Christliche Themen für jede Altersgruppe

Im Rotlichtviertel sehen lernen

STUTTGART – Arm dran sind nicht nur Menschen, die weder Geld, Arbeit noch ein Dach über dem Kopf haben. Unter dem Titel „Jenseits von schön und teuer“ öffnet Pfarrer Heinz Gerstlauer den Blick für die Not derer, die man bei einem gewöhnlichen Gang durch die Stadt gern übersieht. 

Die Mitglieder des Stuttgarter Gebets erkunden mit Pfarrer Heinz Gerstlauer die Brennpunktviertel von Stuttgart. (Foto: Julia Lutzeyer)


An einem frühen Abend kommen auf dem Stuttgarter Wilhelmsplatz gut und gern 40 Leute unterschiedlichen Alters zusammen. Zwei junge Ordensschwestern stechen mit grauer Tracht und weißen Hauben heraus. Dennoch fällt die Gruppe nicht weiter auf: Sie könnte sich zu einer Stadtführung treffen. Und genau so ist es. Nur dass die Menschentraube nicht dorthin geleitet wird, wo es Historisches und Repräsentatives zu bestaunen gibt. Vom ehemaligen Richtplatz außerhalb der alten Stadtmauern lenkt Heinz Gerstlauer, der Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva)  den Blick der Teilnehmer von der ersten Sekunde an auf die sozialen Brennpunkte der Landeshauptstadt.

„Hier, im Herold-Center, ist die Zentrale Schuldnerberatung untergebracht.“ Wer weiß das schon? Hoffentlich die, die keine Ahnung haben, wie sie die nächste fällige Rückstandsrate zusammenkratzen. Sie finden bei dieser Einrichtung Hilfe. „Auch das Jugendamt befindet sich am Wilhelmsplatz“, ergänzt Gerstlauer. „Die angrenzende Leonhardsgemeinde ist gespalten: Mit dem Straßenstrich – fest in osteuropäischer Hand – ist die unterste Gesellschaftsschicht vertreten, oben in Halbhöhenlage das Bürgertum. Die Leonhardskirche ist im Winter Vesperkirche.“

„Ich laufe schnell“, kündigt Gerstlauer an, bevor es zum Rotlichtviertel geht. Noch schneller ist sein Sprechtempo: Kurze Sätze, viel Gehalt, ohne Scheu, keine Wertung. „Bei der alt-katholischen Katharinenkirche befindet sich ein Stundenhotel, buchbar übrigens von Männern wie Frauen.“ Die Prostitution rund um die Leonhardstraße beschreibt er als ein Geschäft des Billigmarktes. „Ein halbes Jahr sind die Frauen und Mädchen an einem Ort, dann ziehen sie weiter. Organisiert ist die Szene in Familienclans. ,Einen Zuhälter habe ich nicht‘, sagen die Mädchen. Es sind die Väter und Brüder, die abkassieren und die Pässe einbehalten.“ Starker Tobak. Auch von geschätzt 300 Strichern erzählt der Pfarrer: „Früher standen sie am Planetarium.“ Ein Zucken geht durch die Menschentraube, als er sagt: „Das Einstiegsalter liegt bei zehn Jahren: Junge Hintern sind begehrt.“

Später, wenn in den Räumlichkeiten der eva die Gebete für Stuttgart gesprochen werden, kehren diese Schreckensnachrichten wieder. Verwandelt in Fürbitten: „Jesus, wir bitten dich, dass die Prostituierten die Chance erhalten, ein anderes Los anzunehmen“ oder „Ich bitte für die männlichen Prostituierten: Schütze sie vor Krankheit und Gewalt“. Ein Wunsch trifft den Kern der Stadtbegehung: „Lass uns das Hinschauen lernen, stärker als bisher.“ Noch mitten im urbanen Getümmel sagt Gabriele Opitz, Mitorganisatorin der 2001 ins Leben gerufenen Reihe „Gebet für Stuttgart“: „Uns geht es darum, informiert zu beten.“ Hinter dem überkonfessionellen Angebot stehen Christen mit evangelischem, freikirchlichem und katholischem Hintergrund. Der eva-Chef Heinz Gerstlauer sagt: „Glaube kommt aus dem Hören, Diakonie aus dem Sehen.“

Selbst im Schatten gibt es lichte Punkte: etwa das von der Caritas betriebene Café La Strada für weibliche oder die Bar Strich-Punkt für männliche Prostituierte. Hier können sie duschen, etwas essen, durchatmen, sich aussprechen. Doch reicht das aus? „Viele, die anschaffen, sind nicht unfromm und geistlich durchaus bedürftig“, wirft Gerstlauer in die Runde.

