Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Jeder ist Gott gleich nahe“

Ideenwettbewerb, Reformationsjubiläum, Gedenken an Martin Luther: Immer stärker rücken diese ­Themen im Vorlauf auf 2017 in den Vordergrund. Wie hängen sie eigentlich miteinander zusammen?, fragte Alexander Schweda Kirchenrat Dan Peter, den Vorsitzenden im Lenkungskreis des Ideenwettbewerbs.

„Die Themen des Wettbewerbs sind ganz direkt von den Themen der Reformation abgeleitet“, sagt
Kirchenrat Dan Peter, Vorsitzender des Lenkungskreises des Ideenwett­bewerbs. (Foto: privat)

In der Bibel gibt es das schöne Gleichnis vom Senfkorn. Bei Ihrem Ideenwettbewerb wachsen die Bäume noch nicht in den Himmel, aber welche Senfkörner können Sie schon entdecken, wo Sie sagen: Da könnte etwas Großes daraus werden?
Dan Peter: Zum Beispiel erhalten wir Stimmen von Menschen, die sich jenseits der Kirchengemeinde mit der evangelischen Kirche verbunden fühlen. Wir entdecken dabei, was sich die Menschen vorstellen oder wünschen, die möglicherweise im Sonntags-Gottesdienst nicht so stark vertreten sind. Ein schlichtes Beispiel: Es gibt einige, die schreiben uns, sie hätten gern jeden Tag ihre Kirche offen. Aber dann geht es schon auseinander: Die einen wünschen sich einen Raum der Stille, andere sagen, ich möchte in diesem Raum auch gute Worte hören, Bibellesungen oder Musik, die mir beim Nachdenken oder Glauben helfen. Also zwei völlig disparate Erwartungen. Beide Seiten sagen aber: Ich möchte Kirche erleben, nur anders als sonst.

Und das nicht nur am Sonntagvormittag.
Dan Peter: Ganz genau. Was mich übrigens auch erstaunt hat, ist, dass bei dem Ideenwettbewerb Vorschläge zum Tierschutz eingetragen wurden oder zu einem besseren Verhältnis zur Schöpfung, so wie wir es vielleicht vordergründig gar nicht auf dem Schirm haben.

Menschen, die bei uns Ideen einreichen, haben oft auch längst erkannte Zielgruppen anders im Blick. Zum Beispiel: Menschen mit Demenz sehen wir eher in Zusammenhang mit der Zuwendung. Und nun kam die Idee, wie kann man ihnen noch einmal die wichtigsten Grundfragen des Glaubens nahebringen, auch wenn sie nicht zu einem diskursiven Denken in der Lage sind? Wie kann ich ihnen das Thema Geborgenheit bei Gott nahebringen?

Ein anderer hatte die Feuerwehr als Zielgruppe kirchlichen Handelns im Blick. Er sagte, meine Feuerwehrkollegen, die täglich der Gefahr begegnen, sollen doch auch erfahren, welchen Halt man in Gott hat. Zum Beispiel mit Bibeltexten, die mit Gefahr und Bedrohung zu tun haben.

Also unterm Strich ist der starke Wunsch da, die Kirche im eigenen Alltag zu erleben.
Dan Peter: Ganz genau, die Alltagsrelevanz des Glaubens wird immer wieder unterstrichen, aber auch eine Kleinteiligkeit im positiven Sinne: Wie kann ich meinem Freund einen Gruß schreiben, in dem ganz wesentliche Dinge des Glaubens festgehalten werden? Oder: Wie kann ich mit einem biblischen Bild genau das ausdrücken, was bei mir und der Gesellschaft gerade im Umbruch ist?

Welche Erfahrungen würden Sie denn davon gerne den Kirchengemeinden weitergeben?

