Christliche Themen für jede Altersgruppe

Keinen Streit bitte!

Wenn Kinder und Jugendliche auf dem Schulhof zusammen kommen, sind Konflikte vorprogrammiert. Streitschlichter helfen dabei, dass ihre Mitschüler einen friedlichen Kompromiss schließen können. Zu Besuch in einem Schulzentrum und bei Grundschülern.


Markus, Jasmin und Paraskevas (links) sind in Großsachsenheim tätig. (Foto: Werner Kuhnle)

Rund 40 Schülerinnen und Schüler der Klassen sieben bis zehn sitzen an diesem Nachmittag im großen Raum des Jugendhauses HOT in Großsachsenheim im Kreis. In der Mitte sind drei Bistrotische aufgestellt, jeder mit zwei Stühlen. Jeweils zwei der Schüler sollen sich dorthin setzen und sich im Armdrücken messen. Wer gewinnt, bekommt ein Gummibärchen. Immer wieder wird an einem der Tische verbissen darum gekämpft, den Arm des anderen herunterzudrücken.

„Es ist natürlich nicht die Aufgabe, dass einer von den beiden gewinnt“, erklärt Nicole Grosche leise. Ziel sei es vielmehr, dass die beiden zusammen arbeiten, um möglichst viele Gummibärchen zu ergattern. Die Sozialarbeiterin der Jugendhilfe Hochdorf will den Streitschlichtern, die heute Nachmittag hier eine Fortbildung haben, auf spielerische Weise deutlich machen, dass es besser ist, zusammen zu arbeiten.
Markus, Jasmin und Paraskevas, von seinen Mitschülern einfach Paris gerufen, sind drei der Konfliktlöser auf dem gemeinsamen Campus von Eichwald-Realschule, Gemeinschaftsschule und Kirbachschule, einer Förderschule. Dort steht auch das Jugendhaus, in dem sie sich heute mit ihren Streitschlichter-Kollegen treffen. Die drei sind jetzt im dritten Jahr als Vermittler unterwegs und besuchen die neunte Klasse. Markus und Jasmin sind in der Gemeinschaftsschule, Paris in der Realschule. Die 14-Jährigen mischen sich ein, wenn sich Kinder oder Jugendliche beleidigen, einander nicht zuhören oder gar einen Klassenkameraden mobben. Wenn jemand in Not ist oder traurig, dann wollen sie helfen.

In der Regel werden sie gerufen. Von Mitschülern der Streithähne, von Lehrern. Dann kommen sie in Zweierteams und bringen die Kontrahenten erst einmal dazu,  zuzuhören, den anderen ausreden zu lassen. Sie wollen zunächst erfahren, was passiert ist, dann, wie sich die jeweiligen Parteien fühlen. Und im Anschluss sollen die Streitenden eine Lösung finden, wie sie den Konflikt friedlich beilegen können. Das klappt nicht immer sofort. Jasmin zum Beispiel war mit Markus als Streitschlichterin unterwegs, als sich mehrere Fünftklässler gegenseitig beleidigt haben. Mehr als eine  halbe Stunde lang haben die beiden versucht, die Kinder zu beruhigen. Als alles nichts mehr half, holten sie den Klassenlehrer.  „Erst dann haben die Fünftklässler eine Lösung gefunden“, erzählt Jasmin. Markus nickt bestätigend.

Natürlich können sie nicht alle Konflikte an der Schule lösen. Wenn die Kontrahenten einen Kompromiss gefunden haben, sich aber auch  nach einer Woche nicht an ihre Vereinbarung halten, dann hilft nur der Gang zum Klassenlehrer, sagt Markus.

Überhaupt, der Klassenlehrer. Dass der vom Konflikt erfährt, ist ein gutes Druckmittel, findet Paris. „Viele haben Angst davor, dass wir das den Lehrern sagen.“ Auch deshalb sei es wohl noch nie vorgekommen, dass er als Streitschlichter selbst angegriffen wurde. Das bestätigen auch Jasmin und Markus. Ansonsten komme es darauf an, die Mitschüler zu kennen. „Es ist einfacher, einen Streit zu schlichten, wenn man den Bruder von einem der beiden kennt“, meint Paris. 

