Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Lena ist mein Freund“

Reiten ist für manche Jugendliche der Höhepunkt der Woche. Bei Menschen mit Behinderungen ist es aber noch viel mehr: Physiotherapie oder auch Schulung im Umgang mit anderen. Ein Besuch beim Therapeutischen Reiten auf dem Pferdehof der Diakonie Stetten. 


Jule und Dominik bei einer Partnerübung. (Foto: Werner Kuhnle)

Es ist kühl an diesem Novembermorgen in der Reithalle der Diakonie Stetten. Auf der Bank sitzen Jule und Dominik. Bei ihnen steht heute Reiten auf dem Programm. Jule trägt schwere Schuhe, sie nutzt in der Regel einen Gehwagen. Der steht jetzt in einer Ecke. Denn Jule ist auf dem Weg zu Lena, „ihrem“ Pferd. Jule stemmt sich von der Bank hoch, beugt sich zum nahen Geländer hinüber, hält sich daran fest und zieht die Füße nach. Zwei Helfer stehen bereit auf dem Sandboden, die sie zum Pferd begleiten und sie stützen. Neben dem Tier steht ein Podest, auf das Jule steigt, rechts und links gestützt von den Helfern. Oben angekommen, erklimmt Jule Lenas Rücken. Kaum sitzt Jule im Sattel, geht ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht. Beim Reiten ist die 17-Jährige in ihrem Element. Sie scheint wie verwandelt, als sie mit Lena ihre Runden in der Halle dreht.

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Nun ist Dominik an der Reihe. Endlich. Er holt sich eine Kiste, die er über den Sand zu „seinem“ Pferd zieht. Klettert drauf und steigt auf. Eigentlich ist Dominik kein großer Freund von Sport und Bewegung. Aber beim Reiten, da ist alles anders. Zwei Reihen der orange-weiß gestreiften Pylonen, der Kegel also, die man aus dem Straßenbau kennt, stehen links in der Halle in zwei versetzten Reihen nebeneinander. Jeder Kegel steht in einem farbigen Ring, obenauf jeweils ein Kegel. Dominik soll vom Pferderücken aus kleine Scheiben auf die Kegel werfen, so dass diese herunterfallen. Aber nicht wahllos. Es kommt darauf an, welche Farbe der Ring am Boden hat: So soll der 14-Jährige erst alle Kegel herunterschießen, die am Boden einen roten Ring liegen haben.

Was hier so spielerisch daherkommt, könnte auch eine eher langweilige Aufgabe sein: Farben lernen und sie einander zuordnen. Ralf Roos, einer der Therapeuten hier auf dem Pferdehof, erklärt den Hintergrund der Übungen.

Zwei Therapeuten sind beim Therapeutischen Reiten tätig, und neben den Reiterinnen und Reitern gibt es Mitarbeiter, die selbst ein Handicap haben. Der Pferdehof gehört zu den Remstal-Werkstätten. Für die Mitarbeiter ist das Arbeiten mit Tieren und Menschen etwas ganz Besonderes. Denn wer die Reiter in der Halle unterstützt, darf sich schon auch einmal selbst Aufgaben überlegen, die die Reiter dann ausführen.

„Beim Reiten ist man aufeinander angewiesen“, erklärt Ralf Roos. Die Klienten, so heißen die Reiterinnen und Reiter in der Fachsprache, „wissen, sie müssen sich ruhig verhalten – und sie bleiben selbst gelassen, weil sie ein ruhiges Pferd wollen.“ Dabei ist es schon eine Kunst, für jeden Klienten das richtige Pferd herauszusuchen. Wie bei den Menschen gibt es auch bei den Reittieren ganz unterschiedliche Charaktere, und es soll ja passen. Da sind Menschen- und Tierkenntnis gefragt.

