Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Lächeln nach der Geburt

Es ist die große Sehnsucht der Menschheit: Frieden. Und zwar Frieden auf Erden, nicht erst im Himmel. In einer Welt, die stets von Kriegen gebeutelt ist, heute wie vor 2000 Jahren, ist das Versprechen eines Friedens der Himmel auf Erden. Das stärkste Bild dafür: der Wolf neben dem Lamm. 


Ein schönes Zeichen des Friedens: der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, (links) und der katholische Stiftspropst Guenther Mandl bei einer Tiersegnung nach einer Bauernwallfahrt. (Foto: epd-bild)

„Stille Nacht, heilige Nacht“ gehört zu den weltweit bekanntesten Weihnachtsliedern. Man kann die Sprachen kaum noch zählen, in die es übersetzt wurde. Eines der beliebtesten Lieder. Je langsamer gesungen, desto stimmungsvoller, denke ich manchmal.

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Für mich ist es ein besonderes Lied. In mehrfacher Hinsicht. Das hat auch mit seinem Text zu tun. In der dritten Strophe kommt mir ein einzigartiges Bild entgegen, das mich geradezu entführt, und ich kann nichts dagegen machen. Ich will Ihnen das erklären. Es ist der Übergang von der zweiten zur dritten Liedzeile. Früher habe ich mir da wenig oder keine großen Gedanken gemacht, und darum schreib ich’s mal in Prosa: „Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Liebe aus Deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stunde, Christus, in Deiner Geburt.“

Das Lächeln des Kindes sehr bald nach der Geburt ist etwas ganz Besonderes. Für den römischen Dichter Vergil war das Lächeln eines frischgeborenen Kindes das Zeichen eines göttlichen Kindes. Diese Bild hat er in sein berühmtes viertes Hirtengedicht eingetragen. Und zwar zu einer Zeit – ohne diesen Zusammenhang verstehen wir das Wunder kaum – als nach dem Mord an Cäsar Italien immer noch von Bürgerkriegszuständen geradezu zerfleischt wurde. Die Wirtschaft lag am Boden, Gewalt herrschte überall. Vergil selbst und seine Familie hatten alles verloren, da schreibt er solche Gedichte. Augustus wird auf Vergils Verse aufmerksam und holt den klugen Dichter aus Mantua an seinen kaiserlichen Hof. Er lässt ihm alle künstlerische Freiheit, ein großer Gewinn. Augustus war es Jahre später als erstem Kaiser gelungen – nach insgesamt 90 fürchterlichen Jahren der Bürgerkriege und des Chaos – dem „Erdkreis“, also der Mittelmeerwelt, in seiner langen Regierungszeit relative Rechtssicherheit zu schenken, indem er systematisch für Freiheit sorgte: der Frieden wurde nach ihm benannt – die Pax Augusta. Bestand über 180 Jahre, kaum vorstellbar! Unter Augustus blüht dann Rom auf.

Damals begab es sich, „dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“, wie es beim Evangelisten Lukas in der Bibel heißt, und damals wurde Jesus von Nazareth geboren. Aber davon wusste Vergil gar nichts. Denn er starb vorher, im Jahr 19 vor Christus.

Doch Vergils Ruhm wuchs, als aus dem heidnischen Rom ein christliches geworden war, und sich nun Mönche dranmachten, antike Texte abzuschreiben. Den Frommen des Mittelalters hat es besonders diese einzigartige 4. Ekloge seiner Hirtengedichte, der Bucolica, angetan, und sie staunten über die Verse: „Nun kehrt wieder die Jungfrau, kehrt saturnische Herrschaft wieder zurück, nun wird neu ein Spross vom hohen Himmel herabgesandt. Begrüßt doch die Geburt des Knaben, mit dem die eiserne Weltzeit endet und rings in der Welt eine goldene aufsteigt.“

Diese kommende Welt malt Vergil aus: dieses goldene Zeitalter beginnt mit Frieden, der sogar den Tierfrieden mit einschließt. Kühe und Kälber fürchten nicht den Löwen. Von Giftschlangen und von giftigen Pflanzen gehen keinerlei Gefahren mehr aus. Das sind Bilder, wie sie doch ganz ähnlich für das messianische Reich in der Bibel bei Jesaja stehen. „Dann wird der Wolf beim Lamm zu Gast sein, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegen. Gemeinsam wachsen Kalb und Löwenjunges auf, ein kleiner Junge kann sie hüten. Kuh und Bärin sind Weidegenossen, ihre Jungen lagern zusammen. Der Löwe frisst dann Stroh wie das Rind. Der Säugling spielt beim Schlupfloch der Kobra, Kleinkind steckt die Hand in die Höhle der Kreuzotter.“

