Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Begleiter hinter Gittern

SCHWÄBISCH HALL – „Der Knast macht keine besseren Menschen“, sagt Bernd Küllmer. Der Gefängnispfarrer plädiert für Vergebung und will das Reich Gottes auch im Gefängnis spürbar machen. Er wünscht sich, dass die Gefangenen später in der Freiheit wieder Fuß fassen.

Vergebung: Sie will der Pfarrer vermitteln, auch hinter den Gittern des Gefängnisses. (Foto:epd-Bild)



Deshalb sind einige Gefangene froh, dass im Gefängnis jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird. Etwa fünfzig Häftlinge kommen in den Andachtsraum im Keller der Haftanstalt. Die Decke ist niedrig, nur einige Glasbausteine lassen ein wenig natürliches Licht herein.

Nacheinander finden zwei getrennte Gottesdienste statt. Einer für die Untersuchungshäftlinge, die noch nicht von einem Gericht verurteilt worden sind, der zweite für die verurteilten Strafgefangenen. Den Gottesdienst besuchen auch „schwere Jungs“, die wegen Mordes verurteilt wurden und eine lebenslängliche Haftstrafe absitzen. Hinten in dem kleinen Saal unter einer riesigen Uhr mit Digitalanzeige sitzt eine JVA-Beamtin als Aufsicht.

Zu Beginn weist Pfarrer Bernd Küllmer darauf hin, dass die Gottesdienstbesucher während der Zeremonie keine Gespräche miteinander führen sollen. „Diejenigen, die in Andacht teilnehmen wollen, sollen nicht gestört werden“, erklärt der 62 Jahre alte evangelische Theologe. Die Gefangenen halten sich während der folgenden 45 Minuten daran. Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) sprechen sie konzentriert und laut mit.

Die Häftlinge singen mit dem Pfarrer bekannte und eingängige Lieder aus einem roten Gesangbuch, das speziell für Haftanstalten gemacht wurde. Es ist ähnlich aufgebaut wie das normale Gesangbuch der württembergischen Landeskirche. Aus einigen Büchern fehlen Seiten, die meist als Zigarettenpapier Verwendung fanden. Vorne neben dem einfachen Altar sitzt eine Organistin von „draußen“ – von außerhalb des Knasts. Die Organistin wird von zwei Häftlingen auf der Gitarre begleitet. Beide haben das Gitarrespielen im Gefängnis gelernt.

In seiner Predigt spricht Pfarrer Küllmer über den Zöllner Zachäus, der auf einen Baum gestiegen war, um den herankommenden Jesus besser sehen zu können. „Auch der Zöllner ist Abrahams Sohn, obwohl er ein Betrüger, ein Drecksack ist“, sagt Küllmer. Die klaren Worte kommen bei den Häftlingen an, einige nicken zustimmend mit dem Kopf. Viele der anwesenden Strafgefangenen gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Bernd Küllmer und sein katholischer Kollege Kurt Waidosch wechseln sich als Prediger ab. Die Häftlinge schätzen an Küllmer die ungeschminkten Worte und die Beispiele, die „mitten aus dem Leben gegriffen sind“.

„Ein Gefängnispfarrer kann viel helfen“, berichtet Bernhard S. (Name geändert). „Mit ihm kann ich Probleme besprechen, er kann auch draußen einige Sachen regeln“, sagt der 48-Jährige. „Wenn ich die Gespräche hier nicht hätte, wäre ich schon durchgedreht“, meint er. Im Knast hat er bereits die ganze Bibel durchgelesen. Bernhard S. sitzt seit sechs Jahren eine lebenslängliche Freiheitsstrafe ab. Verurteilt wurde er wegen gemeinschaftlichen Mordes. „Kaputt macht mich der Gedanke, dass ich unschuldig bin“, sagt der Mann. Zum Tatzeitpunkt sei er selbst ohnmächtig gewesen. Deshalb hofft er auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens und einen Freispruch. „Mittlerweile wäre es Zeit, dass Gott mich hier wieder rausholt“, sagt der Häftling.

