Christliche Themen für jede Altersgruppe

Himmel oder Hölle

BLAUBEUREN – Noch mit 68 Jahren wurde Matthäus Alber, der Luther Schwabens, zum Rektor der neu gegründeten Klosterschule in Blaubeuren ernannt. Margot Autenrieth-Kronenthaler macht einen Rundgang  auf den Spuren der Reformation – und wird fündig. 

Interessiert lauschen die Gäste den Ausführungen von Margot Autenrieth-Kronenthaler. (Foto: Dorothee Schöpfer)


Unergründlich und geheimnisvoll liegt er da. Selbst an diesem grauen Februartag besitzt der Blautopf eine magische Ausstrahlung. Die blau schimmernde Karstquelle zieht jährlich rund eine halbe Million Besucher nach Blaubeuren. Die rund 60 Menschen, die jetzt in der evangelischen Stadtkirche stehen, sind aber nicht wegen des tiefgründigen Wassers nach Blaubeuren gekommen. Die „Spuren der Reformation“ ist heute das Thema von Gästeführerin Margot Autenrieth-Kronenthaler. Die temperamentvolle Frau mit dem bunten Schal macht nicht nur Führungen, sondern berichtet auch für das Gemeindeblatt aus den Gemeinden des Dekanats Blaubeuren.

„Das mittelalterliche Denken lässt sich sehr gut an diesem Kreuzigungsfresko ablesen, schauen Sie genau hin“, sagt sie zu Beginn des eineinhalbstündigen Rundgangs. Das Fresko aus der Mitte des 15. Jahrhunderts zeigt den gekreuzigten Jesus und die beiden Schächer an seiner Seite. Beide hauchen ihre Seele aus, doch während über dem reuigen Sünder ein Engel gemalt ist, wartet über dem anderen der Teufel. „Himmel oder Hölle – das ist für den mitteltalterlichen Menschen die entscheidende Frage. Auch Martin Luther hat die Angst vor der Hölle ins Kloster getrieben“, so Margot Autenrieth.

Ein paar Schritte weiter ist Martin Luther auf einem Tafelbild zu sehen: Der Neubronner Altar, datiert auf 1520, zeigt das Antlitz des Reformators an zentraler Stelle. „Dass der Blick direkt auf Jesus gerichtet ist, steht für die neue Sicht Luthers“, erklärt die Stadtführerin. Ein betagtes Ehepaar läuft zwischen den Kirchenbänken umher. „Ich wurde in dieser Kirche konfirmiert“, erzählt der Mann. „Damals saßen die Mädchen und die Jungen noch getrennt. Ich habe weniger auf den Luther geschaut, sondern nach den Mädchen gespickelt“, erinnert er sich. „Das schreiben sie aber nicht, gell.“

Die evangelische Stadtkirche in Blaubeuren ist auch eine Wirkungsstätte von Matthäus Alber, dem 1495 in Reutlingen geborenen „Luther Schwabens“. Der Theologe gehört zum Freundeskreis von Philipp Melanchthon, reist mit diesem 1518 nach Wittenberg, liest noch vor Luthers Übersetzung auf deutsch aus der Bibel – „und zwar stundenlang, damals ging das noch“, sagt Autenrieth-Kronenthaler.
Der von Alber reformierte Gottesdienstablauf wird zur Blaupause für ganz Württemberg. In der Stadtkirche hat Alber, der in Blaubeuren mit 68 Jahren zum ersten Vorsteher der neu gegründeten Klosterschule wird, oft gepredigt.

Dort liegt er auch begraben. Eine Gedenktafel an der Wand aus dem Jahr 1966 erinnert im Kirchenraum an den Reformator. Margot Autenrieth hat einen Schlüssel für die Sakristei dabei und zeigt den Besuchern dort ein Totengedenkbild, auf dem die ganze Familie Alber mit allen zehn Töchtern und Söhnen samt den zwei früh verstorbenen Kindern zu sehen ist. Zu den Nachfahren des Reformators zählen große Namen, weiß die Gästeführerin: „Schiller und Hegel gehören dazu, genauso wie Ludwig Uhland und Wilhelm Hauff. Aber auch Richard von Weizäcker, Edzard Reuter, Max Planck und Grace Kelly stammen von Matthäus Alber ab.“

Ein paar Schritte weiter durch die mittelalterlich anmutende Altstadt muss irgendwo das Haus von Johannes Magenbuch gestanden haben. „Der Stadtarchivar hat mir versichert, dass es irgendwo in dem Viertel zwischen Hirsch- und Gerbergasse war“, erzählt Margot Autenrieth-Kronenthaler.
Magenbuch stammte aus einer wohlhabenden Blaubeurer Familie. Er hat es als Mediziner bis zum Leibarzt des Kaisers gebracht, auch Luthers „sauren Magen“ hat der Arzt und glühende Anhänger der Reformation behandelt. Die Aufzeichnung der Krankengeschichte, die Anamnese, geht auf Magenbuch zurück.