Jesaja spricht von einem zukünftigen Tierfrieden, und er entwirft eine gewaltfreie Sicht der Beziehungen zwischen Mensch und Tier und zwischen den Tieren untereinander. Gefährliche Tiere und gefährdete Lebewesen stehen einander gegenüber und doch zusammen. Der Tierfriede ist das Resultat einer „Entfeindung“. Das gefährliche Raubtier begibt sich zu dem schwächeren, um bei ihm als Gast zu sein. Wir können das durchaus symbolisch lesen. Schräger Vogel, großes Tier...“ hört man manchmal. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – jeder versteht’s. Mit Frieden ist ein „Wolf im Schafspelz“ nicht gemeint, das wäre das Gegenteil. Tiere, die bisher immer nur auf ihren Vorteil aus gewesen sind, lassen sich verwandeln, kommen weg vom Beuteschlagen, von ihrer Rücksichtslosigkeit. Auch sie erkennen Gottes Wesen, Jesaja kann vom folgenden Resultat nur schwärmen und verheißt: „Niemand übt Böses, stiftet Unheil: das Land wird von Erkenntnis des Herrn erfüllt sein so wie das Meer voll Wasser ist.“ Gottes Wesen erkennen: Gott ist die Liebe.

Christen haben Vergils prophetisches Gedicht vom Friedensreich als heidnischen Hinweis auf Weihnachten verstanden und geschätzt. Kaiser Konstantin der Große, die Kirchenväter, und dann Italiens großer Dichter Dante – für sie ist Vergil ein Prophet.

Ein Heide im Heiligen? Mit einer großen Büste im Chorgestühl des Ulmer Münsters hat man Vergil verewigt. Dieses eine Gedicht war der Beleg dafür, dass ganz unterschiedliche Kulturen, also die heidnisch-antike und die christliche, am entscheidenden Punkt zusammenpassen. Dass die Propheten des Judentums und die Weisen der Antike, wie Vergil sie in den Traditionen der Sibyllen-Orakel Süditaliens kennen gelernt hatte, auf ein Reich des Friedens als Ziel der Geschichte hinführen. Die Zukunft ist nicht einfach ein großes Und-so-weiter.

Wie sich die Bilder ähneln, über Abstände von Jahrhunderten und Kontinenten! Wie kann denn das überhaupt sein? Davon lasse ich mich immer wieder verzaubern. Ein lächelndes, neugeborenes Kind bei Vergil – und Jesajas „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter“.

Ich lese, ich sag’s lieber musikalisch: ich höre das zusammen, die Töne von beiden, von Jesaja und Vergil, wie eine Art Duett. Da sind Melodien einer immer breiter werdenden Abrüstung, bei beiden. Eine Symphonie des Wechsels geht auf. Der Wechsel vom eisernen, vom dunkeln Zeitalter, wo Egoismus und Gewalt und jeder gegen jeden das Leben bestimmen, hin zu dieser anderen, neuen Epoche, zum hellen Weltenjahr, mit Vergil Worten, zum goldenen Zeitalter, hin zum Licht.

Die Hoffnung bei beiden auf das Kommen des Friedensreiches – unser Beten mit Jesu Bitte „Dein Reich komme!“, wie bei beiden Tierfrieden ganz wichtig ist und wie er ausgemalt wird, wie beiden das Friedensreich mit einem Kind anbricht. Bei Vergil lächelt das neugeborene Kind.

Seine Töne höre ich wie so eine Kanonstimme zu Jesaja, eine Zweitstimme im Duett, viel mehr als bloß irgendein Echo. Zu den prächtigsten Handschriften aus dem Mittelalter zählt Vergils Gedicht.

Der Geist Gottes hat Jesaja einen Traum vom Frieden als Ziel der Geschichte übermittelt, und er wollte, dass wir den Traum kennen: Prophet Jesaja, sein Kapitel 11. Jesaja und Vergil haben nie Weihnachten gefeiert, aber von ihnen kommen im übertragenen Sinn Pinselstriche, Bilder, Melodien und Ideen, für das, was wir an Weihnachten feiern. Ich höre mit Freuden Musik, ich singe gern dieses Weihnachtslied – und was da alles mitschwingt. Vielleicht denken auch Sie daran, an dieses winzige Friedenszeichen, das durch Jahrtausende geht, wenn Sie das nächste Mal diese 3. Strophe singen: „Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt.“