In ihrer Ausbildung haben sie gelernt, wie sie gut in einen Konflikt hinein gehen. Das Wichtigste: ruhig bleiben, sich nicht selbst mit aufregen, erstmal durchatmen. Und wenn die Streithähne plötzlich die Schlichter beleidigen, denken: „Es ist gleich vorbei.“ Das ist nicht immer einfach. Da ist es gut, dass sie zu zweit unterwegs sind. 

Und wie streiten die Friedensstifter selbst? Das können sie gar nicht so genau sagen. Sicher, Meinungsverschiedenheiten gebe es schon mal im Freundeskreis. Aber „da streitet man sich anders“, finden Jasmin, Markus und Paris. Richtig Krach gebe es jedenfalls nicht. Nicole Grosche, die Sozialarbeiterin von der Jugendhilfe Hochdorf, die die Streitschlichter betreut, schaltet sich ein in das Gespräch. Sie hat beobachtet, dass die Helfer gerade durch ihre Ausbildung – immerhin eineinhalb Tage am Stück und drei, vier Nachmittage pro Jahr – gelernt haben, Ich-Botschaften auszusenden. „Ich sehe, dass ihr ganz anders argumentiert. Das bekommt ihr gar nicht bewusst mit.“

Insgesamt, sagt Grosche, hat sich das Klima auch zwischen den Schulen verbessert. Weil sich die Friedensstifter aus der Ausbildung kennen, helfen sie dabei, bei ihren Klassenkameraden Vorurteile gegenüber der anderen Schule abzubauen.

Was das beliebteste Ehrenamt  in der Oststadtschule II, einer Grundschule, in Ludwigsburg ist? „Streitschlichter“. Kinder der dritten und vierten Klasse werden dafür gewählt. Zu Beginn des Schuljahres haben sie sechs Doppelstunden am Nachmittag eine Ausbildung, die von Ulrike Happle von der diakonischen Einrichtung Karlshöhe  geleitet wird.

Für jede große Pause gibt es ein fest eingeteiltes Zweierteam, das dann mit grünen Westen unterwegs ist. „Streitschlichter Oststadtschule II“ steht in schwarzen Buchstaben drauf. Philipp und Fabian haben sich an diesem letzten Ausbildungstermin einen Konflikt ausgedacht, um zu zeigen, wie eine Schlichtung läuft. Gemeinsam mit den Marlene und Benike, den Konfliktlöserinnen, stehen sie vor einer Pinnwand. Darauf die „Friedensbrücke“ und ihre Schritte in Wort und Bild. Marlene und Benike stellen sich vor, fragen die vermeintlichen Streithähne, ob sie eine Schlichtung wollen. Dann stellen sie die Friedensbrücke vor. Schritt eins: die Regeln. Höflich sein. Den anderen ausreden lassen. Wiederholen, was der andere gesagt hat. Schritt zwei: Standpunkte austauschen. „Ich hab ‘ne schlechte Note geschrieben, und der Fabian hat mich geärgert“, sagt Philipp. Fabian wiederholt das – und fügt hinzu, dass Philipp ihn deshalb vermöbeln wollte. Nun ist Philipp an der Reihe. Der gibt zu, dass er seinen Mitschüler verhauen wollte.

Benike und Marlene wollen wissen, ob die zwei eine Lösung haben. Damit sind sie schon bei Schritt drei der Friedensbrücke. Philipp hat einen Vorschlag: „Wenn Fabian mich nicht mehr ärgert, dann brauch ich ihn auch nicht mehr zu vermöbeln!“ Nun kommt es zu Schritt vier: dem schriftlichen Abkommen. Dazu haben Marlene und Benike einen Vordruck dabei, in den sie eintragen, was passiert ist und worauf sich die Kontrahenten geeinigt haben. Mit Datum und Unterschrift bestätigen die Streitenden, dass das Abkommen gültig ist. Nach ein paar Tagen wäre es die Aufgabe der Streitschlichterinnen, nachzuhaken, ob das Abkommen eingehalten wurde, und wenn nein, weshalb nicht.

Selbstverständlich können auch an der Grundschule nicht alle Konflikte durch die Schüler selbst gelöst werden. Wenn die Kontrahenten oder einer von ihnen beispielsweise keine Schlichtung wollen, können die Helfer nichts ausrichten. Und das sollen sie auch gar nicht, sie dürfen die Schlichtung abbrechen. Doch meist ist das nicht nötig: Die Streitschlichter sind so anerkannt, dass ihr Wort gilt.