Es geht weiter zum Matthäus-Alber-Haus, ein prächtiges Fachwerk-Gebäude aus dem Jahr 1602. Bis 1965 war hier der Sitz des Dekanats, dann erschien es der Frau des damaligen Dekans als zu wenig wohnlich. Heute ist hier das Gemeindehaus untergebracht.

Der Gang durch das Klostergässle führt mitten hinein in die eindrucksvolle Anlage des ehemaligen Benediktinerklosters, das zu Zeiten der Reformation in einer Klosterschule umgewandelt wurde. Noch heute lernen 80 Internatsschülerinnen und Schüler hier Altgriechisch und Latein. Nur beginnen längst nicht mehr alle nach dem Abitur ein Theologiestudium.

Günther Herzog war vor vielen Jahren Seminarist. Heute ist der Pfarrer im Ruhestand zusammen mit seiner Frau Brigitte, seinem Bruder und seiner Schwägerin Ingeborg bei der Führung zu Besuch in seiner ehemaligen Schule. „Ja, da ging es rauf“, erinnert er sich, als er am Eingang auf die Treppe nach oben schaut.

„Die Reformation fiel mitten in die Blütezeit des Klosters“, erzählt Margot Autenrieth. Die Erneuerung der Gebäude des Benediktinerklosters war 1510 abgeschlossen, 24 Jahre später führte Herzog Ulrich die Reformation in seinem Herrschaftsgebiet ein, 1536 mussten die Mönche das Kloster verlassen. Nur die alten und schwachen durften noch bleiben.

1549 kehrten die Mönche allerdings für kurze Zeit wieder zurück – denn aufgrund des so genannten „Augsburger Interims“ war die Reformation erst einmal gestoppt. Erst wenige Jahre später wurde Blaubeuren und das Kloster endgültig protestantisch.

Die Idee, aus den ehemaligen Männerklöstern in Württemberg Ausbildungsstätten für zukünftige Pfarrer zu machen, geht auf Martin Luther zurück und wurde von Johannes Brenz weiterentwickelt. Rohstoffe gibt es in Württemberg bekanntlich wenig, deshalb war es umso wichtiger, Talente zu sichten und auszubilden. Viele große Geister Württembergs, von Hölderlin bis Hesse, haben ihre Schulzeit in einem evangelischen Seminar verbracht.

Zum ersten Rektor des evangelischen Seminars in Blaubeuren wurde Matthäus Alber ernannt. Er war als Lehrer beliebt, „hat die armen Studiosen gleich wie seine Kinder väterlich geliebet und gerne befördert“. Vor allem aber hatte er die Weitsicht, sich den Anweisungen von Herzog Christoph zu widersetzen.

Die Vorgabe, den prächtigen Hochaltar im Mönchschor abzureißen und das Gold einzuschmelzen, hat er einfach ignoriert. Ein Verfahren, das sich nach Ansicht des heutigen Schulleiters Pleitner absolut bewährt hat: „Man sollte nicht alles sofort in die Tat umsetzen, was in Stuttgart gewünscht wird“, zitiert Margot Autenrieth den Ephesus.

Die Klosterkirche von Blaubeuren mit dem geretteten Altar ist eine Augenweide. Das spätgotische, doppelflügelige Prachtsstück fügt sich wie ein Puzzleteil in das harmonische Gefüge des sakralen Raums mit dem geschnitzten Chorgestühl ein. Wer ganz genau hinsieht, kann auch die Spuren von frühen Seminaristen entdecken: Jahrhundertealtes Graffiti „ziert“ die Wände. Auch später haben die Klosterschüler noch manchen Unfug getrieben, weiß Margot Autenrieth-Kronenthaler. Als 1980 der damalige Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg zu Besuch war, bekam er einen Eimer Wasser über den Kopf geleert. „Sie haben es jetzt geschafft – ohne Dusche“ entlässt die Gästeführerin ihre Zuhörer.