Mathilde Hartel, die heute das Therapeutische Reiten anleitet, berichtet nach der Reitstunde von Jule und Dominik von einer Begebenheit, die zeigt, welche Auswirkungen das Reiten haben kann. „Was habt ihr denn mit dem Soundso gemacht?“, wurde sie von einer Kollegin, die in einer Wohngruppe arbeitet, einmal gefragt. Der Bewohner einer Wohngruppe der Diakonie Stetten sei früher immer ausgeflippt, wenn sein Zimmernachbar unruhig war. Beim Reiten bekam er ein unruhiges Pferd zugeteilt. Der Reiter lernte: Je mehr er sich aufregt, desto unruhiger wird sein Pferd. Also änderte er seine Strategie. Und ohne dass er von irgendjemandem ermahnt wurde, fing er in der Wohngruppe an, mit seinem Nachbarn zu reden, statt wie sonst auszuflippen. Es sind Geschichten wie diese, die Mathilde Hartels Augen zum Leuchten bringen.

Auch die Augen von Dominik leuchten. Während der Reitstunde hat er immer wieder etwas mit Farben gemacht. Zum Beispiel Ringe auflesen, die alle dieselbe Farbe haben. Auf seinem Pferd kommt er an den Beobachtern vorbei, hält ihnen einen Ring entgegen und sagt: „Hallo, ich hab hier eine Krone!“ Sichtlich Spaß macht ihm auch eine andere Aufgabe, die er mit Jule zusammen ausführt: Er nimmt je einen blauen Ring vom Vorsprung an der Wand und reicht ihn an Jule weiter, die mit ihrem Pferd auf gleicher Höhe, aber ein paar Schritte entfernt von Dominik steht. Die beiden müssen sich ganz schön hinüber- und herüberbeugen, damit das gelingt. Auch für Jule geht es in beide Richtungen: Nachdem sie den Ring von Dominik zu ihrer Linken entgegengenommen hat, führt sie ihn über einen Stab, den ihr der Helfer zu ihrer Rechten entgegenstreckt.

Und dann darf Jule im leichten Trab durch die Halle fegen – ihre Haare flattern, das Gesicht strahlt. Dominik hingegen klaubt einen Ball auf, der auf Kisten und einer Pylone aufgebaut ist. „Was mach ich jetzt damit?“, will er wissen. Erst mal: Festhalten. Und danach in einen Korb werfen. Jule darf gerade ihr Pferd selbst lenken. Mit den Zügeln. Im Slalom zwischen den Pylonen durch, die noch immer in einer Doppelreihe aufgebaut sind. Lena und Jule schaffen das ganz ohne Fehler. „Ich bin so stolz auf dich“, sagt Jule zum Pferd Lena. „Und ich bin stolz auf euch beide“, sagt Mathilde Hartel, die das Pferd an der langen Leine führt.

Beim Reiten gibt es im Pferdehof drei Richtungen. Zum einen die Krankengymnastik, die sich mit Pferd manchmal einfacher gestaltet als ohne. Zum anderen Koordination und soziale Interaktion wie zum Beispiel in den Partnerübungen. Und dann auch einfach: Reiten als Hobby. Für alle drei Bereiche müssen die Pferde sehr gut ausgebildet sein, sagt Sven Krug, Leiter des Bereichs Grünwerk, zu dem auch der Pferdehof gehört. Schließlich müssen die Tiere spüren, wer gerade auf ihrem Rücken sitzt, was der Reiter braucht und sich dann entsprechend verhalten. „Da kann man nicht einfach ein altes Rennpferd einsetzen“, erklärt Ralf Roos.

Für manche Klienten ist das Reiten einfach mal für einige Zeit interessant. Andere bleiben länger dabei. Und für wieder andere ist das Reiten nichts, es macht ihnen schlicht keinen Spaß. Es ist eben wie überall. Nicht jeder mag   jedes Hobby, und nicht jeder treibt jedes Hobby aus der Kindheit und Jugendzeit weiter. Aber wenn sie es tun, dann ist es für Mathilde Hartel eine große Freude.

Für Jule und Dominik ist die wöchentliche Reitstunde, die nur eine halbe Stunde dauert, der Höhepunkt der Woche. Warum das so ist? Jule schaut einen mit großen Augen an. Als sei das doch sonnenklar. „Lena ist mein Freund.“