Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott hält das aus

Hiob 14,1–6  Der Mensch vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. (….) Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Impuls zum Predigttext für den drittletzten Sonntag im Kirchenjahr: Hiob 14,1–6.  Von Gerda Müller


Schlimme Nachrichten nennen wir oft Hiobsbotschaften. Hiobs Geschichte ist voller Hiobsbotschaften. Was er sich an Wohlstand und Besitz aufgebaut hat, zerstören marodierende, mordende Banden in wenigen Stunden. Damit nicht genug; durch eine Naturkatastrophe sterben seine geliebten sieben Söhne und seine drei Töchter. Wie kann ein Mensch dieses geballte Leid aushalten, ohne daran und an Gott zu zerbrechen? Der Angefochtene ist eine ursprüngliche Bedeutung von Hiobs Namen.

Hiobs Leidensgeschichte wird in der Bibel mit einer kaum zu überbietenden Dramatik erzählt. Sie macht mir klar: Seit Menschengedenken ist das Leid ungleich verteilt. In tiefem Schmerz klagt Hiob: Gott, warum lässt du dieses große Leid zu? Was habe ich falsch gemacht, dass du mich so hart anblickst? Warum zerrst du mich vor dein Gericht?

In unmittelbarer Nähe zu einem für uns Deutsche denkwürdigen und bedrückendem Datum lesen wir Hiobs Geschichte. Am 9. November 2018 gedenken wir der Reichspogromnacht vor 80 Jahren. Am 9. November 1938 zerstörten Nazis und viele Mitläufer Synagogen, es folgten Pogrome gegen Juden, Misshandlungen und Ermordungen. Am Ende stand der Holocaust, die Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Volks durch das System Adolf Hitlers. Die Frage Hiobs stellen wir uns 80 Jahre später noch immer: Warum ließ Gott dieses unsagbare Verbrechen und Leid an seinem Volk zu?

Warum lässt Gott Leiden zu? Das Buch Hiob gibt darauf keine abstrakte Antwort. Allerhöchstens die, dass Leid unerklärlich zu unserem Menschsein gehört. Vielmehr wird erzählt, wie Hiob leidet, mit seinem Leid umgeht und es bewältigt. Wohl deshalb beschäftigt das Schicksal des biblischen Hiobs so viele Künstler und Dichter. Die Psychologie und Philosophie setzen sich immer wieder damit auseinander, wie Hiob mit seinem Leiden und mit Gott umgeht.

Hiob hat treue Freunde. Aber ihre gut gemeinten Erklärungsversuche, warum es ihn so hart trifft, helfen ihm nicht. Was Hiob hilft, ist die Tatsache, dass sie sieben Tage und Nächte in stummer Solidarität bei ihm wachen. Zuhören und schweigen, statt erklären. Empathie zeigen, Angst und Trauer, die Wut und die Verzweiflung  miteinander aushalten, das ist es, was wir im Leid füreinander tun können.

Geht es einem so mies wie Hiob, ist es normal, auch auf Gott wütend zu sein. Rebellion wird zu harter Klage und Anklage. Das ist kein kleinliches Nörgeln. Nein, Hiob bäumt sich gegen Gott auf, weil er auch an Gott leidet. Der kommt ihm wie ein hartherziger, zorniger Richter vor. Doch Gott hält das alles aus: Hiobs Wut und Verzweiflung, Vorwürfe und Klagen. Vielleicht hat Gott ja auch sieben Tage und Nächte nur zugehört und geschwiegen. So wie die Freunde Hiobs. Vielleicht ist sogar unsere bittere Klage das ehrlichere Gebet zu Gott. Gott hält das aus.

So klagt Hiob: „Der Mensch lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe. Er geht auf wie eine Blume und welkt. Du, Gott, schaust auf ihn mit hartem Blick und legst ihm Schweres auf.“ Er hat ja recht. Vieles an unserem Leben ist vergänglich und mehr vergebliche Mühe und Unruhe als Lust. Ähnlich steht es in Psalm 90. Augustinus betete: Mein Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott.

Heute reden wir von der zunehmenden Arbeitsverdichtung, dem digitalen Stress oder der Rushhour des Lebens. Wenn ich mich als Getriebene fühle und alles nur Mühe und Pflicht ist, spüre ich diese Unruhe stark. Im November werden die Tage kurz. Es wird früh dunkel. Ende November denken wir an unsere Toten. Vielen wird da die Vergänglichkeit und Unruhe des Lebens noch schmerzlicher bewusst. Das ist der Novemberblues, die Zeit der Depression.

Hiobs Leid ist einmalig. Wer eine Krise durchmacht, wer an einer Krankheit leidet, trauert oder mit einer Depression kämpft, fühlt sich ihm dennoch nah. Hiobs Freunde und Gottes Verhalten zeigen: Wenn wir, die anderen, dann da bleiben, schweigen und zuhören, wenn wir die Klage und das Leid mitfühlend aushalten, sind wir echte Freunde.

Gebet
Wenn unsere Tage verdunkelt sind und unsere
Nächte finsterer als tausend Mitternächte,
so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt
eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt.
Er kann das dunkle Gestern in ein helles Morgen
verwandeln.
Amen

Martin Luther King