Ein Ziel vor Augen hat auch Georg F. (Name geändert), dessen Zelle sich auf dem gleichen Stockwerk befindet wie die seines Kollegen. Der 54-Jährige wird in wenigen Wochen entlassen. Eineinhalb Jahre hat er dann unter anderem wegen Nötigung und Fahren ohne Fahrerlaubnis hinter Gittern verbracht. Besonders freut sich Georg F. darauf, wieder mit seiner minderjährigen Tochter zusammen leben zu können. Er vermisst das Mädchen sehr. Nach eigenen Worten trinkt und raucht Georg F. nicht, er nimmt auch keine Drogen. „Im Knast ist es wie im Kindergarten“, sagt er über die meist oberflächlichen Kontakte zu den meisten seiner Mitgefangenen.

Die Gottesdienste und die seelsorgerlichen Gespräche mit dem Pfarrer sind für Georg F. „mit die wichtigsten Termine in der Woche“. Regelmäßig bete er für seine Tochter und seine pflegebedürftigen Eltern. „Bei allem, was mit Kirche zu tun hat, bin ich hier dabei“, sagt er. „Es bringt mir etwas vom Kopf her, wenn man über persönliche Probleme und den Glauben spricht.“ In die Bibel schaut der gelernte Schlosser öfter rein. An den Werktagen ist er froh, dass er in der Gefängniswerkstatt als Schweißer arbeiten kann. Nach seiner Haftzeit will er auch „draußen“ mit seiner Tochter in die Kirche gehen. „In den Gottesdienst gehe ich mit viel Stress rein und komme ruhig wieder raus“, erzählt er von der positiven Wirkung.

Pfarrer Küllmer arbeitet seit 2005 als Gefängnisseelsorger in Schwäbisch Hall. Davor war er als Gemeindepfarrer in Tiefenbach tätig. Während dieser Zeit war er auch für den damals noch existierenden „Drogenknast“ in Crailsheim zuständig. Als Gefängnisseelsorger versucht Küllmer die Häftlinge nicht auf ihre Tat zu reduzieren, sondern sie als Person wahrnehmen. Allen versucht er respektvoll entgegenzutreten.

Gott sehe alle Menschen als seine Ebenbilder. Unter bestimmten Voraussetzungen könne jeder zum Täter werden. Besser als Strafe sei die Vergebung. Damit könne man die Spirale von Schuld und Strafe durchbrechen. „Das wäre das Reich Gottes, das Paradies auf Erden“, meint Küllmer. In seiner Arbeit versucht der Pfarrer, das „Reich Gottes auch im Knast spürbar zu machen“. Die Konfession eines Gefangenen spiele dabei keine Rolle. Er will auch dort ein Licht anzuzünden, wo der Häftling nur Dunkelheit sieht.

Vom Gefängnis als „Besserungsanstalt“ ist der Pfarrer nicht überzeugt. Er sieht aber auch keine bessere Alternative zum Freiheitsentzug. „Der Knast macht keine besseren Menschen“, sagt der Seelsorger. Er macht viel kaputt. Er hospitalisiert Menschen.

Eigentlich sollte der offene Vollzug der Regelvollzug sein. Von den 30 Plätzen im Freigang seien in Schwäbisch Hall aber nur elf belegt, kritisiert Küllmer. Viele Gefangene leiden darunter, dass „draußen alles den Bach runter geht“, während sie ihre Strafe absitzen. Viele Beziehungen gehen kaputt, bei vielen wird die Lebensgrundlage zerstört. Besonders rückfallgefährdet seien Drogenabhängige. Umso mehr freut sich Küllmer, wenn er draußen einen Ex-Häftling trifft, der es geschafft hat in der Freiheit Fuß zu fassen. Das motiviert ihn, in der JVA Schwäbisch Hall bis zu seiner Pensionierung in knapp drei Jahren, weiterhin seine ganze Kraft einzusetzen.