Dan Peter: Manchmal habe ich den Eindruck, dass eine gewisse Selbstgenügsamkeit da ist. Nicht überall. Das ist mir wichtig. Es gibt Gemeinden, die das kommunale Leben, den Bezirk und viele gesellschaftliche Umbrüche sehr gut im Blick haben. Aber manchmal wünsche ich mir, dass sie merken: Wir müssen das nicht alles alleine angehen. Die Nachbargemeinde kann uns vielleicht ergänzen, mit dem Bezirk könnten wir zusammen Angebote schaffen, die viel spannender sind. Allein schon durch die Vielfältigkeit, oder auch weil das Angebot für eine kleine Gruppe nicht ins Gewicht fällt, aber für vier, fünf Orte eine ganz gute Zahl an Interessenten hätte.

Also zum einen sich nicht zu sehr zurückziehen und zum anderen sich auch nicht übernehmen und Wege der Zusammenarbeit suchen: Ist das die Aufgabe?
Dan Peter: Die Lage hat sich zugespitzt. Auf der einen Seite fühlt man die Verantwortung in den Gemeinden, für alle Menschen da zu sein, was aber eine Überforderung ist. Viele Menschen zeigen auch wenig Interesse an Angeboten oder dem Gemeindeleben vor Ort, obwohl sie Glaube und Kirche nicht abgeneigt sind. Da gilt es, die Chance zu ergreifen, mit einer Art zweitem Netzwerk neben der Arbeit vor Ort diese Menschen anzusprechen und ihre Interessen, oft auch ihre Gaben, auf andere Weise fruchtbar zu machen.

Der Wettbewerb steht offiziell im Rahmen des Reformationsjubiläums. Wo ist die Verbindung?
Dan Peter: Die Themen des Wettbewerbs sind ganz direkt von den Themen der Reformation abgeleitet: Allein Christus, allein die Schrift, allein die Gnade und so weiter. Daraus hat man Thesen und passende, aktuelle Gegenfragen abgeleitet. Aber auch Grundanliegen der Reformation wie das Priestertum aller Gläubigen, also die Frage der Beteiligung über den Klerus hinaus durchziehen den gesamten Ideenwettbewerb.

Das war damals eine große Auseinandersetzung. Es gab einen Stand, nämlich die Geistlichen, von dem man meinte, er wäre näher bei Gott. Die Reformation hat aber biblisch untermauert dagegen gesetzt: Es gibt keinen besonderen Stand vor Gott. Dieses Anliegen, jeder von uns ist Gott gleich nahe und wichtig, das durchzieht alle Wettbewerbe. Ebenso das Thema der Rechtfertigung, das sich heute vermutlich vordergründig anders stellt. Damals: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Heute: Wie bekomme ich einen gnädigen Chef, Ehepartner oder Kollegen? Was bin ich wert und wer spricht mir diesen Wert zu? Wie schaffe ich es, dass ich mich nicht ständig rechtfertigen muss?

Also wie werden wir barmherziger?
Dan Peter: Ja, aber ich möchte es bewusst nochmals von der Leistungsseite aufziehen. Ich habe den Eindruck, dass wir heute rein zeitlich gesehen weniger arbeiten als früher, und trotzdem steht fast jeder von uns so unter einem wahnsinnigen Leistungsdruck, und muss sich permanent selber beweisen. Das bekommen wir auch im Wettbewerb gespiegelt. Viele Ideen haben damit zu tun, dass nach mehr innerer Freiheit gesucht wird oder jemand mal Rückenwind bräuchte, um das zu tun, wovon er lange geträumt hat. Wer dann öffentlich mit abstimmt und natürlich die Jury müssen nun die Ideen auswählen, die möglichst vielen etwas bringen oder einfach besonders gut sind. Das ist gar nicht so leicht.

Das Reformationsjubiläum soll ja eine Feier werden. Was haben wir zu feiern?
Dan Peter:Wir haben etwas zu feiern, das die Welt heute noch einmal in ganz anderer Weise braucht. Damals haben viele erkannt, ich brauche keinen Mittler zu Gott, ich darf mich direkt mit Gott unterhalten und darf auch zu meinem Nachbarn sagen: Du bist genauso in der Lage, dir die biblischen Wahrheiten zu erschließen und dich mit Gott selber zu unterhalten. Ich glaube, dass wir heute eine weitere Stufe dieser Geschichte erleben: Nämlich, dass wir heute in noch viel umfassenderem Maße keine Türhüter mehr haben, sondern überall Menschen miteinander ganz offen ins Gespräch treten.