Bei Anekdoten wie die vom Reutlinger Hells-Angels-Chef, der zu seiner kirchlichen Hochzeit eine ganze Armada an Rockern dabei hatte, atmen die Zuhörer durch. Die Stuttgarter Hells Angels haben in der Weberstraße Quartier bezogen. „Mit Galgen als Erkennungszeichen, eine Referenz an die historische Hinrichtungsstätte.“ Außerdem in der Gasse mit der ältesten Hauszeile zu finden: der Schwäbische Heimatbund. „Eine erstklassige Adresse für Brauchtum und empirische Kulturwissenschaften“, sagt Gerstlauer.

Die Überquerung von zehn Fahrbahnen bringt die Gruppe in eine andere Welt: Hinüber zur Torstraße und zum Josef-Hirn-Platz. In nächster Nähe zu Hegels Geburtshaus gibt es vor allem eines zu sehen: Leuchtreklame für Spielcasinos. Ein Paradies für Zocker! Ihre Hölle! Rund um die Uhr geöffnet. „14 Milliarden Euro pro Jahr werden in Deutschland in diesem Markt umgesetzt“, sagt Gerstlauer. Während das aufs Zufallsprinzip fußende Glücksspiel fest in staatlicher Hand ist, sei der Markt der piependen und blinkenden Automaten heiß umkämpft. „Das Hinterherjagen nach dem Glück und dem schnellen Gewinn macht viele süchtig und krank. Gerade Schüler, Azubis und junge Migranten sind dafür anfällig.“ Wenig tröstlich, dass bei Geschicklichkeitsspielen, etwa am Einarmigen Banditen, der Einsatz auf 29 Euro pro Stunde begrenzt ist. Der Hinweis, dass die Evangelische Diakonie eng mit der Spielbank in Stuttgart-Möhringen zusammenarbeitet führt zu verwunderten Gesichtern. Gerstlauer erklärt: „Jede Spielbank muss ein Sozialkonzept vorlegen.“ Darin geht es nicht nur um Zutrittskontrollen, sondern auch um Suchtprävention.

Auch die Spielsucht wird bei den anschließenden Gebeten im Haus der eva Nachhall finden. Eine der Kreuzstationen ist der Sucht gewidmet. Die Idee für diese viergeteilte Gebetssituation, bei der die Teilnehmer über einer kreuzförmigen Bodenmarkierung für mehr Wohnraum, intakte Familien, Flüchtlinge und die Befreiung von Süchten beten, stammt von den Franziskanerinnen von Sießen und damit aus der katholischen Liturgie.

Noch ist die Gruppe auf der Straße: Nur wenig Gemurmel ist zu hören, wenn sie weiterzieht. Viele schweigen, sortieren ihre Gedanken, verarbeiten die Einblicke. Zwischenstopp am Drei-Farben-Haus, wie das in den französischen Nationalfarben gestrichene Laufhaus im Volksmund heißt. „Eine Frau hat es gegründet. Bis heute funktioniert es ohne Zuhälter.“ Verglichen mit dem Straßenstrich im Leonhardsviertel seien die Zustände darin geradezu rosig, meint Gerstlauer. „Wie immer empfehle ich eine Erkundung zu Informationszwecken: Hingucken, dann beten!“

Vom Marktplatz biegt der Trupp in die Schulstraße ein. „Ganze Pendlerströme werden in dieser Fressgasse verköstigt“, sagt Gerstlauer und steuert ein neues Thema an. Armut! Obdachlosigkeit! „Betteln ist ein Geschäft. Wie bei einem Bäcker oder Metzger zählen drei Faktoren: Standort! Standort! Standort!“ Deswegen seien die besten Plätze schon früh um 7 Uhr belegt, lange bevor die Geschäfte öffneten. Dass es in Stuttgart kein Bettelverbot gibt, hält er für richtig. „Bei uns wird niemand vertrieben.“ Aber wie bei der Obdachlosen- und Drogen-Szene achte die Polizei darauf, die Kontrolle zu behalten.

„Überhaupt die Polizei: Die macht zu 40 Prozent Sozialarbeit“, sagt der sonst so pragmatisch klingende Pfarrer geradezu schwärmerisch. Dass Stuttgart alles in allem ein friedliches und tolerantes Pflaster sei, liege nicht nur an der guten Wirtschaftslage, am Wohlstand weiter Teile der Bevölkerung mit spürbar christlicher Prägung, das liege auch am überlegten Vorgehen der Ordnungshüter. „Herr wir danken dir, dass wir ohne Angst durch die Stadt gehen konnten“, wird es nach der Stadtführung im eva-Versammlungssaal heißen.