Christliche Themen für jede Altersgruppe

Jesus würde Indiaca spielen

MALMSHEIM (Dekanat Leonberg) – Seit rund 80 Jahren wird in Deutschland Indiaca gespielt. Zuerst in den Jungscharlagern des CVJM, später als Freizeit- und Turniersport. Auch bei der Evangelischen Jugend Malmsheim hat das Spiel eine lange Tradition. Warum eigentlich? 


Der Ball ist federleicht. (Foto: Dorothee Fauth)

Was wäre, wenn Jesus heute leben würde? Womöglich hier in Deutschland? Das ist ein anregendes Gedankenspiel, über das schon ganze Bücher geschrieben wurden. Würde er ein Elektroauto fahren, sich in Flüchtlingsheimen engagieren, Lieder über die Liebe singen? Ganz bestimmt – das können wir uns zumindest gut vorstellen – hätte er Spaß daran, einen kleinen weichen Ball mit roten Federn durch die Luft zu dreschen: Jesus würde Indiaca spielen. Als Mannschaftskapitän mitten unter denen, die an ihn glauben.

Indiaca ist der Kirchensport schlechthin, auch wenn der Boom der 1980er-Jahre längst vorbei ist. „Ich erinnere mich noch genau an unsere Jung­scharferien“, erzählt Henrik Struve. „Das Spiel hat jedes Zeltlager begleitet. Sogar in den Pausen während der Busfahrten haben wir es herausgeholt.“ Damals war der Malmsheimer 14 Jahre alt. Heute, mit 41, fühlt er sich beim Indiaca immer noch zu Hause. Verschwitzt steht er in der Rankbachhalle in Renningen, wo die Evangelische Jugend Malmsheim, zu der auch die Erwachsenen zählen, jeden Freitag ihr action- und temporeiches Hobby trainiert.
Über die Jahre hat sich das Jungscharspiel zu einem allgemeinen Freizeitvergnügen und zum Wettkampfsport weiterentwickelt. Dabei tragen die Kirchengemeinden ihre Turniere in einer eigenen Liga aus, die den Namen Eichenkreuz trägt. Und die Malmsheimer spielen ganz vorne mit. Zwölf Mal sind sie schon Deutscher Meister geworden. Zuletzt feierte 2016 die männliche A-Jugend diesen Erfolg. Henrik Struve, Landesjugendreferent für Sport und Erlebnispädagogik, hat es sogar in die Auswahl des deutschen Nationalteams geschafft, mit dem er in diesem Sommer zum zweiten Mal Weltmeister geworden ist.

Die Ursprünge des Indiaca, einer Mischung aus Federball und Volleyball, liegen in Brasilien. Vermutlich wurde es von den Ureinwohnern bereits seit Jahrhunderten gespielt, bevor es 1936 nach Deutschland kam. Der Kölner Sportlehrer Karlhans Krohn hatte Jugendliche am Strand der Copacabana bei ihrem Spiel beobachtet, das sie Peteca nannten. Später entstand aus den Wörtern Indianer und Peteca der Begriff Indiaca. Inzwischen ist es weltweit verbreitet und vor allem in Japan zum Volkssport geworden. Dort gibt es eine Million Spieler.

Das Schöne am Indiaca: Es ist quasi federleicht erlernbar, sodass jeder sofort mitmachen kann. Spielen kann man spontan und nahezu überall: zu zweit oder in der Gruppe, im Kreis oder übers Netz, in der Halle, im Park – und sogar auf Autobahnparkplätzen. Geschlagen wird mit der flachen Hand, und letztendlich geht es immer darum, dass das Spielgerät nicht zu Boden fällt. Die Federn stabilisieren den Ball. Wenn der Wind etwas auffrischt, legt man einfach Centstücke zwischen das Kissen und die Stelle, wo die Federn aufgeschraubt werden. So lässt sich das Gewicht optimieren.

Dass Jesus bei jedem Training mitspielt, ist bei der Evangelischen Jugend selbstverständlich. Eine kleine Andacht, während der alle im Kreis sitzen, bildet den Auftakt. Auch die sonntäglichen Turniere mit bis zu 50 Jugend-, Männer-, Frauen- und Mixed-Mannschaften am Start beginnen auf diese Weise. „So kann man dabeisein, ohne den Gottesdienst zu verpassen“, sagt der Malmsheimer Sportverantwortliche und Spieler Thomas Blaich.

