Christliche Themen für jede Altersgruppe

Ein Stück Barmherzigkeit

NAGOLD – Er ist eine Erfolgsgeschichte und das schon seit zehn Jahren: der Kirchenmittagstisch „Leib und Seele“ in Nagold. Jeden Mittwoch gibt es ein warmes Mittagessen. 90 Prozent der Besucher sind Menschen, die zu wenig Geld haben. 


Wolfgang und Erika Fezer helfen regel­mäßig beim Kirchenmittagstisch mit. Ihnen bereitet die Arbeit große Freude. (Foto: Bärbel Altendorf-Jehle)

In Pfalzgrafenweiler wird einmal im Monat zu einem solchen Gemeindeessen eingeladen. Doch während sich dort die Bürger der Gemeinde treffen, um Gemeinschaft zu erleben und darunter nur selten Menschen mit schmalem Geldbeutel sind, kommen in Nagold jede Woche Menschen, die kein Geld haben oder einsam sind. In den meisten Fällen trifft beides zusammen.

Diesen Artikel jetzt im EVG-ePaper lesen

„Es sind jeden Mittwoch zwischen 40 und 50 Menschen zu Gast“, sagt Diakon Bernd Schmelzle, der Organisator und Ruhepol des Ganzen. Das Mittagessen von 11.30 bis 13 Uhr gibt es im Gümbel-Haus, Leonhardstraße 5. Es liegt in unmittelbarer Nähe zur mächtigen, evangelischen Nagolder Stadtkirche.

Seit zehn Jahren hat sich an diesem Angebot nichts geändert, außer der Tatsache, dass die Spenden über diesen langen Zeitraum rarer geworden sind. Während die zweiwöchige Vesperkirche, die in diesem Jahr vom 27. Januar bis zum 10. Februar stattfindet, sehr viele, oftmals auch prominente „Mitesser“ hat, fehlen diese „Solidaresser“, also Menschen, die mehr als fünf Euro bezahlen können, im Gümbel-Haus.

„Auch wenn uns der Sonnenbühl das Essen sehr günstig liefert, benötigen wir nach wie vor Sponsoren für diese Aktion“, betont Diakon Schmelzle. „Denn die Menschen, die auf das Angebot zurückgreifen, können in der Regel nicht einmal die fünf Euro bezahlen – meist legen sie nur einen oder zwei Euro in das Spendenkässle.“ So müssen jährlich rund 4000 Euro durch Spenden aufgebracht werden, um das Angebot aufrecht zu halten.

An diesem Mittwoch gibt es gefüllte Kalbsbrust mit goldgelben Spätzle und Gemüse. Der Nachtisch mit Creme und Sauerkirchen wird appetitlich im Glas serviert. „Es schmeckt prima und nicht nur heute“, sagt Pia V. „Ich komme, weil ich knapp bei Kasse bin und für das, was ich dann als meinen Beitrag zum Essen ins Kässle gebe, kann ich mir nicht einmal die Zutaten zu einem Mittagessen kaufen.“ Sie sitzt an einem Tisch mit Menschen, die sie im Laufe der Zeit kennen gelernt hat, wie beispielsweise Heinz S: „Meine Frau ist von heut auf morgen gestorben. Was soll ich da als Mann machen?“ Seine Tochter hat ihm abends vorgekocht, so dass er am nächsten Tag etwas zum Essen hatte. Doch das geht nicht immer.

Beim Mittagstisch hat er Anna B. kennen gelernt. „Wir leben jetzt zusammen“, sagt er und ergänzt: „Wir können uns gegenseitig stützen. Sie braucht keine Miete mehr zu bezahlen und meine Wohnung ist groß genug für uns beide.“ Sie unterstützen sich in der Trauerbewältigung, im Haushalt und beim Kochen. Doch den Mittagstisch besuchen sie weiterhin, denn beide genießen hier auch die Gemeinschaft.

Am nächsten Tisch sitzt Uta F. Auch sie hat wenig Geld, ein Besuch im Gasthaus ist da nicht drin. Doch gutes Essen, nette Gesellschaft und zuvorkommende Bedienung, das bekommt sie hier beim Kirchenmittagstisch. Für die schöne Atmosphäre sorgen rund 15 Mitarbeiter – manche von ihnen sind seit der ersten Stunde mit dabei. Weitere Mitstreiter sind jederzeit herzlich willkommen.

Eingeführt wurde der Mittagstisch vor zehn Jahren gemeinsam mit der Erlacher Höhe. Diese zog sich jedoch bald zurück, „weil sie das Projekt bei der Kirchengemeinde und der Diakonischen Bezirksstelle in Nagold in guten Händen wusste“, erzählt Bernd Schlanderer, Geschäftsführer des Diakonieverbandes Nördlicher Schwarzwald. Das zehnjährige Bestehen wird mit einem Gottesdienst am 19. Mai in der Nagolder Stadt­kirche gefeiert.

Marc Spies, Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Nagold: „Wir haben uns überlegt, künftig zumindest einmal im Monat einen Gast zum Mittagstisch einzuladen.“ Die Verantwortlichen denken dabei an Lokalprominenz aus der Politik, der Verwaltung, dem Gesundheitsbereich, Polizei und Justiz. Zum einen erhoffen sie sich dadurch mehr Öffentlichkeit und eine Sensibilisierung für das Thema Armut. Zum anderen hätten die Betroffenen dadurch selbst einmal die Möglichkeit,  mit solchen „Prominenten“ ins Gespräch zu kommen.

„Der Kirchenmittagstisch ,Leib und Seele‘ ist leider nach wie vor notwendig“, sagt Bernd Schlanderer. Er sei aber ein kleiner Mosaikstein im großen Bild der Barmherzigkeit.