Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Gefühl von Sicherheit

FREUDENSTADT – „Null Toleranz gegen Gewalt an Flüchtlingsfrauen“. So lautet die Vorgabe eines ­Projektes der Diakonischen Bezirksstelle Freudenstadt und der Frauenhilfe. Es ist vorerst auf drei Jahre angelegt. Nach einem Jahr und trotz Rückgangs des Flüchtlingsstroms steht für die Beteiligten fest: Es war offensichtlich die richtige Entscheidung. 


Iris Wiedmaier an ihrem Schreibtisch - doch meistens ist sie in den gemeinschaftsunterkünften unterwegs. (Foto: Bärbel altendorf-Jehle)

Es ist für einige der Flüchtlingsfrauen eine neue Erfahrung, dass eine so hübsche junge Frau wie die Sozialpädagogin Iris Wiedmaier nicht verheiratet ist, aber mit einem Mann zusammenlebt. Dass sie noch keine Kinder hat  – und einen so angesehenen Beruf ausüben darf. Sie fassen jedoch, oder gerade deshalb, sehr schnell Vertrauen zu ihr. Das ist im Bezug auf die Polizei anders. Dass diese ihnen hilft und sie schützt, ist etwas, was die Frauen nur schwer glauben können.

 

 

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Frauen auf der Flucht sind oft Opfer von körperlicher Gewalt und sexuellen Übergriffen. Sie wurden in den Herkunftsländern als „Kriegsinstrumente“ eingesetzt und auf dem Fluchtweg an Fluchthelfer verkauft. Iris Wiedmaier hört viele grausige Lebensberichte. Von Frauen, die sich in ihren Ländern nach einer Vergewaltigung an die Polizei gewandt hatten – und von Polizeikräften wieder vergewaltigt wurden. Von lebensgefährlicher Flucht, die nach Ankunft in den Aufnahmeländern durch Verbrecherbanden in der Zwangsprostitution endete.

Als das Projekt „Null Toleranz gegen Gewalt an Flüchtlingsfrauen“ 2016 startete, war es geprägt von der Flüchtlingswelle. Anfänglich gab es oftmals keine speziellen Waschräume für Frauen. Die beengten Wohnverhältnisse, fehlende Tagesstruktur, ein hoher Anteil von männlichen Flüchtlingen begünstigen wiederum gewalttätige Übergriffe – und wieder waren Frauen die Leidtragenden. Iris Wiedmaier sagt: „Sie hatten Angst, wenn sie nachts alleine über einen Hof zur Toilette mussten.“

Zwischenzeitlich hat sich vieles zum Positiven verändert. Nach all der Hektik zu Beginn hat die Verwaltung nun Zeit, sich um solche Anliegen zu kümmern. Iris Wiedmaier ist Vermittlerin und Vertrauensperson für beide Seiten.

Die gewachsenen Strukturen der diakonischen Beratungsstelle mit den Fachbereichen der Flüchtlingsarbeit und der Schwangerenberatung bilden die Grundlage für die Umsetzung des Projekts. Die Idee dazu kam von der Frauenhilfe. Martina Sillmann erklärt: „Als Beratungsstelle für Frauen in Not, die von Gewalt betroffen sind oder Gewalt befürchten und dringend Hilfe suchen, können wir direkt in konkreten Fällen helfen“, sagt sie. Und: „Es gab allein im ersten Jahr schon sechs Beratungsfälle. Die Aufgabe der Frauenhilfe ist es aber auch, die Ehrenamtlichen und das betreuende Fachpersonal zu der Frage, wie sie mit dem Thema sensibel umgehen können, zu beraten.“

Ein Großteil ihrer Zeit steckt Iris Wiedmaier in die Aufklärung, nicht nur was die Rechte der Frauen in Deutschland anbelangt, sondern auch über den weiblichen Körper und die sexuelle Selbstbestimmung. Es sind aber auch ganz einfache, praktische Dinge, die sie an die Frauen weitergibt. Sie rät den Frauen aber beispielsweise auch, den eigenen Landsleuten nicht unbedingt immer zu trauen. Wenn diese sich beispielsweise für viel Geld als Dolmetscher anbieten, obwohl es bei der Diakonischen Bezirksstelle kostenlose Dolmetscher gibt.

Iris Wiedmaier sitzt wenig an ihrem Schreibtisch. Ihr Arbeitsplatz ist in den Gemeinschaftsunterkünften. Dort versucht sie Sicherheit für die Flüchtlingsfrauen zu erreichen. Spricht mit den Frauen am liebsten in deren Zimmern, der mittlerweile gewohnten Umgebung. Sie hat auch mehrere Frauencafés als Treffpunkt initiiert.

Wichtig ist für Iris Wiedmaier auch, die Öffentlichkeit für die Lage der geflüchteten Frauen zu sensibilisieren, und die Ehrenamtlichen in ihrer Arbeit zu unterstützen.

Insgesamt 34 Frauen, hauptsächlich aus Syrien, Afghanistan, Irak und Somalia, konnte bisher konkret geholfen werden. Das Projekt wird von der Deutschen Fernsehlotterie zu 80 Prozent gefördert. Die Kofinanzierung übernimmt die diakonische Bezirksstelle.

Geflüchtete Männer kritisieren ab und an, dass Frauen in Deutschland nicht nur gleichberechtigt seien, sondern mehr gefördert würden als Männer. Tatsächlich, meint Sozialpädagogin Iris Wiedmaier, wäre es wohl nicht schlecht, auch den Männern einen Mann zur Seite zu stellen, der ihnen hilft „ihr altes Rollenverständnis hinter sich zu lassen“, ihnen deutlich macht, wie in Deutschland mit Frauen umgegangen wird. Welche Rechte Frauen hier haben – und dass deutsche Männer dennoch oder gerade deshalb hier „ein hohes Ansehen“ genießen.


Weitere Informationen gibt es beim Diakonischen Werk Freudenstadt, Telefon 07441-88400, Internet: www.kirchenbezirk-freudenstadt.de