An diesem Trainings-Freitag hat er die Bibelstelle über die Berufung der Zwölf in Lukas 6, Vers 12 herausgesucht: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass er ging auf einen Berg zu beten; und er blieb über Nacht in dem Gebet zu Gott. Und da es Tag ward, rief er seine Jünger und erwählte ihrer zwölf, welche er auch Apostel nannte.“ – „Jesus beruft uns wie seine Jünger“, erklärt Thomas Blaich. „Wir sind auserwählt trotz unserer Fehler wie auch Judas auserwählt war. Ich wünsche mir, dass wir alle auf der Liste Jesu stehen und ihm nachfolgen.“

Nach diesen besinnlichen Minuten springen alle voller Tatendrang auf. Nun geht es an die Vorbereitung für das nächste Turnier. Laufen, dehnen, aufwärmen, Partnerübungen. Dann treten zwei Teams gegeneinander an im Wettstreit, möglichst viele Indiacas in einen Kasten zu schießen. Dumpfes Klatschen, helles Gelächter, Rufe und Laufschritte erfüllen die Halle. Der Sport erfordert Schnelligkeit, Geschick, Sprungkraft und Ausdauer, kommt aber ohne Körperkontakt aus. Nach dieser Trainingseinheit werden die Netze auf den Spielfeldern aufgebaut, um Aufschlag, Zuspiel, Schmettern aus dem Stand und aus dem Anlauf heraus sowie das Blocken zu üben.

In Malmsheim hat Indiaca eine lange Tradition. „Die Evangelische Jugend und dieser Sport gehören untrennbar zusammen“, sagt Thomas Blaich in einer Trainingspause, in der alle verschwitzt und durstig nach ihren Trinkflaschen greifen. Auf die Frage, warum gerade Indiaca, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Weil es einfach so viel Spaß macht. Weil es etwas Besonderes ist, das nicht jeder spielt. Weil es ein Mannschaftssport ist, bei dem andere an mich glauben. Weil Gott mich und meinen Körper so geschaffen hat, dass ich Sport treiben kann, und ich dieses Geschenk ehren will.
Als vor rund 200 Jahren die deutsche Turnbewegung ins Rollen kam, entdeckte auch die Kirche den Sport als einen wichtigen Bestandteil des christlichen Lebens. Es gibt sogar eine Bibelstelle aus dem Brief des Paulus an die Korinther (Kor. 6,19 und 20), mit der diese Idee untermauert wurde: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist (…) darum preist Gott mit eurem Leibe.“ Vor diesem Hintergrund entwickelte sich auch die Sportarbeit des CVJM, aus der schließlich der Eichenkreuz-Verband hervorging, in dessen Logo sich die Stärke und tiefe Verwurzelung der Eiche mit dem Kreuz verbinden.

In Malmsheim ist Indiaca aber nicht nur Leibesübung und ein Spiel um Sieg und Niederlage, sondern auch ein Sport der Begegnung und eine besondere Form der Jugendarbeit. Weil das sportliche Gemeinschaftserlebnis die Qualität besitze, Menschen zu integrieren, sie für den Glauben und die Kirche zu interessieren. Allerdings macht sich die Jugend in letzter Zeit eher rar, und es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. Das Konkurrenzangebot ist zu groß. „Natürlich wollen wir bei einem Turnier unbedingt gewinnen“, sagt Thomas Blaich, „und Erfolg ist etwas Wunderbares. Aber das sportliche Miteinander ist auch geprägt von unserem Menschenbild. Vielleicht begegnen wir dem Gegner weniger aggressiv und gehen anders mit Niederlagen um.“

Der letzte Teil des Trainings gehört dem Spiel nach Turnierregeln. Die ähneln, wie auch die Technik, dem Volleyballspiel, außer dass nur mit einer Hand geschlagen wird. Immerhin reicht die Teilnehmerzahl an diesem Abend für fast zwei Mannschaften mit je fünf Spielern pro Feld. Mit dicken Kniepolstern werfen sie sich Aufschlägen und Schmetterbällen entgegen, blocken Angriffe und klatschen sich ab, wenn der Ball auf den Boden der gegnerischen Mannschaft fällt. Am Ende erübrigt sich die Frage, ob Jesus heute Indiaca spielen würde. Ist er doch vom ersten Tag an dabei.