Christliche Themen für jede Altersgruppe

Frauen unter sich

WAIBLINGEN – Frauen treffen sich regelmäßig im Nonnenkirchlein zur so genannten Frauen-Liturgie. Als Zusammenschluss von Feministinnen würde sich die kleine Gemeinschaft nicht bezeichnen. Doch einmal im Monat ganz ohne männliche Begleitung zu sein, ist ihnen sehr wichtig.


Bei der Frauenliturgie kommen die Teilnehmerinnen zur Ruhe, obwohl auch diskutiert wird. (Foto: Brigitte Jähnigen)

Zwei Tücher, eines rot, das andere lachsfarben, liegen auf dem Boden, Kerzen brennen am Altar, Frauen begrüßen und umarmen sich herzlich: Wer an diesem Abend im Spätherbst die kleine Kirche betritt, kennt sich. Im Schatten der großen Michaelskirche gelegen, wird das zwischen 1426 und 1510 gebaute Nonnenkirchlein mit seinem Netzgewölbe den Beginen zugeordnet.

Die Beginen, eine Art Orden von Frauen, die meist aus finanziellen Gründen nicht in reguläre Orden aufgenommen wurden, haben hier vermutlich Verstorbene für ihren letzten Weg zurecht gemacht – der Friedhof liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Historisch gesichert ist das zwar nicht, aber ein stimmiger Gedanke.

„Wenn wir Frauen von heute hier unsere Liturgie feiern, dann bleibt die Spiritualität über Jahrhunderte in diesen alten Mauern lebendig“, sagt Kornelia Minich. Die Diakonin setzt eine meditative Klaviermusik von der Konserve in Gang, zehn Frauen sitzen still, Kornelia Minich sagt: „Nach einer Woche voller Unruhe wollen wir tief ausatmen und neu Atem holen.“ Diesmal ist es das Thema „Zumutungen“, das betrachtet wird. Die Diakonin greift zu einer aktuellen Tageszeitung, liest Überschriften, kommentiert Texte. Berichtet wird unter anderem über einen Vergleich der Qualitäten schulischer Leistungen im Grundschulalter in verschiedenen Bundesländern, über Lebensmittelüberproduktionen, warum auf dem Cannstatter Wasen Dirndl getragen werden, wie der türkische Präsident Erdogan seine Bürger (ver-)führt. „Alles Zumutungen“, finden die Frauen.

Kornelia Minich sagt: „Zumutungen sprechen uns auf der emotionalen Ebene an.“ Allein das Wort habe einen negativen Klang. Doch im Wort selbst stecke auch die Herausforderung des Wortes „Mut“. Wer aber wem was zumute, läge in der Entscheidung jedes Menschen selbst, auch wenn der Handlungsspielraum mitunter eingeschränkt sei. Die Frauen singen, hören einen Text über eine kranke Frau aus Markus 5. Die Diakonin nimmt diese Frau als Beispiel für jede Frau. „Indem sie sich Jesus, einem in der Gesellschaft als Wunderheiler deklarierten Menschen, öffnet, erlangt sie neue Lebenskraft“, sagt die Diakonin.

Frauen heute sollen es doch „allen recht machen“. Die Anwesenden nicken. Weil das unmöglich ist, führe dieser Anspruch langfristig zu seelischer Instabilität. Die Frauen reden, diskutieren, jede hat ihre eigene Erfahrung. Und Kornelia Minich sagt: „Jesus war zu seiner Zeit für die meisten Menschen eine Zumutung.“

Als Zumutung im Positiven gibt die Diakonin den Frauen sieben Herausforderungen mit in den Alltag, die Heiner Geissler in seinem letzten Buch mit  dem Titel „Kann man noch Christ sein...“ formuliert hatte: den Hunger bekämpfen, weltweit für reines Trinkwasser sorgen, Obdachlosen eine Bleibe verschaffen, Flüchtlinge aufnehmen, Frierenden Kleidung geben, Kranke pflegen, Gefangene betreuen. Geissler, so die Theologin, habe gesagt: Wer zum Reich Gottes gehören will, müsse sich diesen Forderungen stellen. Soviel Zumutung macht nachdenklich. Mit Musik, Gesängen und dem Segen endet die Frauenliturgie.

Seitdem die Idee, eine liturgische Andacht nur für Frauen zu gestalten, vom Kirchentag mit dem Motto „Salz der Erde“ im Jahre 1999 nach Waiblingen gebracht wurde, hat ein fester Stamm daran festgehalten. „Beim damaligen Kirchentag gab es die ökumenische Frauenwerkstatt ‚Frauenspiritualität‘, daraus entwickelte sich diese Idee, eine Pfarrerin setzte sie um, und als eine Pfarrstelle wegfiel, haben wir die Frauenliturgie selbst in die Hand genommen“, sagt Diakonin Kornelia Minich. Ihr zur Seite steht ein Team, auf das sie sich verlassen kann. Als Veranstalter fungieren die Familien-Bildungsstätte und die evangelische Kirchengemeinde Waiblingen. „Ich finde hier meine Mitte“, sagt eine Liturgie-Teilnehmerin, eine andere bekommt „neue Impulse“, wieder eine andere findet „die Themen ganz toll“.

Nachdem der kleine Kreis seine Andacht unter dem Stichwort „Erwartungen“ im Dezember ausnahmsweise mit Männern geteilt hat, bleiben die Frauen im Januar wieder unter sich. Diskutiert wird am 12. Januar das Thema der Jahreslosung aus der Offenbarung 21,6 „Ich will den Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“. Die Andacht beginnt um 18.30 Uhr.