burg. Die Burgkapelle ist bis heute gleichzeitig auch Gemeindekirche, der Gottesdienst findet fast immer in Anwesenheit der Adelsfamilie statt.

Es ist ein evangelischer Gottesdienst. Die Reformationsgeschichte der Burgherren ist fast so alt wie die Reformation selbst: An Weihnachten 1521 wurde „auf dem Guttenberg“ erstmals evangelisch gepredigt. Die Brüder Wolf, Philipp und Dietrich waren hin und weg von den Ideen Martin Luthers, Wolf ist dem Reformator sogar auf dem Reichstag in Worms persönlich begegnet.

Bernolph von Gemmingen öffnet die Tür zum Burgmuseum, spaziert an Ritterrüstungen und Turnierpferden vorbei in den zweiten Stock des alten Gemäuers. Einen eigenen Raum hat die Reformation bekommen. Besonders anschaulich wird alles, wenn die Familie bei Führungen selbst von diesen alten Zeiten erzählt. Etwa von jener Begebenheit, als Kaiser Karl V. die von Gemmingens bei einem Besuch in Heilbronn zwingen wollte, wieder zum alten Glauben zurückzukehren – und gleichzeitig andeutete, dass er gegen die Bezahlung von 3000 Gulden bereit wäre, es sich auch anders zu überlegen.

Die von Gemmingens bezahlten und blieben evangelisch, „bis heute“, wie Baron Bernolph ein wenig stolz hinterherschickt. Jahrhunderte lang war es völlig undenkbar, dass ein von Gemmingen eine Andersgläubige heiratet. Selbst Bernolphs Ehefrau Silke, die als erste Bürgerliche auf die Burg kam, erinnert sich, „dass es für meinen Schwiegervater eigentlich wichtiger war, dass ich evangelisch bin“.

15 Jahre lang war Freifrau Silke von Gemmingen Mitglied des Kirchengemeinderats und der Bezirkssynode. Erst seit Neckarmühlbach keinen eigenen Kirchengemeinderat mehr hat und mit der politischen Gemeinde Haßmersheim zusammengelegt wurde, gehört sie dem Gremium nicht mehr an. Bernolphs Vater Christoph saß fast lebenslang im Rat und auch seine Mutter Gabriele von Gemmingen, die noch heute fast 80-jährig auf der Burg lebt, war stets eine engagierte Protestantin.

Als die Reformation hohe Wellen schlug, war der Guttenberg ein Zufluchtsort der Protestanten im Südwesten. Rund 20 verfolgte evangelische Pfarrer kamen hierher, der berühmteste unter ihnen war Erhard Schnepf, den der Herzog von Württemberg später mit der Einführung der Reformation im nördlichen Landesteil beauftragen sollte. Als Burgherr Dietrich von Gemmingen starb, hielt Johannes Brenz die Leichenpredigt. „Wartburg am Neckar“ wird die Burg Guttenberg deshalb manchmal auch genannt. Ein Bollwerk des Protestantismus, dessen großes Glück es war, niemals zerstört zu werden: der Bauernkrieg, der Dreißigjährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg – alles ging an den von Gemmingens spurlos vorüber.

Heute haben die Burgherren mit ganz anderen Feinden zu kämpfen. Dem Verfall etwa oder den horrenden Heizkosten. Schon Bernolphs Großvater Gustav erkannte, dass man etwas tun muss, wenn man die Zukunft der Familie und der Burg sichern will. Er öffnete den Guttenberg für den Tourismus und machte den Namen bekannt, noch bevor ein Verteidigungsminister gleichen Namens ihn noch bekannter machen machen sollte. Mit Karl Theodor von Guttenberg ist man übrigens weder verwandt noch verschwägert, „die sind fränkisch und katholisch, wir schwäbisch und evangelisch,“ sagt Baron Bernolph.

Der eigentliche touristische Coup seiner Vorfahren war 1970 die Ansiedlung der Greifenwarte auf der Burg. Seither fliegen in der Saison täglich Dutzende von Adlern, Geiern, Eulen und Falken bei spektakulären Flugvorführungen über die Köpfe der Besucher hinweg. Sie ziehen ihre Kreise im malerischen Neckartal und fliegen aus dem badischen Neckarmühlbach über den Fluss in Richtung Gundelsheim und Württemberg. Die Burg liegt direkt an der alten badisch-württembergischen Grenze. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Gemmingen-Guttenbergs freie Reichsritter, dann wurden sie Teil des neugeschaffenen Großherzogtums Baden. So kam der Guttenberg schließlich auch zur Landeskirche nach Baden.

Das Patronatsrecht hat für Bernolph von Gemmingen auch den Vorteil, dass er einen direkten Draht zum Landesbischof und Oberkirchenrat besitzt. Einmal in Jahr treffen sich die adeligen Kirchenpatrone protestantischer Herkunft und tauschen sich mit der Kirchenleitung aus.

Die 17. Generation der Familie von Gemmingen lebt inzwischen auf Burg Guttenberg. Drei Kinder haben Bernolph und Silke, sie wohnen zwischen Jugendzimmer und Ritterrüstungen und natürlich muss auch das WLAN-Computernetz perfekt funktionieren.

70 Treppenstufen sind es bis zu den Wohnräumen im obersten Geschoss der Burg. Wer in Neckarmühlbach predigen will, muss diese Hürde nehmen. Spätestens dann hat man begriffen, was die Reformation eben auch war: ein steiler und steiniger Weg.