Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gott will nicht in den Kescher

ILLERTISSEN – Die Ulmer Pfarrerin Susanne Vetter bezaubert als ­einfältige Clownin Frida ihr Publikum. Auch beim ökumenischen ­Seniorennachmittag im bayerischen Illertissen. Ihr nächstes Programm ist bereits in Vorbereitung. 

Clownin Frida versucht, Gott am Telefon zu erreichen. Leider erfolglos (Foto: Rüdiger Bäßler)

Die Kittelschürze ist vorne falsch angeknöpft, die bunten Schuhe, Marke Pippi Langstrumpf, sind abgeschabt, ihr Gang schwankt, als stünde sie auf einem Schiff bei starkem Seegang. So tritt, noch verziert mit einer kugelrunden roten Nase, die Clowngestalt Frida vor ihr Publikum im evangelischen Gemeindehaus Illertissen. Dann die Frage, die zu dieser Figur passt, in der ein Kleinkind steckt, eine weltentrückte Träumerin und eine trottelige Naive: „Weiß jemand, wie Gott aussieht?“ Schweigen unter den 30 Seniorinnen und Senioren, die gerade vom Gartenfest neben der Kirche in den Gemeindesaal gekommen sind. „Hat ihn jemand gesehen?“ bohrt Frida nach.

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Susanne Vetter, die unter diesem Kostüm steckt und als Pfarrerin im Ulmer Bethesda-Krankenhaus arbeitet, das  auf Geriatrie spezialisiert ist, weiß, wie man ein Publikum einfängt. Die Clownschule in Ravensburg hat sie sich selber finanziert, damals, als sie spürte, dass sie älteren Menschen mit Humor noch näher kommen könnte als je zuvor. Und als ihr längst klar war: „Die Kirche muss sich was einfallen lassen.“

Gott, bemerkt eine Zuhörerin in Illertissen, sei in ihrem Herzen. Frida reißt die Augen auf. Groß und stark müsse Gott doch sein, „und trotzdem ist er im Herzen drinnen“. Sie kramt einen Kescher hervor, schwenkt ihn durch die Luft. „Ich glaub‘, dass der auch fliegen kann.“ Die Jagd im Gemeindesaal beginnt, und alle im Publikum haben nun kapiert, dass man dieser einfältigen Clownseele wird helfen müssen.

Per Internetsuche ist der Illertissener Pfarrer Hans-Joachim Scharrer auf Susanne Vetter gestoßen. Immer im Vorfeld des jährlichen örtlichen ökumenischen Seniorennachmittags sucht er nach einem Begleitprogramm. Illertissen ist mehrheitlich katholisch, aber auch dort ist längst verstanden worden, dass die Suche nach Gemeinsamkeiten weiter führt als Abgrenzung oder Konkurrenzdenken. Lächelnd und unter einer Menge Applaus wird Pfarrer Scharrer seinem Stargast am Ende des Programms Blumen schenken. Ein Honorar ist nicht fällig.

Erst einmal stellt Frida den Kescher in die Ecke und versucht, Gott mit einer Torte zu kriegen. Sie wird es mit einem Zauberspruch probieren, mit einem Telefonanruf, der, leider, über das Vorzimmer des Herrn nicht hinauskommt. Die Verzweiflung wächst. Aber am Ende des Programms, das den Titel „Ogottogott“ trägt, wird der Gesuchte doch noch gefunden. Die Zuhörer wissen dann auch, wofür die Textzettel für das Lied „Großer Gott, wir loben dich“ auf den Stühlen ausgelegt waren. Sie erfahren, dass Frida eine schöne Alt-Stimme hat und eine Querflöte mit wunderbarem Vibrato zu spielen vermag.

Susanne Vetter stolpert auf die Bühne, aber sie nimmt nicht denselben Rückweg. Wenn der Applaus verebbt ist, zieht sie die rote Nase ab, erklärt ihre Motivation, schwenkt in einen Gesprächston. Während sie sich für Seniorennachmittage buchen lässt, verrät sie später, schreibt sie bereits an einem Folgestück. Einen Titel gibt es noch nicht, aber ein Thema von Relevanz und Größe: den Tod.

Vor dem, sagt die Pfarrerin, könne man prima davonlaufen, gerade auch auf der Bühne. Wie erst das Tabu zum eigentlichen Schmerz wird, weiß sie aus ihrer täglichen Arbeit. Viele Klinikpatienten, die sie aufsuche, hätten ihr schon gesagt: „Ich spüre, ich sterbe gerade, aber meine Angehörigen wollen alle nicht darüber sprechen.“ Susanne Vetter weiß: Das Lachen, gerade in prekären oder bedrückenden Situationen des Lebens, kann ein Eisbrecher sein. Eine Clownfigur, die zur Vermittlerin und Trösterin in höchster Not wird. Das klingt nach einem wunderbaren Ziel. 


Kontakt per Mail: susanne.vetter@elkw.de