Christliche Themen für jede Altersgruppe

Einander annehmen

Römer 15,4–13  (in Auszügen) Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. … Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Zum Predigttext für den dritten Advent: Römer 15,4?13.  Von Annegret Weigl

Annegret Weigl ist Pfarrerin in Erdmannhausen im Kirchenbezirk Marbach am Neckar. (Foto: privat)



„Du bist nicht mehr meine Freundin!“ Sichtlich erregt ruft meine Tochter diese Worte ihrer besten Freundin entgegen. Vor wenigen Minuten noch haben die beiden Dreijährigen harmonisch miteinander gespielt. Plötzlich ging es darum, wer von beiden dies oder das besser kann. Der Streit war entbrannt.

Zugegeben, als Mutter bin ich bisweilen genervt von den Reibereien und dem Kräftemessen der Kinder. Ich hätte es gern friedvoller, nicht nur im Advent. Und doch weiß ich: Es gehört zu unserer menschlichen Entwicklung dazu. Es wird nie ohne gehen, weil jeder Streit, jeder Vergleich etwas mit unserem Innersten zu tun hat. Oder wie es der Psychoanalytiker Erik H. Erikson beschreibt: „Identität ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet.“

Um Streit und den richtigen Umgang damit geht es auch im Römerbrief. Paulus geht auf den Streit zwischen Juden- und Heidenchristen in der römischen Gemeinde ein. Die Judenchristen fühlen sich auch im Glauben an Jesus Christus der Thora verpflichtet, halten die Speisevorschiften ein. Die Heidenchristen hingegen fühlen sich frei von solchen Vorschriften. Im Predigttext öffnet Paulus das Thema und fragt nach ihrem Umgang miteinander. Er selbst hat eine jüdische Vergangenheit, teilt aber die Auffassung der Heidenchristen. Beiden Gruppen redet er ins Gewissen: Allein die Liebe, wie sie Jesus vorgelebt hat, soll unser Leben prägen!

Paulus appelliert an ihre Toleranz und weckt Verständnis füreinander, er zielt auf Versöhnung. Friedvoll kommt Paulus daher und ist doch selbst in Konflikte verstrickt. Denken wir nur an das Apostelkonzil in Jerusalem im Jahr 48 n.Chr. oder an den Streit mit Petrus in Antiochien über die Frage nach der Tischgemeinschaft von Juden- und Heidenchristen. Nimmt man es genau, ist der Streit der Gemeinde in Rom aus dem Streit zwischen Petrus und Paulus entstanden. Petrus und seine Anhänger setzten damals zu einer „Gegenmission“ an, um die paulinische Gemeinde in Rom von ihrer Sichtweise zu überzeugen.

Und wie begegnet Paulus diesem Streit? Die Standpunkte sind ausgetauscht. Nun muss der Konflikt gelöst und beigelegt werden. Er fordert alle auf, einträchtig gesinnt zu sein, einmütig und wie mit einem Munde Gott zu loben und einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat. Oder anders formuliert: die Meinung des anderen stehen zu lassen, die eigenen Bedürfnisse auszusprechen und die des anderen zu kennen und zu berücksichtigen – auch wenn das bedeutet, dass Spannungen ausgehalten werden müssen! Denn es gilt, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen: Gott zu loben und Jesus als Vorbild zu ?nehmen.

Über die Ehebrecherin hat Jesus zu den Pharisäern gesagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“. Seine Worte können uns leiten. Paulus ist überzeugt: Wenn wir uns Christus nähern, kommen wir einander näher. Die in Jesus Christus sich offenbarende Liebe gestattet uns, der zu sein, der wir sind, und hilft uns, dies auch anderen zuzugestehen. Jeder ist in seiner Identität von Christus angenommen. Und wie zu einem Streit, so gehören auch zur Versöhnung mehrere dazu. Es liegt an jedem einzelnen, sich auf die gemeinsame Mitte Jesus Christus zu besinnen, daraus Kraft und Mut zu schöpfen und das Gespräch zu suchen.

Ja, einander anzunehmen ist aktive Arbeit. Es ist ein immerwährendes Ringen um Versöhnung, um eine friedliche Zukunft für alle Völker, Rassen und Religionen.
Hier können wir von den Kindern lernen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, sagt Jesus. Meine Tochter und ihre Freundin jedenfalls haben ihren Streit bald vergessen und spielen fröhlich weiter.


Gebet
Unter deinem weiten Himmel, Gott,
hast du uns alle versammelt.
Wie eine große Familie,
in der einer den anderen achtet,
egal, wie er lebt und was er glaubt.
In der wir aufeinander hören wollen,
voneinander lernen,
miteinander lachen
und teilen,
was uns Sorgen macht und was uns traurig stimmt.
Lass unser Miteinander gelingen
und erfülle unsere Gemeinschaft mit Liebe und Leben!
Darum bitten wir dich im Vertrauen auf Jesus Christus,
der uns nahe ist und bleibt,
und durch deinen Heiligen,
deinen Heil schenkenden Geist. Amen.

Aus: Eckhard Herrmann: „Neue Gebete für den Gottesdienst IV“, ?München 2017, S. 90.