Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Jede Trauer ist anders“

STUTTGART – Ein Schicksalsschlag hat dazu geführt, dass Erna B. (Name geändert) ihr Leben komplett neu ordnen musste: Vor 18 Jahren kam ihr Mann bei einem Unfall ums Leben. Nach einer langen Zeit der Trauer beschloss die 70-Jährige, ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben – und machte eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin. Ein persönlicher Rückblick.  Aufgezeichnet von Franciska Bohl


Plötzlich alleine: Menschen, die ihren Partner verloren Haben, müssen ihr Leben von Grund auf neu ordnen und lernen, mit dem Verlust fertig zu werden. (Foto: epd-bild)
 
An diesem Tag im Mai, vor 18 Jahren, hat sich für mich alles verändert. Mein Mann Justus (Name geändert) und ich waren zusammen in Frankreich im Urlaub, auf den Spuren unserer Hochzeitsreise. Der Ort, in dem das Ganze passiert ist, war für uns nur Durchgangsstation, wir wollten am nächsten Tag weiterfahren. Dort haben wir eine Straße überquert, Hand in Hand. Der Weg war frei, doch dann habe ich gehört, wie aus dem Nichts ein Auto herangebraust kommt. Ich blieb mitten auf der Straße stehen, weiß noch, dass ich laut geschrien habe. Dann wurden wir auseinandergerissen. Das Auto erfasste ihn sofort, kurz bevor er den Bürgersteig erreichte. Mir ist dabei nichts passiert.

 

 

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„Du reagierst immer so spontan“, damit hat mich mein Mann, der selbst ein rational denkender Mensch war, immer wieder aufgezogen. In diesem Fall hat mir der Instinkt das Leben gerettet – und er kam um. Der Fahrer ist geflüchtet. Später hat man herausgefunden, dass er alkoholisiert war und unter Drogeneinfluss stand. Es war ein Albtraum, ich sah sofort, dass er tot war. Ich konnte kaum Französisch und mich mit der Polizei und den Sanitätern nur schlecht verständigen. Telefonisch habe ich versucht, unsere Familie zu erreichen. Mein Schwager kam später nach und hat für mich gedolmetscht.

Von meinem Mann konnte ich nicht Abschied nehmen, die anderen haben mich nicht mehr zu ihm gelassen. Man wollte mir seinen Anblick nicht zumuten. Dabei war ich bei dem Umfall ja selbst dabei, hatte ja schon gesehen, wie er leblos auf der Straße lag.

Die nächsten Tage und Wochen zuhause habe ich nur noch funktioniert. Zehn Tage nach dem Unfall fand die Beisetzung statt. Ich wusste, dass Justus eine Erdbestattung möchte, wir hatten bei einem Todesfall in der Familie darüber gesprochen. Einige Stellen in unserer Bibel hatte mein Mann mal markiert, die habe ich für die Beerdigung verwendet. Ich wollte alles alleine und in seinem Sinne organisieren.

Der Zusammenbruch kam nach einem halben Jahr. Ich hatte das Gefühl, ich bin nur 50 Prozent von dem, was mich ausgemacht hat. Mein Mann Justus und ich hatten eine sehr gute Beziehung geführt. Ich würde ihn jederzeit wieder als Mann nehmen. Wir kamen beide aus christlichen Elternhäusern. Ich habe im Kirchenchor gesungen, er jahrelang die Jungschar geleitet und aufgebaut. Kennengelernt hatten wir uns bei einer Freizeit des Evangelischen Jugendwerks. Als ich ihn das erste Mal sah, hatte ich sofort Schmetterlinge im Bauch. Er hatte eine tolle Ausstrahlung, konnte den Alleinunterhalter spielen – war auf der anderen Seite aber auch ein kreativer und nachdenklicher Mensch, der sich gerne zwischendurch zurückzog.

Wir haben uns danach Briefe geschrieben, irgendwann hat er mich zu einem Viertele Wein eingeladen. Als ich 23 war, haben wir geheiratet. Justus hat mich immer, auch in meinem Beruf als kaufmännische Angestellte, unterstützt, mir Sicherheit gegeben. Durch ihn habe ich mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Die ersten Jahre nach seinem Tod habe ich 15 Kilo abgenommen. Ich konnte nicht mehr musizieren, weder Klavier noch Blockflöte spielen. Glücklicherweise hatte ich viel Unterstützung von Familie und Freunden. Morgens habe ich zu Gott gebetet, dass er mir die Kraft gibt, den Tag irgendwie zu überstehen. Ich habe viele Bücher zum Thema Trauerbewältigung gelesen. Irgendwann bin ich auf das Angebot von Trauergruppen gestoßen. Die Begegnungen dort haben mir sehr gut getan.

Ein paar Jahre später entstand dann der Gedanke: Wenn ich selbst mal stabiler bin, möchte ich das, was ich erfahren habe, an andere weitergeben. Sieben Jahre nach seinem Tod habe ich eine Ausbildung als Trauerbegleiterin gemacht – und zehn Jahre lang die Gruppen geleitet. Mir war dabei wichtig, dass andere Betroffene auch nach fünf Jahren noch kommen und ihre Tränen fließen lassen dürfen. Dass jemand da ist, der das aushält. Jede Trauer ist anders, es gibt kein richtig oder falsch.

Mir selbst geht es heute viel besser, auch wenn ich nicht mehr die Alte bin. Unsere Geburtstage, Ostern und Weihnachten feiere ich am liebsten alleine. Aber die Dankbarkeit ist größer geworden. Ich bin froh, dass mein Mann und ich eine so gute Beziehung geführt haben und unseren Lebensweg gemeinsam gestalten durften. Das ist ein großes Geschenk.


Information

Im Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstraße 33, beginnen jetzt drei neue Gesprächsgruppen für Menschen in Trauer. Frauen, die um ihren Partner trauern, sind am 6. November, 19 Uhr eingeladen. Die Gruppe für Eltern, die um ein Kind trauern, beginnt am 14. November, 19.30 Uhr. Eine neue Gruppe zum Thema „Trauer nach Schwangerschaftsabbruch“ beginnt am 16. November und wird am 11. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, fortgesetzt. Die weiteren Termine dafür werden unter den Teilnehmern vereinbart. Prälat im Ruhestand Martin Klumpp leitet die Gruppen, zusammen mit Christian Goth und Adelheid Kummerow. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Informationen unter Telefon 0711-7676588 oder 0152-29871200.