Das hat Vorteile. Wir erleben aber auch die Abgründe. Im Netz und überall nehmen die gegenseitigen Verurteilungen und Beschimpfungen zu, weil eben keine Schleusen mehr dazwischen sind. Aber dieses: Ich kann meine Meinung frei äußern, vor Gott, vor Menschen und vor dem Kaiser, das hat sich bis heute aus der reformatorischen Zeit übertragen.

Dazu gehört dann vielleicht auch, dass man einen inneren Richter braucht, der einem sagt: Ich habe eine Grenze überschritten.
Dan Peter: Das ist die andere Seite der Freiheit. Nehmen wir in gleicher Weise die Verantwortung wahr? Zügeln wir uns auch mit bestimmten Dingen? Nicht jedes wahre Wort ist zu jeder Zeit gut gesagt.

Also, das braucht eine ganz andere Form von Verantwortlichkeit, Bildung und Herzensbildung. Was ja auch ein reformatorisches Anliegen war.

Dass es heute reformatorische Kirchen gibt, könnte man auch so sehen, dass die Reformation eine Kirchenspaltung nach sich zog, die heute noch eine Wunde ist. Wird sie wieder heilen?
Dan Peter: Für mich ist das Spannende daran, dass in einer so stark aufgesplitteten Gesellschaft auch die Form des Zugangs zum Glauben sehr unterschiedlich sein muss. So sehe ich die Vielfalt der christlichen Kirchen heute eher als Chance. Beide großen Kirchen sind auch nicht mehr die gleichen wie sie damals waren. Sie sind gereift im Miteinander, manchmal auch im Gegeneinander. Sie haben völlig neue Formen des Umgangs miteinander gefunden.

Der Name Luther steht bei uns im Vordergrund. Wie kann man über diesen Mann sprechen, dass er für Menschen außerhalb der Kirche interessant wird? Manchen ist er heutzutage als Mensch und Person vielleicht schwer zugänglich.
Dan Peter: Also dass Luther schwer zugänglich sein soll, finde ich nicht. Denn Luther hat es geschafft, eine Herzenssprache in die deutsche Übersetzung der Bibel einzuführen. Er hat dadurch sprachbildend gewirkt und die Bibel wirklich nahe gebracht.

Luther hat ja nicht einfach die Bildwelten des Urtextes übertragen, sondern auch Bildwelten aus seiner Umgebung aufgegriffen und damit einen emotionalen und sehr angemessenen Umgang mit der Heiligen Schrift geschaffen – bis heute.

Ich habe vielleicht deshalb schwer zugänglich gesagt, weil man die deutsche Übersetzung inzwischen als ganz selbstverständlich hinnimmt, aber dieses 16. Jahrhundert uns gleichzeitig fremd bleibt.
Dan Peter: Ja, es war eine deftige Welt damals, die das Thema Leben und Tod noch ganz anders erfahren hat, auch die Themen Hass, Hunger oder Feuersbrünste. Das kennen die meisten nur noch vom Hörensagen und erleben es kaum persönlich. Wir werden jetzt aber mit Menschen konfrontiert, die genau diese Lebensbedrohungen und Urängste in ihrem Alltag erfahren haben. Hungersnot, Verfolgung. Da rückt uns Luthers 16. Jahrhundert wieder unerwartet nahe.

Wenn Sie heute an das Jahr 2017 denken, was wünschen Sie sich?
Dan Peter: Ich wünsche mir das, was in der Reformation passiert ist, dass Menschen mit völlig neuem Ansatz die Bibel lesen, dass sie entdecken, welche Alltagswirklichkeit Gott ist und dass Erlösung und Versöhnung, dass Christus, der Sohn Gottes, das Zentrale unseres Glaubens sind.



Mehr zum Ideenwettbewerb zum Reformationsjubiläum finden Sie im Internet auch unter der Adresse www.kirche-macht-was.de